Eltmann

Wir haben uns selbst verstümmelt

Freie Termine bei Handwerkern sind ein seltenes Gut. Wieso die Branche wieder mehr ausgebildete Meister braucht und weshalb Integration so schwer ist, erklärt Hans-Georg Häfner, Kreishandwerksmeister Haßberge, im exklusiven FT-Gespräch.
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Benjamin Häfner arbeitet wie sein Vater, Kreishandwerksmeister Hans-Georg Häfner, in Eltmann. Die Auftragsbücher der meisten Firmen sind voll, nur der fehlende Nachwuchs wird zum Problem.  Fotos: Stephan Großmann
Benjamin Häfner arbeitet wie sein Vater, Kreishandwerksmeister Hans-Georg Häfner, in Eltmann. Die Auftragsbücher der meisten Firmen sind voll, nur der fehlende Nachwuchs wird zum Problem. Fotos: Stephan Großmann
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Die Auftragsbücher sind voll, Kunden müssen oft Wartezeiten in Kauf nehmen, um Sachen repariert oder Häuser gebaut zu bekommen. Warum das so ist, erklärt Haßberge-Kreishandwerksmeister Hans-Georg Häfner im Interview:

Müssen wir uns Sorgen machen, dass kein Handwerker mehr kommt, wenn wir ihn rufen?

Hans-Georg Häfner: Dass keiner kommt, wird nicht passieren. Aber wenn Sie einen Notfall wie einen Rohrbruch haben, dann kann es sein, dass Sie eine oder sogar zwei Stunden warten müssen. Ich kenne viele Bauherrn, die nicht mehr bauen, wann sie wollen. Sondern sobald sie Handwerker bekommen.

Woran liegt das?

Es gibt nicht mehr Arbeit als noch vor einigen Jahren. Aber es gibt immer weniger, die mit den Händen aktiv sind. Dann müssen die Wenigen dieselbe Arbeit erledigen.

Wie sieht es hier im Landkreis aus?

Wer im Maintal wohnt, hat klare Vorteile. Dort gibt es mehr Betriebe, auch wegen der Nähe zu Bamberg und Schweinfurt. Wenn ich aber am Rand des Landkreises wohne, wird es schwieriger, im Notfall einen Handwerker zu finden.

Weniger Geld, harte Arbeit, schmutzige Hände: Gibt es ein Imageproblem, welches junge Leute davon abhält, einen handwerklichen Beruf erlernen zu wollen?

Nein, das hat nichts mit dem Image zu tun. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft. Alle denken, man kommt leichter durchs Leben, wenn man nicht als Handwerker arbeitet. Im Handwerk gibt es zwar sicher weniger Burnouts als in vielen Bürojobs. Aber die Verlockung, immer sauber gekleidet im Trockenen zu sitzen, ist groß. Das gehört zum Wohlstandsgehabe.

Zum Wohlstand gehört auch Geld.

Vor allem die Industrie wirbt viele Fachkräfte ab, die dem Handwerk gut tun würden.

Das ist schon immer so, das lässt sich nicht verhindern. Wenn ein Handwerker 20 Euro in der Stunde verdient, dann ist die Industrie in der Lage, ihm 25 Euro zu zahlen. Dort verdient die Maschine das Geld - nicht der, der davorsteht. Wenn ich mein Geld über Stückzahlen verdiene, kann ich Preise und Löhne anpassen.

Ohne Maschinen geht aber auch im Handwerk nichts mehr ...

Ganz klar.

Wie lässt sich das Handwerk für junge Leute attraktiver gestalten?

Wir geben uns zu wenig Mühe, die jungen Leute aufzuklären, was sich hinter den Begriffen Metzger, Bäcker, Elektriker und Schlosser verbirgt. Es gibt noch ein Problem: Wer nicht jedes Jahr kontinuierlich ausbildet, hat es ungleich schwerer, wenn er mal einen Lehrling braucht. Die jungen Leute sprechen miteinander - wer am Ball bleibt, bekommt seine Bewerbungen.

Ist jeder Bewerber geeignet?

Klar gibt es große Unterschiede. Manche Lehrlinge haben es einfach drauf, bei anderen brauchen wir in der Ausbildung die dreifache Zeit. In einem durchschnittlichen Handwerksbetrieb arbeiten 4,7 Personen, in Bayern sind aber die Hälfte der Unternehmen Ein-Mann-Betriebe. Wenn der einen schwachen Lehrling hat, ist der Aufwand enorm.

Computer statt Hobel - Talent alleine reicht ja nicht mehr aus.

Die Ausbildung hat sich dahingehend geändert, dass es kaum noch einen Beruf gibt, der nicht digitale Grundkenntnisse voraussetzt. Dabei sind wir auf einem guten Weg. Jugendliche werden in den Schulen mit Computern vertraut gemacht. Es ist gar nicht wichtig, dass sie Programme lernen, die sie später im Beruf brauchen. Sie sollten wissen: Wie bediene ich das Gerät, was ist sicher, was darf ich? Das reicht in der Regel.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger meinte vor kurzem im FT-Interview, er wolle mehr Abiturienten ins Handwerk holen. Ist das der richtige Weg oder sperrt es vielleicht sogar den Mittelschulen-Absolventen aus?

