Lichtenfels
Unser Thema der Woche // Wahrheit

Was ist wahr am Kunstblabla und wie wahr ist dadaistische Hochkomik?

Matthias EInwag Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Gibt es eine Wahrheit überhaupt? Oder hat nicht jeder seine persönliche Sicht der Dinge? "Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwan...
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Ein Meister der hintergründigen Wahrheit und der Hochkomik war Karl Valentin. Foto: Matthias Einwag
Ein Meister der hintergründigen Wahrheit und der Hochkomik war Karl Valentin. Foto: Matthias Einwag

Matthias EInwag Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Gibt es eine Wahrheit überhaupt? Oder hat nicht jeder seine persönliche Sicht der Dinge? "Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht", schrieb einmal der österreichische Publizist Karl Kraus. Und was ist eigentlich noch wahr im Digitalzeitalter? Welchem Medium kann man trauen? Welcher Blogger hat recht? Wer bezahlt die Influezer?

Angesichts zahlloser Verschwörungstheorien - vom wahren Zweck der Chem Trails bis zur Frage, ob die Amis wirklich auf dem Mond waren - ist ein weites Feld zu beackern. Denn die Suche nach dem Wahren, Reinen, Schönen, Echten wird erschwert durch schwarze Schafe der Medienbranche - etwa den "Spiegel"-Reporter Relotius, der viele Details seiner Geschichten einfach erfunden hat.

Schon Karl Valentin beschäftigte sich auf seine unnachahmliche Art mit der Suche nach der Wahrheit. "Was war wahr? Was wahr war!" lautet der Titel eines schmalen Büchleins, in dem Anekdoten des Komikers gesammelt sind. Mit Wortwitz übertölpelt Karl Valentin die scheinbar objektive Wahrheit: Bei einem Spaziergang begegnet der Komiker einem Mann mit einer riesigen Dogge, die in einigem Abstand hinter diesem hertrottet. Valentin sieht den Hund an, sieht den Mann an und fragt: "Entschuidigen's, g'hör'n Sie dem Hund?"

Eine andere Anekdote: Ein Stadtrat und ein guter Freund hatten bei Valentin ihren Besuch angesagt. Unterwegs treffen sie einen gemeinsamen Bekannten und gehen zu dritt zu Valentin. "Entschuldigen Sie, dass wir zu dritt kommen", begrüßen sie Valentin. Dieser antwortet gastfreundlich: "Ja mir macht dös nix aus, bloß - i hab' nur für zwei Personen ein Feuer g'macht." Eine Notlüge ist das nicht gerade. Die Wahrheit ist's aber auch nicht. Wie wahr ist eine solche Aussagen eigentlich? Kann man immer jeden Satz mithilfe des Schwarz-Weiß-Schemas auf seinen Wahrheitsgehalt abklopfen? Es gibt sicher viele Nuancen zwischendrin, die kein Entweder-Oder erfordern: Das war wahr, das falsch.

Wundervolle Texte zu diesem Thema hat Ephraim Kishon geschrieben. In seinen beiden Büchern "Picasso war kein Scharlatan" und "Picassos süße Rache" entlarvt er die vermeintlichen Wahrheiten in der Kunstszene: "Künstler, die innerhalb von Minuten aus einem alten Familienfoto, einer defekten Nähmaschine und einigen Küchenresten ein modernes Kunstwerk entstehen lassen und dann neben ihrer ,Collage‘ mit feierlichem Gesichtsausdruck posieren, können nur hochkarätige Clowns sein, die auf diese Weise in aller Öffentlichkeit ihre tiefe Verachtung für die geistig zurückgebliebenen Mitmenschen zum Ausdruck bringen."

Kishon zeigt auf, welche modernen Bilder er als "monströse Foppereien" ansieht - von Joseph Beuys' "Fettstuhl" über Georg Baselitz' "Autoblond I" bis Hans Hartungs Kritzelei unter dem Namen "Komposition". Kishon: "Es leuchtet doch ohne weiteres ein, dass die moderne Kunst genauso wenig zur Kunst gehört wie ein Kuhfladen zum Tadsch Mahal." In ätzender Wortwahl prangert er die fehlende Könnerschaft und das unwahre Bemänteln durch eine phraseologische Ausdrucksweise der Kritiker an: "Wenn nämlich heute so ein selbsternannter Künstler von einer Müllhalde ein verbeultes Ofenrohr und ein paar verrostete Fahrradspeichen holt, das Ganze mit einem Stück Draht zusammenbindet und dieses Bündel zur genialen Schöpfung erklärt, dann reißen sich die Medien förmlich darum, diesen Psychopathen der Öffentlichkeit als wahren Künstler vorzustellen."

Völlig skurril wird es, wenn Kishon das Kunstobjekt und seine jeweilige Beschreibung gegenüberstellt: "Schwellende Weichstruktur eines narzistisch efferveszenten Kräftespiels" - alles klar? So wird ein brauner Fleck in der linken Bildecke umschrieben. "Kosmisch aufsteigende Zellenblasen von zeitloser Transfiguration" - das zugehörige Kunstobjekt besteht aus dem schieren Nichts.

Eine leere Leinwand wird so angepriesen: "Vorgezeichnete vibrierende Synthese als optische Distanz zu melodiöser Hypertrophie." Aha. Was der folgende Satz beschreibt, können Sie sicher selbst erraten: "Spiraloide und fluodoide Antagonismen von archtypischer und chimärenhafter Esoterik." Naaa? Haben Sie's erkannt? Da werden fünf grüne Vierecke vorgestellt.

"Was Künstler oder ihre Kritiker dann noch über die jeweiligen Werke zusammenplappern, ist der Gipfel billiger Spaßmacherei oder der Unverschämtheit , oder sogar beides zusammen", findet Kishon. Und Friedensreich Hundertwasser sagt: "Kunst muss schön und wahr und gut sein, sie muss zur Einfachheit zurückfinden in dieser verkomplizierten Welt." Damit wir wissen, was wahr war, was wahrscheinlich war und wo etwas wahrhaftig falsch ist. Und worin besteht der Unterschied zwischen einem Brief und einem Hund? Es gibt keinen, meint Karl Valentin: " ... der Brief is adressiert und der Hund is' a dressiert." Wer sich für weitere Phrasendreschereien interessiert, dem sei die Buergel-Maschine empfohlen. Einfach mal über eine Internet-Suchmaschine eingeben ;- )

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