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Haßfurt

Wenn wirklich jedes Wort zählt

Kerstin Frank hat eine besondere Aufgabe bei der Polizeiinspektion Haßfurt: Sie nimmt als Mitglied der Verhandlungsgruppe Kontakt zu Menschen auf, die - oft im wahrsten Sinne des Wortes - am Rande des Abgrunds stehen.
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Die Mitglieder der Verhandlungsgruppe trainieren regelmäßig für den Ernstfall. Hier eine nachgestellte Szene auf einem Kran.  Foto: privat
Die Mitglieder der Verhandlungsgruppe trainieren regelmäßig für den Ernstfall. Hier eine nachgestellte Szene auf einem Kran. Foto: privat

Polizeihauptmeisterin Kerstin Frank (39) ist seit 22 Jahren Polizistin und gehört seit fast zehn Jahren der Einheit Verhandlungsgruppe (kurz: VG) an. Eine Aufgabe, die auf der einen Seite viel Stärke, auf der anderen Seite hohe Flexibilität und Belastbarkeit erfordert. Momentan ist in der Corona-Krise oft die Rede von Ausnahmesituationen in den Familien und in der Folge von Fällen häuslicher Gewalt. Sollten Aggressionen und häusliche Gewalt tatsächlich zunehmen, wären Frank und ihre Kollegen sicherlich vermehrt gefragt. Zum Glück ist das zumindest im Landkreis nicht der Fall, wie die Nachfrage in den Polizeidienststellen in Haßfurt und Ebern ergaben.Über ihre Spezialausbildung sprach Kerstin Frank: Frau Frank, was ist das wichtigste Werkzeug bei Ihrer Tätigkeit? Kerstin Frank: Meiner Erfahrung nach sind drei Dinge ganz wichtig: zuhören, zuhören und nochmal zuhören. Ein Gespräch mit jemanden, der sich in einer Ausnahmesituation befindet, ist ein sehr vorsichtiges Herantasten. Je nach Situation kann es geboten sein, zu intervenieren, oft ist es sinnvoll, das Gegenüber erst einmal sprechen zu lassen.

Wann wird die Verhandlungsgruppe aktiviert? Die Verhandlungsgruppe wird bei Schwerkriminalität eingesetzt, dazu gehören Entführungen, Geiselnahmen oder bedrohliche Konflikte, bei denen der Täter einen oder mehrere Menschen mit einem Gegenstand bedroht. Weiterhin werden wir zu Suizidandrohungen gerufen - das ist unser häufigstes Einsatzfeld. In Deutschland sterben jedes Jahr circa 10 000 Menschen durch Suizid.

Wie schaffen Sie es, bei Einsätzen emotional distanziert zu bleiben?

Als Polizist sollte man leidensfähig und stressstabil sein. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Eine Fokussierung auf die Sache ist in dieser Situation extrem wichtig, da eine Ablenkung oder Unkonzentriertheit schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen kann. Von mir wird professionelles Einschreiten erwartet. Dem versuche ich gerecht zu werden. Meine Botschaft an den Täter ist: "Ich sehe dein Problem, aber ich suche mit dir nach einer Lösung." Ich bin empathisch, leide aber nicht mit.

Wie treten Sie mit dem Gegenüber in Kontakt? Das ist die erste große Hürde, die wir meistern müssen - die Kommunikation überhaupt erst möglich machen. Nicht jeder hat ein Handy oder Telefon, also müssen wir ihm eines zukommen lassen. Ich habe schon über Megafon gesprochen, saß mit dem Handy in einem Polizeiwagen vor dem Haus oder habe im Treppenhaus telefoniert. Andere wollen gar nicht reden, sondern nur Textnachrichten schreiben. Auch da müssen wir mit der Zeit gehen. Die ideale Bedingung, um mein Gegenüber emotional zu erreichen, wäre Augenkontakt. Aber das ist meistens nicht möglich und wäre auch teilweise sehr gefährlich. Die Stimmung kann binnen Sekunden umschlagen.

Moment, Sie chatten? Wenn das die einzige Möglichkeit ist, ja. Egal, wie wir kommunizieren: Ich muss mich dabei komplett auf mein Gegenüber einstellen, also gegebenenfalls auch seinen Sprachstil verwenden. Wenn ich gestelzt daherrede, denkt der sich "Was ist denn das für eine Tussi?" und macht dicht. Da kann ein lockerer Spruch die bessere Möglichkeit sein, das Eis zu brechen. Führen Sie Verhandlungen alleine? Niemals. Wir arbeiten als Team, um den Kontakt zum Gegenüber herzustellen. Parallel versuchen wir, so viele Informationen wie möglich über unseren Gesprächspartner herauszubekommen, zum Beispiel, indem wir mit den Angehörigen sprechen. So unterstützen wir uns in der Gesprächsvorbereitung und Gesprächsführung gegenseitig. Ein Einsatz geht häufig über mehrere Stunden. Man weiß nie, wie lange es dauert. Da ist es wichtig, ein Korrektiv an der Seite zu haben oder jemanden, der im Notfall einspringt.

Arbeiten Ihre Teamkollegen auch in der Polizeiinspektion Haßfurt? Nein, nur ein Kollege und ich haben die Zusatzausbildung. Wir sind nach dem Gießkannenprinzip über ganz Unterfranken verteilt. Bei einem Einsatz werden die Kollegen informiert, die dem Einsatzort am nächsten sind. Was ist der größte Fehler, den man in so einer angespannten Situation machen kann? Zu beschwichtigen. Oder Floskeln wie "Alles ist gut" oder "Nicht so schlimm" zu verwenden. Die Kunst ist es zu erfahren, worum es eigentlich geht und welcher Konflikt ursprünglich dahintersteckt. Das Gegenüber will ernst genommen werden. Es gab schon Täter, die so angespannt waren, dass sie auf die kleinste Bewegung aggressiv reagiert haben. Da muss man dann ganz stillstehen und versuchen, die Situation durch Präsenz zu beruhigen. Unser Ziel ist es, die Gefahren für alle Beteiligten abzuwehren oder zu minimieren. Im Besten Fall erreichen wir, dass unser Gegenüber von seinem Vorhaben ablässt und niemand zu Schaden kommt.

Wie lange, denken Sie, werden Sie weitermachen? Ich weiß es nicht. Manche Kolleginnen und Kollegen bleiben bis zum Rentenalter dabei, anderen wird es zu viel, da es teilweise auch ein erheblicher Zeitaufwand ist. Mindestens einmal pro Monat werde ich zu einem Einsatz gerufen, also einer Ausnahmesituation. Das macht auch immer etwas mit einem. Dazu kommen noch weitere Aufgaben. Als Mitglied von Kommunikationsteams suche ich zum Beispiel bei Demonstrationen das Gespräch mit den Teilnehmern, um polizeiliche Maßnahmen zu erklären und dadurch transparenter zu machen. Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Katja Müller.