Coburg

Wie Wohnnest, nur für immer

Einige Eltern von behinderten Jugendlichen haben einen Verein namens "Neues Wohnen" gegründet. Sein Ziel: Ein Haus bauen für junge Leute, die dort so weit wie möglich eigenständig wohnen können - trotz all ihrer Einschränkungen.
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Die Wohnanlage Prien bietet 30 Apartments für behinderte Menschen. Sie wurde vom Verein Leben mit Handicap und Eltern errichtet. Foto: Günther Bauer
Die Wohnanlage Prien bietet 30 Apartments für behinderte Menschen. Sie wurde vom Verein Leben mit Handicap und Eltern errichtet. Foto: Günther Bauer
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SImone Bastian Was ist schon normal, wenn man ein schwer oder mehrfach behindertes Kind hat? Ein normales Kind würde nach der Schule einen Beruf erlernen und sich irgendwann von Zuhause abnabeln. Aber ein Behinderter, der für viele alltägliche Verrichtungen einen Assistenten braucht? "Für die nicht so stark Betroffenen gibt es Wohngruppen oder Wohnungen mit ambulanter Betreuung", sagt Stefan Lehnert. Für stärker Betroffene will der neu gegründete Verein "Neues Wohnen" nun eine Möglichkeit schaffen: Auf der Lauterer Höhe, direkt neben der Schule für Körperbehinderte, wo der Verein "Hilfe für das behinderte Kind" noch ein Zugriffsrecht auf ein Grundstück hatte.

Das hat der Verein nun abgetreten für ein Wohngebäude mit 24 Einzelapartments, in dem junge Leute wohnen können wie in einer Wohngemeinschaft - zurückgezogen, wenn ihnen danach ist, oder in Gesellschaft, wenn sie darauf Lust haben. Jedes Apartment soll über Bad und Küchenzeile verfügen; je sechs Apartments bilden eine Wohngruppe. Auf dem Papier ist alles schon geplant, beginnen soll der Bau 2020.

Übernommen hat das Projekt die Bauunternehmerin Gisela Raab, die nicht weit entfernt von dem geplanten Apartmenthaus schon das "Wohnen auf Zeit" errichtet hat, für Leute, die wissen, dass sie nur vorübergehend in Coburg bleiben werden, sei es für ein paar Wochen oder länger. Thomas Nowak, Dritter Bürgermeister und Sozialreferent der Stadt, hatte den Kontakt zu Gisela Raab vermittelt. "Das war ein Sechser im Lotto", schwärmt Lehnert. "Denn das ist nichts, womit viel Geld verdienet wird." Aber immerhin zuverlässig.

Das Gebäude wird über das bayerische Wohnungsbauprogramm gefördert. Und auch sonst wollen Lehnert und seine Mitstreiter alle Fördermöglichkeiten ausschöpfen, die die Pflegegesetze hergeben. Denn die Bewohner werden ihr persönliches Budget und die daraus finanzierten ambulanten Assistenzdienste brauchen, um so eigenständig wie möglich leben zu können. Der Verein selbst will 250 000 Euro aufbringen für Dinge wie Pflegebäder, Gemeinschaftsräume, die Gartengestaltung. Außerdem will er die Anlaufkosten finanzieren. Denn so ein Projekt will auch gemanagt sein, dafür braucht es wieder Personal.

Doch warum überhaupt ein "ambulant betreutes Wohnen"? Stehen für Behinderte nicht auch Heime zur Verfügung? "Es gibt keine solchen Einrichtungen in der Region", sagt Stefan Lehnert. "Sie können Ihr schwerstbehindertes Kind ins Altenheim geben. Dort kann man mit dem hohen Pflegebedarf umgehen." Die einzige Wohn-Einrichtung, die das könne, sei das "Wohnnest" des Vereins "Hilfe für das behinderte Kind", berichtet Lehnert. "Dahin kommen Kinder aus ganz Nordbayern, weil es die einzige stationäre Einrichtung ist, wo sie für ein Wochenende oder auch mal ein, zwei Wochen unterkommen." Aber es ist eben nur Kurzzeitpflege.

"Die wollen ein Wohnnest für die ganze Woche", fasst Ulrich Eberhard-Schramm zusammen, der Vorsitzende des Vereins Hilfe für das behinderte Kind. Er kennt den Bedarf nach derartigen Einrichtungen; er hat das Projekt "Neues Wohnen" auch von Anfang an begleitet. "Ein Wohnheim hat einen eigenen Rhythmus. Es gibt feste Zeiten für Essen und so weiter. Das ist für schwerstbehinderte Jugendliche nicht möglich, und diese Einrichtungen sind auch zu groß", sagt Eberhard-Schramm.

Der Verein Hilfe für das behinderte Kind hat selbst schon einige Wohnungen für Behinderte angemietet. "Als wir die erste bezogen haben, hat sich eine junge Frau bei mir bedankt: ,Wir wollten ja eigentlich nur leben wie ihr!‘ - eigenständig, wie andere Menschen auch."

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