Kulmbach
Ausstellung

Wie ein Zertifikat für den Wert der Freiheit

Fasziniert steht Simon Holhut vor einer Landkarte. Simon ist ein Besucher der Vernissage "30 Jahre Mauerfall - Der Wert der Freiheit ist nicht verhandelbar" in der Akademie für neue Medien (ANM), der ...
Artikel drucken Artikel einbetten
Simon Holhut ließ sich von seinem Papa Christian erklären, wo früher die Zonengrenze verlief; im Hintergrund Joachim Dörig, der frühere Sicherheits- und Geheimschutzbeauftragte des Bundesgrenzschutzes in Bayreuth Foto: Sonny Adam
Simon Holhut ließ sich von seinem Papa Christian erklären, wo früher die Zonengrenze verlief; im Hintergrund Joachim Dörig, der frühere Sicherheits- und Geheimschutzbeauftragte des Bundesgrenzschutzes in Bayreuth Foto: Sonny Adam

Fasziniert steht Simon Holhut vor einer Landkarte. Simon ist ein Besucher der Vernissage "30 Jahre Mauerfall - Der Wert der Freiheit ist nicht verhandelbar" in der Akademie für neue Medien (ANM), der Deutschland zeitlebens nur in seiner jetzigen Form kennt: vereinigt, als ein Land - bestehend aus 16 Bundesländern. Dass dies nicht immer der Fall war, weiß der Viertklässler. Doch so authentisch wie in diesen Tagen hat er den Mauerfall noch nie erlebt. "Ich finde das alles sehr interessant", sagt Simon und lauscht gespannt den Ausführungen der Zeitzeugen.

Fasziniert steht Simon Holhut deshalb auch vor einer bereits leicht vergilbten Landkarte. Statt digitaler Raffinessen wird auf der Landkarte die innerdeutsche Grenze mit roten, grünen und blauen Schnüren markiert. "Schau, da sind wir - und da ist Lichtenberg", erklärt ihm sein Vater Christian Holhut, stellvertretender Chefredakteur der Mediengruppe Oberfranken und Vize-Vorstandschef der ANM. Auf der Landkarte ist die Konstruktionszeichnung eines Selbstschussapparates. Und auch die verminten Schutzstreifen sind erklärt. Die Grenzanlagen, Schutzzäune und Wachtürme - alles mutet unwirklich an.

Mauer in den Köpfen steht noch

Joachim Dörig, Sicherheits- und Geheimschutzbeauftragter des Grenzschutzes, posiert mit einem Schild, auf dem "Halt - Staatsgrenze. Passieren verboten!" steht.

"Kein Mensch wird diesen Unrechtsstaat je vergessen", sagte Thomas Nagel, der Leiter der Akademie für neue Medien. Doch er legt Wert darauf, dass Reisefreiheit und Pressefreiheit auch heute mehr geachtet werden sollten. "Die Mauer aus Stein ist schon verschwunden, aber es gilt immer noch, die Mauer auch in den Köpfen einzureißen", wünscht sich Nagel. Die Ausstellung in der Akademie für Neue Medien möchte einen Beitrag dazu leisten.

Aus den Beständen der Bundespolizei und des ehemaligen Bundesgrenzschutzes wurden Fotos, Grenzschilder und andere Zeitdokumente zusammengetragen. Nagel erzählte von einem Besuch in der politischen Haftanstalt in Gera: Weil ein DDR-Bürger ein Buch von George Orwell gelesen hatte, musste er für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Insassen mussten 24 Stunden auf einem Flaschenhals sitzen, mussten mit Knien auf Erbsen knien oder wurden anderweitig misshandelt. "Solche Dinge sind unvorstellbar und dürfen nicht vergessen werden", mahnte Nagel.

Einzigartige Euphorie

Auch Landrat Klaus Peter Söllner nutzte die Ausstellung, um zu mahnen und ein Zeichen gegen Angstmacherei, Polarisierung und Populismus zu setzen. "Heute wäre die Wiedervereinigung wahrscheinlich nicht mehr so möglich. Die Kraft, die aus der Wiedervereinigung erwachsen ist, und die Euphorie, die damals überall zu spüren waren, war einzigartig", sagte der Landrat.

Die authentischsten Erinnerungen jedoch steuerte Joachim Dörig aus Bayreuth zur Ausstellung bei. Denn er war damals beim Bundesgrenzschutz in der Abteilung Sicherheits- und Geheimschutz. Er war für die Ausreise und die Steuerung der Flüchtlingsströme zuständig. Ausgangspunkt waren die Reiseerleichterungen zwischen der DDR und den Bruderstaaten. "Im Sommer 1989 waren mehr als 60 000 DDR-Bürger in Ungarn", erinnerte sich Dörig. Aufgrund eines Versehens liefen dann 600 DDR-Bürger einfach über die Grenze. Am 10. September folgte der Erlass, dass DDR-Bürger nach Österreich ausreisen durften. Dies war seit 1969 untersagt. Und dann nahm der Niedergang der DDR seinen weiteren Lauf. In den Anfangsmonaten verließen mehr als 200 000 DDRler ihr Land.

"Einfach alle durchgewunken"

Anfang Oktober feierte die DDR mit großen Aufmärschen ihr Staatsjubiläum - es sollte das letzte werden. Denn am 9. November fiel die Grenze.

Dörig: "Wir hatten erst die Autobahn gesperrt, weil wir die Leute zählen wollten. Aber die Schlangen nahmen kein Ende. Wir haben dann einfach alle durchgewunken. Und am Abend fuhren 95 Prozent wieder nach Hause und haben Blumen aus den Autos geworfen."

Zur Vernissage kamen viele ehemalige Grenzschutzbeamte und Mitglieder der Bundespolizei. Gemeinsam mit den Besuchern wurden persönliche Erinnerungen reflektiert.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren