Gräfenberg
Unser Thema der Woche // Mut & Courage

Wie eine Stadt die Neonazis stoppte

Mit Ideenreichtum, Aktionen und Gesprächen vertrieben die Gräfenberger die Rechtsextremen. Zehn Jahre ist der letzte Aufmarsch her. Seitdem gibt es die Allianz gegen Rechts.
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Die drastischen Fotos von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die auf großen Transparenten in der Gräfenberger Innenstadt hingen, schockten die rechten Demonstranten augenscheinlich nicht. Sie verdeutlichen aber, dass die Bürger nichts unversucht ließen, um die Radikalen mit friedlichen Mitteln zu vertreiben. Foto: privat
Die drastischen Fotos von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, die auf großen Transparenten in der Gräfenberger Innenstadt hingen, schockten die rechten Demonstranten augenscheinlich nicht. Sie verdeutlichen aber, dass die Bürger nichts unversucht ließen, um die Radikalen mit friedlichen Mitteln zu vertreiben. Foto: privat
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Zehn Jahre ist es her, dass zum letzten Mal Neonazis durch Gräfenberg marschierten. Zugleich war es der Beginn der "Allianz gegen Rechtsextremismus". Nicht nur Michael Helmbrecht und Karin Bernhardt, die Gründer des Bürgerforums Gräfenberg, sondern auch der damalige Bürgermeister Werner Wolf wurden im Vorfeld bedroht, ihre Häuser mit Farbeiern beworfen. "Wir wissen, wo du wohnst", war die unausgesprochene Nachricht dahinter.

In seinem Mailpostfach fand Wolf Drohungen. "Wer sich uns entgegenstellt, um die werden wir uns besonders kümmern", lautete eine der Botschaften, die auch auf den Internetseiten der Rechten stand.

Kriegerdenkmal im Blick

"Meine Tochter war damals zehn Jahre alt. Die gesamte Familie wurde einbezogen. Da fragt man sich schon, ob man sich noch engagieren soll, ob man weitermacht", erinnert sich Wolf an diese Zeit, die 1999 wie ein Blitz in Gräfenberg einschlug. Da nämlich lag die erste Anmeldung für einen Demonstrationszug auf dem Tisch des Stadtoberhauptes.

"Ein Nürnberger Stadtrat, der dem Bündnis Ausländerstopp angehörte, hatte Gräfenberg entdeckt und Gefallen am Kriegerdenkmal gefunden", berichtet Wolf. Treffpunkt des ersten Aufmarsches war am Bahnhof. Von dort liefen 50 bis 60 Teilnehmer über den Marktplatz, zum Michelsberg und die Treppe hoch zum Denkmal, wo sie ihre Gedenkfeier abhielten. Ein Jahr später ging erneut ein Antrag ein. "Wir sind aber nicht untätig geblieben", sagt Wolf. Das Grundstück, auf dem das Kriegerdenkmal steht, gehörte der Stadt, war damit öffentlich.

Doch es gab den nicht eingetragenen Verein "Kuratorium zur Verschönerung des Kriegerdenkmals", dem Vereine angehörten und spendeten, um das Denkmal pflegen zu können. "Den Verein haben wir eintragen lassen. Die Stadt verpachtete dann das Grundstück an den Verein. Somit war es privatisiert", erklärte Wolf. Als wieder demonstriert werden sollte, versperrte ein Bauzaun den Weg zum Denkmal. Die Stadt hielt damals schon dagegen, mit kleinen Veranstaltungen: So wurden Infostände aufgestellt und über Rechtsextremismus aufgeklärt. "Es war überschaubar. Das Öffentlichkeitsinteresse hielt sich in Grenzen. Rechtsextremismus war bei den Bürgern kein Thema", sagt Wolf.

Doch dann kam Matthias Fischer von einer Jugendorganisation der NDP ins Spiel. "Er forderte, das Denkmal zu öffnen", erzählt Wolf. Dafür wollten die die Rechten monatlich in Gräfenberg aufmarschieren, kamen aber öfter, sogar unter der Woche.

Verschwörung im "Eckerla"

Danach regte sich Widerstand. Es gab erste Gegenveranstaltungen, bei denen aus privatem Interesse Karin Bernhardt und Michael Helmbrecht dabei waren, die mehr tun wollten: "Ohne die beiden hätte es das Bürgerforum nie gegeben", betont Wolf. Im Amtsblatt wurde die Bevölkerung informiert, mit dem "Eckerla" das Stammlokal für die Nazi-Gegner gefunden, wo viele Aktionen ausgeheckt wurden. "Von diesem Ideenreichtum bin ich noch immer begeistert", sagt der ehemalige Bürgermeister.

Es wurden Luftballons mit Bildungsgutscheinen fliegen gelassen, ein Baumstamm wurde am Marktplatz zersägt, um das Brett vor dem Kopf zu demonstrieren, vom Landratsamt wurden 200 Mülltonnen geordert und diese vom Bahnhof ab in ganz Gräfenberg aufgestellt, um die Rechtsextremen in die Tonne zu stecken. Es wurden riesige Transparente angefertigt, die rund um das Hiltpoltsteiner Tor hingen und schockierende Bilder von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zeigten. "Die haben wohl eine Diät gemacht", lautete ein lapidarer Kommentar unter den rechten Demonstranten dazu. Die Gegner ließen sich von der Gleichgültigkeit nicht beirren, starteten immer wieder Aktionen.

Gräfenberg vergaß die Zeit

Doch dann entdeckten die Rechtsradikalen den Marktplatz für sich. Die Versammlung dort zu verbieten, wäre gegen das Versammlungsrecht gewesen. In Zeitkorridore teilte das Landratsamt dann den Aufmarsch und die Gräfenberger Gegenaktion ein. Das örtliche Bündnis durfte beginnen, feierte friedlich mit Familien und Kindern am Marktplatz - weit über die Zeit. Die Gräfenberger blieben, sie gingen nicht. "Die Polizisten konnten deshalb die Nazis vom Bahnhof nicht auf den Marktplatz lassen", erinnert sicht Wolf. "Und sie konnten auch nicht gegen 1000 Leute, Kinder und Alte, mit Gewalt vorgehen." So zogen die Extremisten wieder ab.

Trotzdem litten die Bürger, weshalb der damalige Stadtrat Georg Rammensee viele Unterschriften sammelte und das Gespräch mit den Rechten suchte. Was gesprochen wurde, weiß Wolf nicht. Doch am 29. September 2009 nahm NPD-Mann Fischer dies zum Anlass, um abzuziehen. Jedoch nicht, ohne eine Botschaft hinterlassen: "Wir werden Gräfenberg im Blick behalten." Die Aufmärsche, die zu den Hochzeiten von Sondereinsatzkommandos begleitet wurden und den Schwarzen Block der Linken auf den Plan riefen, gehörten der Vergangenheit an.

Gräfenberg hatte gewonnen. Viele Unterstützer aus anderen Orten, wie der Bürgermeister aus Wunsiedel, Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly oder Arno Hamburger von der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg trugen dazu bei, dass sich mit dem Ende der Aufmärsche die Allianz gegen Rechtsextremismus gegründet hat. "Ich würde es jederzeit wieder tun", sagt Werner Wolf.

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