Kronach

Wie die bösen Geister vertrieben wurden

Verhaltensregeln bei der Linderung und Heilung von Krankheiten sowie Bekämpfungsmaßnahmen bei Eigentumsdelikten offenbaren Zauberformeln alter Geheimbüchlein. In der ersten von zwei Folgen geht es um den "Kampf gegen die Dämonen".
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Auf der ehemaligen Siedlung Kirchbühl am Frankenweg zwischen Markgräflicher Höhe und Radspitze steht heute nur noch die hübsche Waldkapelle. Von den damaligen Einwohnern stammt ein "Geheimbüchlein" mit alten Beschwörungsformeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert.  Foto: Grahl
Auf der ehemaligen Siedlung Kirchbühl am Frankenweg zwischen Markgräflicher Höhe und Radspitze steht heute nur noch die hübsche Waldkapelle. Von den damaligen Einwohnern stammt ein "Geheimbüchlein" mit alten Beschwörungsformeln aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Foto: Grahl

Kreis Kronach — Seit eh und je glaubt man im Frankenwald an unheilbringende Dämonen. Schon einem Blick traut man eine Behexung zu, vor allem natürlich einem Fluch, einer Beschwörungsformel. Sogar bei guten Worten, besonders aber beim Loben und beim rühmenden Hervorheben eines jungen Menschen oder Tieres glaubt man an ein drohendes Unheil.

Neben diesem uralten Glauben an Behexung und das "Verschreien" lebt natürlich auch der Glaube an den Abwehrzauber, mit dessen Hilfe sich der befallene Mensch diesem Unheil durch Dämonen zu entziehen hofft. So wendet man zur Bekämpfung des Schadenszaubers wiederum einen Zauber an, und zwar meist in der Form von überlieferten Beschwörungsformeln, ursprünglich mit Anrufung heidnischer Götter, nunmehr unter Nennen der höchsten Namen der Christenheit.

Die Beschwörung oder das "Besprechen" oder "Büßen", wie es im Frankenwald heißt, soll also die bösen Geister beschwichtigen oder gar vertreiben und somit das befallene Wesen "entzaubern". Um dieses schwierige Tun aber zu vollbringen, muss man sich in der Welt der unsichtbaren Geister auskennen und zugleich verstehen, die guten Geister für den Menschen und damit für den Kampf gegen die Dämonen zu gewinnen.

Mit diesem geheimnisvollen Wissen um jeglichen Gegenzauber waren nur wenige Leute des Volkes vertraut, da sich diese Sprüche ursprünglich nur auf mündlichem Wege von Generation zu Generation vererbten und zudem nur auf als vertrauenswürdig erachtete Personen. Erst in späterer Zeit begann man damit, die geheimen Zaubersprüche niederzuschreiben und so nach dem Tod der "Wissenden" für die Nachkommenschaft zu erhalten.

Eine Reihe magischer Beschwörungs- und Zauberformeln stammt teils aus handschriftlichen Niederschriften des 18. und 19. Jahrhunderts, unter anderem auch von den Bewohnern der ehemaligen Weiler Finkenflug und Güldenstein, teils aber auch aus einem alten "Geheimbüchlein" von der einstigen Siedlung Kirchbühl. Daraus interessante Beispiele, zum Schluss mit drei Kreuzen versehen:

Vor Zauberei. "Man nehme einen Zettel und schreibe und lege ihn über die Tür des Stalles, wo es aus- und eingeht: Drudenkopf, ich verbiete dir mein Haus und Hof, dass du nicht über mich tretest oder trägst in ein anderes Haus, bis dass du alle Berge steigest und alle Zaunstecken zählest und über alle Wasser steigst, so kommt denn der liebe Tag wieder in mein Haus."

Oder: "Abt und Abtin, Drach und Drachin, Zauberer und Zauberin, du sollst stille stahn, du sollst zu Gott deines Herrn Geboten gehen, du sollst mir mein Vieh meiden im Stall und auf dem Felde, auf der Heid und Weid, bis der heilige Ritter Sankt Georg vorüberreit, das verbiete ich dir bei dem lebendigen Gott." Wenn ein Kind auf den Tod beschrien ist. "Zwei böse Augen haben dich übersehen, drei böse Zungen haben dich übersprochen. Drei will ich dir gewähren, die sollen dir wiedergeben dein Essen und Trinken, deinen Schlaf und deine Ruh, deinen Saft und deine Kraft und deine ganze Eigenschaft." Oder: "Wenn ein Kind beschrien ist, so stehe mit dem Kinde gegen die Morgensonne und sprich also: Sei willkommen Sonnenschein, mir und meinem lieben Kindelein. Gott der himmlische Vater, bitte, hilf mir bitten den heiligen Geist, dass er wollen geben meinem Kinde sein Blut und Fleisch." Für das Vieh, wenn es bezaubert ist: "Nimm roten Beifuß am Philipps- oder Jakobitage, tue ihn über die Stalltür, wo das Vieh aus und eingeht, ist bei vielen für gut befunden, es muss aber in Gottes Namen geschehen." Pulver für das Vieh, wenn es bezaubert ist: "Teufelsdreck, Drachenblut, Meisterwurzel, Teufelsabbiss, schwarzen Kümmel, Salz. Alles zu Pulver gestoßen, montags und donnerstags ein halb Lot eingeben." Zum Räuchern, so das Vieh verzaubert ist: "Weihrauch, Teufelsdreck, Kampfer. An einem Freitag geben."

