Forchheim

Wer kennt dieses Schuhgeschäft?

Die Woche der Brüderlichkeit nimmt der Historiker Rolf Kießling zum Anlass, über den Forchheimer Schuhhändler Julius Prager zu schreiben, der für Deutschland gekämpft hatte und von den Nazis ermordet wurde.
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"Praktisch denken, Schuhe schenken!" Slogan des Schuhhauses Prager im Dezember 1926 im "Forchheimer Tagblatt".  Repro: Rainer Kestler, Stadtarchiv)
"Praktisch denken, Schuhe schenken!" Slogan des Schuhhauses Prager im Dezember 1926 im "Forchheimer Tagblatt". Repro: Rainer Kestler, Stadtarchiv)
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Kaum jemand weiß heute noch, dass es in Forchheim das Schuhgeschäft von Julius und Ida Prager gab. Am 31. März 1933, wenige Wochen nach der Machtübernahme Hitlers, riefen die Nationalsozialisten im gesamten Deutschen Reich zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Ein solcher Boykottaufruf wurde auch in den damaligen Forchheimer Zeitungen abgedruckt.

In der Liste der jüdischen Geschäfte war unter anderem das Schuhhaus Prager & Co. am Paradeplatz 13 aufgeführt.

Aus Weilersbach zugezogen

Die Ladeninhaber entstammten einer jüdischen Familie, die bereits vor 1800 im Judenhof (heute Schlossplatz) in Mittelweilersbach ansässig war. Dort wurde Israel Moses Prager 1815 geboren. Dieser nahm Babette Katz zur Frau und siedelte 1862 mit seiner Familie nach Forchheim über. Der Viehhändler kaufte das bäuerliche Anwesen Fuchsenstraße 4 (alte Hausnummer 315). Sein Sohn Jakob Israel Prager, 1851 geboren, verdiente seinen Lebensunterhalt als "Handelsmann". 1879 übernahm er das Anwesen des Vaters. Im Mai 1879 heiratete er Klara Engel aus Baiersdorf, Tochter des Mechanikers Moritz Engel und dessen Frau Sara, eine geborene Merzbacher.

Das Ehepaar Jakob und Klara Prager hatte fünf Kinder. Ida war die Älteste (geboren 1880), Julius Moritz der Jüngste (1895). Sohn David verstarb im Kleinkindalter, die beiden anderen Kinder hießen Flora und Sera. Julius Moritz besuchte die katholische Knabenschule in Forchheim. Was seinen weiteren Werdegang betrifft, bleiben Fragen offen. Vermutlich absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung. Nach kurzen Aufenthalten in Coburg und Sonneberg wohnte Julius Prager Anfang 1915 in Nürnberg in der Camerariusstraße 12 bei seiner Schwester Sera und deren Ehemann Benno Rosenbaum.

Als Soldat an der Westfront

Am 1. März 1915 musste der 20-jährige Julius Prager als Rekrut beim 19. Infanterie-Regiment einrücken. Die militärische Ausbildung war nur kurz. Bereits am 25. Juli 1915 wurde er an der Westfront eingesetzt. Vom 27. Juli bis zum 6. Oktober 1915 war er an den Kämpfen auf den Maashöhen beteiligt. Vom 7. bis 26. Oktober 1915 kämpfte er in der Schlacht in der Champagne mit. Im weiteren Verlauf des Krieges wurde Julius Prager zum Gefreiten befördert und im August 1917 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Im Frühjahr 1918 wollte die deutsche oberste Heeresleitung mit einer Großoffensive an der Westfront die entscheidende Wendung des Krieges herbeiführen. Der deutsche Vormarsch begann am 21. März 1918 unter dem Decknamen "Michael" mit 71 Divisionen. Das strategische Ziel war die Eroberung von Amiens. Die Einnahme scheiterte jedoch.

Schwer verletzt

Die Offensive war bereits beendet, als Julius Prager am 25. Mai 1918 bei dem Dorf Hamelincourt in Nordfrankreich schwer verwundet wurde. Durch Schrapnellbeschuss erlitt er mehrere gravierende Verletzungen: Fraktur beider Ober- und Unterschenkel, Fraktur des linken Oberarms sowie Rückenschuss rechts. Prager wurde Mitte Juni 1918 in das Reservelazarett Nordhalben eingeliefert. Von dort kam er Ende Juli 1918 ins Lazarett Nürnberg.

