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LKR Coburg

Weil vieles nur zusammen geht

Gemeinsamkeit als Stärke zu nutzen, gehörte lange zum politischen Geschäft von Günter Verheugen - es war der Kern seiner Ausführungen bei der Festveranstaltung zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung zwischen Sonneberg und Neustadt.
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Das Goldene Buch der Stadt Neustadt wurde für den Jahrestag in traditioneller Technik illustriert.
Das Goldene Buch der Stadt Neustadt wurde für den Jahrestag in traditioneller Technik illustriert.
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Ein Glücksfall für die Nachbarstädte Neustadt und Sonneberg, für den Landkreis und ganz Deutschland sei die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989 gewesen, betonte Neustadts Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD) bei der Festveranstaltung "30 Jahre Grenzöffnung Neustadt - Sonneberg" am Dienstagabend. Nach diesem Glücksfall gehe es uns in Deutschland heute so gut wie noch nie in der Geschichte. Dennoch nehme er vielfach Unzufriedenheit wahr. "Wir können uns über nichts mehr freuen", beschreibt er die Stimmung im Land.

Dabei war die Wiedervereinigung der beiden Staaten ein Glücksfall, über den wir uns noch heute freuen könnten, wie Festredner Günter Verheugen überzeugt ist. Gerade war das Lied "Gemeinsam sind wir stark" von Katharina Jakob verklungen, als der frühere Stellvertretende Präsident der EU-Kommission ans Rednerpult trat. "Das ist es, was ich sagen wollte", kommentierte er die Strophen. Gemeinsam und nur gemeinsam könne die Menschheit die Herausforderungen und Probleme der Zukunft meistern.

Eine Erkenntnis, die maßgeblich zum Zusammenschluss der europäischen Staaten geführt habe. "Der Zweck der EU war stets, die Staaten so aneinander zu binden, dass ein Krieg ausgeschlossen ist", erklärt Verheugen, der dieser Union viele Jahre diente. Friedenssicherung sei auch aus europäischer Sicht die Prämisse der Deutschlandpolitik gewesen. Und selbst in der Bundespolitik habe man sich um punktuelle Verbesserungen bemüht, nicht um die Wiedervereinigung.

Entsprechend seien viele Politiker von der Wende und dem Fall der Mauer überrascht gewesen - hätten zunächst eine Wiedervereinigung frühestens nach zehn Jahren für machbar gehalten. Dabei wurde übersehen, wie der Umsturz zustande gekommen war. "Es ist einmalig in der deutschen Geschichte, eine echte und erfolgreiche Revolution, die unmittelbarer Ausdruck des Volkswillens war", beschreibt Günter Verheugen die Vorgänge im November 1989. Der klare Wille des Volkes sei ebenso die schnelle Wiedervereinigung gewesen. Ein Wille, dem sich die Politik abermals beugen musste.

Der Geschwindigkeit, mit der alles vor sich ging, mag eine Beobachtung geschuldet sein, die Verheugen wahrnahm. Die Leistung der Menschen im Sozialismus, dass trotz widriger Umstände etwas zustande gebracht wurde, das sei zu wenig gewürdigt worden. "Man hätte sich mehr um Integration bemühen müssen", ist er überzeugt.

Aus europäischer Sicht attestiert er: "Nicht alle unsere Freunde und Partner haben die Einheit gern gesehen. Das Misstrauen war groß." Um dem zu begegnen, musste die Einheit mit tieferer Einbindung in Europa verbunden werden. Ein Europa, in dem Deutschland sich vielmehr seiner Führungsrolle bewusst werden müsste, wie Verheugen findet. "Wir müssen tun, was möglich ist, um die Erde für kommende Generationen gut zu erhalten. Das können wir nur in einem starken Deutschland und einem leistungsfähigen Europa."

Blick zurück und nach vorn

In der von Wolfgang Braunschmidt moderierten Diskussionsrunde war es an Coburgs früherem Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) zu betonten: "Die Einheit ist heute für mich das Normalste auf der Welt." Dabei sei, wie Günter Verheugen weiß, Europa noch wenige Tage vor dem Fall der Mauer "so gefangen gewesen im Weltbild der Machtblöcke", dass es kein Bewusstsein dafür gab, dass diese Blöcke verschwinden könnten.

Anders im Inneren. Reiner Sesselmann erinnert sich: "Die Leute waren so unzufrieden. Die Mangelwirtschaft wurde immer schlimmer. Pressefreiheit und Reisefreiheit standen in der Verfassung, wurden aber durch Verordnungen aufgehoben." Er engagierte sich in der Wendezeit und wurde später Landrat des Kreises Sonneberg.

Wolfgang Hoderlein (SPD) wundert das Staunen in Europa zum Fall der Mauer nicht. "Die Wucht der Wirkung auf die Menschen in Oberfranken wurde südlich der Donau ganz anders wahrgenommen", sagt er, der damals dem Bayerischen Landtag angehörte. Entsprechend schwierig sei es gewesen, die dringend nötige Hilfe für die Region zu mobilisieren.