Nach altem Volksglauben verursachen böse Geister Krankheit und Gebrechen. Besserung und Heilung verspricht folglich nur die Beschwichtigung des Dämons oder gar seine Vertreibung gegen seinen Willen. Die Behandlung von Krankheiten gehört in diesem Sinn in den Bereich der Beschwörungen. In den ältesten Zaubersprüchen dieser Art findet man als ursprünglichstes Glaubensgut den Anruf der Krankheit und somit des Krankheitsdämons. In jüngeren Heilsprüchen berief man sich auf verehrte Heidengötter. Mit der Christenheit schließlich verschwanden auch ihre Namen und an ihre Stelle traten jene christlicher Heiliger oder die Namen der Dreifaltigkeit.

Die Anwendung und Ausübung des Heilzaubers blieb daneben immer die gleiche und erschien oft als letztes Hilfsmittel, wenn alle anderen tierischen und pflanzlichen Heilmittel, die zudem angewendet wurden, versagten.

Folgende Beispiele des "Büßens" von Krankheiten, worunter man die Anwendung der alten Heilsprüche versteht, stammen von handschriftlichen Niederschriften der ehemaligen Weiler Finkenflug und Güldenstein:

Rotlaufen zu versprechen: "Rotlaufen du sollst stille stahn! Am dritten Tage sollst du vergahn! Mit dem Daumen drei Kreuze darüber gemacht. Das zähl ich dir zur Buße (übersetzt: das sprech ich dir zur Besserung) in Gottes Namen."

Vor die Rose (wahrscheinlich Gürtelrose): "Die Rose gebeut Gott zu deiner Buß. Du sollst nicht hitzen, du sollst nicht schwitzen, du sollst nicht gären, du sollst nicht schwären, du sollst nicht wüten, du sollst nicht töten! Das zähl ich dir zu gut. "

Vor das Reißen: Gott der Herr ging übers Land, da begegnet ihm Fleisch Ungenannt. Ungenannt, wo willst du hin? Ich will fahren in des Mannes (Weibes) Leib. Was willst du in des Mannes (Weibes) Leib? Ich will ihr Blut borgen und ihr Fleisch brechen und will ihr angst und bange machen. Ungenannt, Fleisch Ungenannt, du sollst nicht tun. Du sollst nicht fahren in des Mannes (Weibes) Leib, du sollst ihr Fleisch nicht brechen, ihr Blut nicht borgen! Zu Jerusalem, da steht ein Baum, der ist mit Christi Blut umrungen, darein sollst du sinken und des Mannes (Weibes) Leib nicht finden! Das zähl (sprechen, erzählen) ich dir gut!"

Vor das Ungesund zu verbüßen, so sprich: "Die Wolken triefen, die Binzen schließen wohl durch das Hirn, wohl durch die Stirn, wohl durch die Lunge, wohl durch die Leber, wohl durch das Geripp, wohl durch das Gebein, naus in grünen Wald und wieder heim. Dort naus in einen großen Tannenbaum und dort drinnen sollst du bleiben ein Leben lang! Das sei dir zu Buß (Besserung) gezählt im Namen Gottes!"

Zum Schluss eine Formel, in der das Geheimnisvolle gemehrt ist durch die Anwendung der lateinischen Sprache: "Dass dir eine Wunde, sie sei wie sie wolle, heil werde. Sprich diese Worte und lege die Hand auf den Schaden. Diese Worte müssen aller Tage fünfmal gesprochen werden: "Vulneribus quinis me subtrahe Christi ruinis! Vulnera quinque dei sunt medicina mei". Übersetzt: Durch die fünf Wunden Christi errette mich vor dem Untergang! Die fünf Wunden Gottes sind das Heilmittel der meinigen."

Die Kraft des "Büßens"

Oft findet man auch Beschwörungs- und Zauberformeln, deren Sinn und Verständlichkeit vollends fehlen. Aber gerade in jener Unverständlichkeit sehen die auf Heilung Hoffenden die geheimnisvolle Macht und Zauberkraft. Indes galt schon seit Urzeiten der Glaube an die heilende Kraft des "Büßens" und an eine Besserung als Grundbedingung für den Erfolg des geheimnisvollen Tuns. Selbst in der heutigen Medizin hat es seine Richtigkeit, dass der seelische Zustand eines Kranken entweder eine Besserung durch gläubige Hoffnung oder durch zweiflerisches Verzagen eine Verschlechterung des Leidens herbeiführen kann.

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