Während der Erste Weltkrieg für das Deutsche Reich am 11. November 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne beendet war, musste der Invalide Julius Prager bis Mai 1919 im Lazarett bleiben. Aufgrund seiner Kriegsverletzungen wurden Prager 85 Prozent der Vollrente eines Gemeinen zugesprochen. Seine jährliche Grundrente betrug 459 Mark.

In seine Heimatstadt Forchheim zurückgekehrt, musste sich der Kriegsinvalide Julius Prager eine neue Existenz aufbauen. Er war unverheiratet. Am 27. November 1922 eröffnete er ein Schuhgeschäft, das im Haus Paradeplatz 13 untergebracht war. Mitinhaberin war seine ebenfalls ledige Schwester Ida. Nicht weit von seinem Laden entfernt wohnte Prager zur Miete im Haus des Metzgermeisters Johann Huberth, Nürnberger Straße 2.

Ab November 1935 lebten die Geschwister Ida, Sera und Julius Prager im Haus Klosterstraße 16. 1933 riefen die örtlichen Nationalsozialisten zum Boykott des "jüdischen" Schuhgeschäfts auf. Doch damit nicht genug. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschonte man nicht einmal den Kriegsinvaliden Julius Prager. Wie die anderen jüdischen Männer der Stadt wurde er verhaftet. Man zwang ihn, den Weg von seiner Wohnung zur Polizeiwache zu Fuß zurückzulegen.

Am 25. November 1938, nur zwei Wochen nach der Reichspogromnacht, starb Ida Prager im Alter von 58 Jahren. Julius Prager wurde gedrängt, sein Schuhgeschäft zu schließen. Er hätte es gerne an seine "Ladnerin" Erna Wetzel übergeben, die es weiterführen sollte. Doch dies ließen die Nationalsozialisten nicht zu - mit der fadenscheinigen Begründung, es gebe in Forchheim schon genügend Schuhgeschäfte. In Wahrheit erschien die katholische Familie Wetzel den Nationalsozialisten nicht vertrauenswürdig.

Deportation im März 1942

Im Juni 1940 wurden Julius Prager und seine Schwester Sera gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben und in das Haus Paradeplatz 4 zu ziehen. Die Witwe Sera Rosenbaum war nach dem Tod ihres Ehemannes Benno Rosenbaum in ihre Heimatstadt Forchheim zurückgekehrt. Gemeinsam mit Emma Rosalie (Sali) Braun, der das Haus am Paradeplatz gehörte, wurde das Geschwisterpaar Prager am 23. März 1942 deportiert.

In einem Brief vom 21. März 1942 kündigte der Kriminalsekretär Hans Luft dem Bürgermeister der Stadt Forchheim an, dass "die 3 angeführten Juden am 23. 3. 1942 durch Unterzeichneten nach Nürnberg verschubt" werden. Luft war der örtliche Beamte der Kriminalpolizei, dem von der Geheimen Staatspolizei Nürnberg mitgeteilt worden war, dass am genannten Tag "weitere Juden nach Lublin evakuiert" werden sollten. Während durch den Begriff "verschubt" drei unbescholtene Personen kriminalisiert werden, verharmlost und verschleiert der Ausdruck "evakuiert" den Vorgang der Deportation.

Ziel des Transports mit 1000 fränkischen Juden war das Ghetto Izbica bei Lublin im Osten Polens. Von dort wurden sowohl die polnischen Juden des Ortes als auch die deportierten reichsdeutschen Juden schließlich per Bahn in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor gebracht und dort ermordet.

Über die genauen Umstände des Todes von Julius Prager und seiner Schwester Sera Rosenbaum ist nichts bekannt. Fotografien der beiden Deportierten sind offenbar nicht mehr vorhanden. Zeitzeugen, die die beiden Geschwister noch persönlich gekannt haben, sind längst verstorben.

Ein unscheinbarer metallener Schuhlöffel mit der Aufschrift Schuhhaus Prager und Co. ist erhalten geblieben und wird im Depot des Pfalz-Museums aufbewahrt. Bald sollen zwei Stolpersteine an das Geschwisterpaar erinnern, das vom NS-Regime ermordet worden ist.



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