Das glaube ich nicht. In Unterfranken werden ständig Fachkräfte gesucht, die einen Betrieb übernehmen. Hier kommen die Abiturienten ins Spiel: Sie sind etwas älter und erfahrener. Es macht einen Unterschied, ob ich einen 15-Jährigen in der Ausbildung habe oder einen, der schon 20 ist. Letzterer hat mehr Lebenserfahrung, da tut sich der Ausbilder leichter. Das meinte Herr Aiwanger bestimmt.

Was macht gute Handwerker aus?

Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und ein Ziel vor Augen zu haben. Das Praktische kommt über die Erfahrung. Entscheidend ist der Wille.

Arbeiten oder weiterbilden?

Wenn Menschen mit einer guten handwerklichen Ausbildung nicht studieren wollen, wer dann? Nur Studierte, die direkt von der Schulbank kommen, brauchen wir nicht. Wir brauchen die Praktiker.

Finden deshalb viele Handwerksbetriebe kaum gute Gesellen?

Nicht immer suchen sich junge Leute den Beruf selbst aus. Sie ziehen ihre Ausbildung vielleicht durch, merken aber später, doch etwas anderes machen zu wollen. Und: Weil wir, wie gesagt, in einer Wohlstandsgesellschaft leben, spielt die Freizeit eine sehr große Rolle.

Wie meinen Sie das?

Die meisten wollen 7 Uhr anfangen und 15 Uhr im Schwimmbad sein. Das geht im Handwerksberuf in der Regel nicht so leicht wie etwa in der Industrie. Dort kann mit dem Schichtwechsel ein anderer die Maschine übernehmen. Der Schreiner kann nicht einfach mittendrin aufhören. Der Kunde erwartet zu recht, dass Handwerker fünf Tage die Woche da sind, wenn sie einen Auftrag haben. Da kann ich am Donnerstagnachmittag nicht sagen: Ich habe 35-Stunden-Woche, ich gehe jetzt heim.

Aufträge gibt es genug, die Geschäftslage ist gut. Im Handwerkskammergebiet Main-Rhön, zu dem auch der Landkreis Haßberge gehört, sind einer Umfrage nach 92,3 Prozent der Betriebe zufrieden. Also alles gut?

Der Umsatz der Handwerker in den Haßbergen steigt kontinuierlich, 2018 haben sie 744 Millionen Euro erwirtschaftet. Tendenz steigend. Und das in einer Zeit, in der die Lehrlingszahlen abgenommen haben. Jetzt gehen wir davon aus, dass es wieder mehr werden. Zum Stichtag Ende Mai hatten wir in Unterfranken ein Lehrlingsplus von 13,8 Prozent. Und das bei immer noch fast 1400 offenen Stellen. Es tut sich also was.

Im hiesigen Landkreis gab es 2018 nur 29 Existenzgründungen - der zweitschlechteste Wert Unterfrankens. Woran hapert's?

Weil wir vor einigen Jahren die Meisterprüfungen zurückgefahren haben. Meiner Meinung nach hat sich die Branche dadurch selbst verstümmelt. Jetzt wird zurückgerudert, weil die Leute merken, dass die Qualität, auch die der Ausbildung, leidet. Von den 29 Gründungen waren nur elf Betriebe meisterpflichtig.

93 der Azubis hatten 2018 einen ausländischen Abschluss, ein Drittel mehr als noch 2017. Klappt's mit der Integration im Handwerk?

Ich stelle fest, dass es nicht leicht ist. Man hat versäumt, den Geflüchteten die Fünf-Tage-Woche wirklich nahezubringen und Deutschkenntnisse ordentlich aufzubauen. So richtig klappt es mit der Integration noch nicht.

Wie aufnahmebereit sind die hiesigen Handwerksbetriebe?

Es gibt einige mit guten Erfahrungen. Aber es wäre noch viel mehr Potenzial da. Für die Zahl an jungen Männern, die da sind, passiert noch zu wenig.

Betriebe fordern Rechtssicherheit. Reicht die 3+2-Regelung?

Ich kenne Beispiele, bei denen es funktioniert. Bei mir arbeitet zum Beispiel seit geraumer Zeit ein Syrer, sehr gut integriert. Jetzt haben wir den Antrag gestellt, dass er unbefristet bleiben darf. Der Wille entscheidet.

Aber es gibt welche, die wollen, und trotzdem abgeschoben werden ...

So ein Fall ist mir noch nicht untergekommen.

Wo geht's hin mit dem Handwerk?

Das Handwerk wird noch ein paar Jahre darben und viel arbeiten müssen. Es gibt immer mehr Leute, die keinen Nagel mehr in die Wand schlagen können. Auch deshalb werden wir eine Zeit erleben, in der das Handwerk ganz oben stehen wird. An einem Punkt aber beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz: Auf der einen Seite nach Müllvermeidung schreien und auf der anderen Seite statt von der Fleischereifachverkäuferin nur noch verpackte Ware kaufen, funktioniert nicht. Wer A sagt, muss auch B sagen.

Das Gespräch führte Stephan Großmann.

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