Kronach
Richter

Wenn angelogen zu werden zur Berufsbeschreibung gehört

Kein Prozess ist wie der andere. Das erlebt der Direktor des Amtsgerichts Kronach, Jürgen Fehn, auch nach über 20 Jahren in seinem Amt als Strafrichter noch täglich. Auf die Frage, wie es die Angeklag...
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Kein Prozess ist wie der andere. Das erlebt der Direktor des Amtsgerichts Kronach, Jürgen Fehn, auch nach über 20 Jahren in seinem Amt als Strafrichter noch täglich. Auf die Frage, wie es die Angeklagten mit der Wahrheit halten, muss der 54-Jährige lachen: "Als Strafrichter sind Sie es gewohnt, angelogen zu werden."

Das jedoch sei das gute Recht eines Beschuldigten. "Angeklagte dürfen lügen, gestehen oder eben schweigen", erklärt Fehn, dessen Aufgabe es ist, die Wahrheit dann trotzdem herauszufinden. "Nach langjähriger Erfahrung hat man da schon einige psychologische Tricks auf Lager", verrät der Vorsitzende. Welche genau, das bleibt sein Geheimnis. Doch auch die Körpersprache spiele eine Rolle.

Zwar darf der Beschuldigte flunkern, aber niemanden fälschlicherweise belasten. "Wenn er behauptet, die Tat habe zum Beispiel Herr Meyer begangen und sich dann herausstellt, dass es doch der Angeklagte selbst war, wird gegen ihn gleich das nächste Verfahren wegen falscher Verdächtigung eröffnet", erläutert Fehn.

Hin und wieder würden Prozesse eine unerwartete Wendung nehmen: "Es kommt schon mal heraus, dass der Hauptbelastungszeuge ein Motiv hat, den Angeklagten zu beschuldigen - oft, wenn es um ein Mädchen geht." Dann darf der Zeuge ein paar Wochen später selbst auf der Anklagebank Platz nehmen.

Entgegen dem weit verbreiteten Irrglauben kommt es laut Fehn so gut wie nie vor, dass jemand unschuldig verurteilt wird. Hat der Richter "vernünftige" Zweifel an der Schuld des Angeklagten, sei ein vorschnelles Urteil die schlechteste Option. "Dann vertage ich das Ganze, lege einen Fortsetzungstermin fest und lasse das erst einmal sacken."

Es passiert nicht oft, aber gelegentlich wird auch der erfahrene Richter noch überrascht: Der 54-Jährige erinnert sich lebhaft an eine Jugendstrafsache, bei der es darum ging, ob der Angeklagte noch einmal mit Arbeitsstunden davonkommt.

"Der Verteidiger hat eine halbe Stunde lang ein flammendes Plädoyer für seinen Mandanten gehalten, während der Staatsanwalt vier Wochen Jugendarrest gefordert hat", erzählt der Strafrichter. Als der junge Mann jedoch das letzte Wort hatte, habe der nur gesagt: "Ich schließe mich den Worten des Staatsanwaltes an."

Seinen Wunsch, ins Gefängnis zu gehen, hat Jürgen Fehn dem Angeklagten bei so viel Unbelehrbarkeit dann gerne erfüllt.

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