Bamberg

Warum die Bamberger Fischer klagen

Jedermann dürfe eine Fahrt im Amphibienfahrzeug auf der Regnitz beantragen, behauptete die Stadt 2018. "Aye, aye", sagte sich die Bamberger Redaktion. Doch kurz vor dem Start machte die Fischerzunft einen Strich durch die Rechnung. Und was ist mit Michael Stoschek?
Artikel drucken Artikel einbetten
Bernhard Fischenich in seinem Amphicar  Foto: privat
Bernhard Fischenich in seinem Amphicar Foto: privat

Sebastian Schanz & Markus Klein Klar Schiff machen ist bekanntlich Aufgabe einer Heimatzeitung. Deshalb wollte der Fränkische Tag heuer in einem eigenen Amphibienfahrzeug Kurs auf die Sandkerwa nehmen. Am Montagnachmittag sollte unser Kapitän Bernhard Fischenich sein Schwimmauto - knallrot wie ein Gummiboot - ins Wasser lassen und in Richtung Festzelt schippern. Sämtliche bürokratische Strudel und Untiefen haben die FT-Matrosen in einem monatelangen Genehmigungsverfahren umsegelt. Endlich hieß es: freie Fahrt! Doch wie so viele gute Ideen hat auch diese einen Haken - mindestens. Und der hing diesmal an der Angelrute: Die Untere Schiffer- und Fischerzunft klagte auf den letzten Drücker - und die Amphibientour fällt damit kurz vor dem Start ins Wasser.

Nicht aber die von Michael Stoschek. Dabei wären wir ohne seine Pionierarbeit nie auf die Idee für die Fahrt gekommen. Bekanntlich fährt der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Firma Brose in seinem VW-Schwimmwagen bereits seit mehreren Jahren über die Regnitz zur Sandkerwa. Gegen seine Fahrt liegt aber keine Klage der Fischerzunft vor. Warum? "Wir wollen nicht, dass das zu einer Regelmäßigkeit wird und dann der Nächste und Übernächste kommt", sagt ein Mitglied der Zunft und der Fischerfamilie Kropf, der seinen Vornamen nicht in der Zeitung lesen will. Ein weiterer Herr Kropf sieht die Wasserqualität in Gefahr: "Bei Amphibienfahrzeugen kommen immer Öl und andere Schmierstoffe ins Wasser", erklärt er. "Und hier gibt es empfindliche Biotope." Die Regnitz werde immer stärker belastet. "Früher gab's hier Fische im Überfluss, jetzt sterben sie aus und wir müssen welche aussetzen. Wir schmeißen dafür viel Geld ins Wasser."

Aber warum dann keine Klage gegen Stoschecks Kapitänsambitionen? Die habe es gegeben. Er selbst habe bei den ersten Fahrten zwei Mal geklagt, sagt der zweite Kropf. Allerdings erfolglos. Stoschek war 2012 und 2013 ohne Anmeldung oder Genehmigung auf dem Wasser gefahren, 2015 hatte die Stadt die Aktion gar als Ordnungswidrigkeit gewertet, es aber bei einer Verwarnung belassen. 2016 bekam der Unternehmer grünes Licht, weil er einen Funktionär des Roten Kreuzes beförderte - und die Fahrt somit einen offiziellen Anstrich bekam. Nach der Kerwa-Pause 2017 war der bürokratische Wellengang 2018 schon deutlich ruhiger. "Es kann genehmigt werden, wenn ein besonderes Ereignis vorliegt. Und das liegt mit der Sandkerwa auf jeden Fall vor", erklärte Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar damals und ergänzte: "Grundsätzlich kann jeder andere auch beantragen, dass er mit seinem Amphibienfahrzeug kommt."

Wochen bis zur Genehmigung

Beim Gabelmann und allen Klabautermännern! Diesen Satz wollten wir als Matrosen auf dem FT-Flaggschiff auf die Probe stellen. Das erste Problem jedoch: Amphibienfahrzeuge stehen nicht gerade an jeder Ecke herum und warten darauf, ausgeliehen zu werden. Fahrer schon gar nicht - denn für solche Gefährte braucht es einen Sportbootführerschein. Und wie bereits Michael Stoschek in der Vergangenheit erklärt hatte, trauen sich nur die wenigsten Besitzer eines seltenen Schwimmwagens damit auch ins Wasser.

Da kam uns Bernhard Fischenich ins Netz: Ex-Geschäftsführer bei FTE Automotive in Ebern, Kraftfahrzeug-Sachverständiger, Oldtimer-Liebhaber, Amphibienfahrzeugfahrer. Ein Mann wie gemacht für diese Mission. Rhein, Main, Weser und Mosel hat der 72-Jährige am Steuerrad seines Amphicars mit dem wassergekühlten 4-Zylinder-Viertaktmotor schon bezwungen. Nun nimmt er Kurs auf die Regnitz. "Ich wollte schon 2018 fahren, als ich gelesen habe, dass jeder eine Fahrt beantragen kann. Aber die Bürokratie hat mich abgeschreckt." Als der FT anklopfte, zögerte Fischenich keine Sekunde und sagte zu. Damit startete vor genau zwei Monaten das Abenteuer staubtrocken mit einem Antrag bei der Stadt Bamberg. "Im Rahmen der Antragsprüfung müssen eine Vielzahl an Fachstellen und betroffene Dritte angehört werden", erklärte Ralf Haupt, als Ordnungsreferent auf der MS Bamberg so etwas wie ein nautischer Offizier.

Das Genehmigungsverfahren hat sich gewaschen: Neben den Fachstellen für Natur- und Immissionsschutz im Rathaus waren das Wasserwirtschaftsamt Kronach, die Wasserschutzpolizei und die Fachberatung für Fischerei des Bezirks beteiligt, zudem das Ordnungsamt, die Sandkerwa Veranstaltungs GmbH, der Faltboot-Club, der Kanuten-Service und die Gondolieri wurden informiert. Mit dem Freistaat Bayern musste außerdem ein Gestattungsvertrag geschlossen werden. Die Behörden verlangten eine Darstellung der geplanten Fahrstrecke, detaillierte Angaben zum zeitlichen Ablauf, genaue Beschreibung der Ein- und Ausfahrstelle mit Lageplan, Ausschluss von Beeinträchtigung schutzwürdiger Uferflächen, Daten zu Fahrzeug und Fahrer samt Kopie des Sportboot-Führerscheins, aktuelles technisches Prüfgutachten, aus dem hervorgeht, dass vom Fahrzeug keine Gewässerverschmutzung hervorgerufen werden kann.

Beim letzten Punkt sahen die Fischer den Haken - und schnappten zu. Denn obwohl nach acht Wochen Fischen im trüben Gewässer der Bürokratie dann tatsächliche die neunseitige "wasser- und schifffahrtsrechtliche Ausnahmegenehmigung" in den Briefkasten flatterte und die Fahrt für Montag, 26. August, um 16 Uhr genehmigt war, zweifelte die Fischerzunft das Gutachten mit einer Klage an. Denn dieses wurde vom vereidigten Sachverständigen Bernhard Fischenich ausgestellt - gleichzeitig Kapitän und Besitzer der FT-Amphibia.

Seine bisherigen Fahrten mit diesem Fahrzeug wurden ihm stets genehmigt. Doch diesmal muss das Gutachten erneut geprüft werden. Das Ergebnis macht niemanden mehr nass, denn vor Montag wird es keines geben. Klingt alles nach abenteuerlichem Seemannsgarn, ist aber trockene Wahrheit. Zum Glück sind wir nicht zu nahe am Wasser gebaut.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren