Hohnhausen

Warum der Brexit so gefährlich ist

Adrian Price und seine Frau Chris Atkinson-Price sind Engländer. Sie leben seit vielen Jahren im Kreis Haßberge. Der geplante Austritt Großbritanniens aus der EU bereitet ihnen Sorge. Jetzt sind sie sicherheitshalber "deutsch" geworden.
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Chris Atkinson-Price und ihr Mann Adrian Price haben dem Brexit vorgebeugt: Sie haben seit März 2018 neben der britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft inne.  Foto: Andreas Lösch
Chris Atkinson-Price und ihr Mann Adrian Price haben dem Brexit vorgebeugt: Sie haben seit März 2018 neben der britischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft inne. Foto: Andreas Lösch

Andreas Lösch Raus aus der Europäischen Union, rein ins (zumindest vorläufige) Chaos: Großbritannien will den Alleingang, die politische Unabhängigkeit von Brüssel, keine lästigen Millionenzahlungen mehr an die europäische Gemeinschaft - und sorgt damit für viel Unruhe auf dem Kontinent, sogar darüber hinaus. Denn vor allem eines bereitet derzeit vielen Briten, aber auch etlichen Festlandeuropäern Sorgen: die Ungewissheit.

Diese Ungewissheit ist es, die Adrian Price und Chris Atkinson-Price nachdenklich stimmt, wenn es um den Brexit geht, also den geplanten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU). Denn im schlimmsten Fall kommt es zu einem "No-Deal-Brexit", also einem Austritt der Briten ohne Abkommen.

Das hätte weitreichende Folgen für die britische und europäische, sogar die weltweite Wirtschaft, wie Adrian Price erklärt: Allein die Zollabfertigung, die nötig wäre, wenn Waren vom Festland auf die Insel gebracht werden, wäre mit enormem Aufwand verbunden, kurzfristig drohe eine Chaos.

Märkte reagieren bereits

Noch ist der Brexit gar nicht vollzogen, aber die Märkte und Unternehmen reagieren bereits, etwa indem sie Produktionsstätten auf der Insel schließen und in andere Länder verlegen oder Pläne dafür ankündigen. So etwa seien der Autobauer Honda (Werksschließung), Rolls-Royce Flugzeugmotoren (will nach Deutschland), Sony (nach Amsterdam) oder der Staubsaugerhersteller Dyson (nach Singapur) aktiv geworden.

Neben den wirtschaftlichen Folgen treibt die Familie Price noch ein ganz anderer Gedanke um, wenn es um den Brexit geht: die Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung.

"Ruck nach weit rechts"

Vor allem der "Ruck nach weit rechts" in Großbritannien, aber auch im Rest von Europa sei beunruhigend, sagt Chris Atkinson-Price (69). Das spalte die Bevölkerung, in ihrer Heimat England sei verstärkt Ausländerfeindlichkeit zu beobachten. "Es ist ein Schock, das zu sehen," sagt sie. "Und es ist sehr schnell passiert."

Beängstigend sei das und nicht rational erklärbar. Die Menschen ließen sich zu leicht durch Emotionen leiten, statt die Fakten zu hören und abzuwägen. Einseitige Medienberichte, Hetzkampagnen in sozialen Netzwerken und teils hanebüchene Behauptungen auf Wahlkampftouren begünstigten den Brexit, selbst wenn ganz offensichtlich gelogen wurde - so etwa erwiesen sich die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien laut der von Boris Johnson angeführten "Vote-Leave"-Kampagne (etwa: "Entscheide dich für den Austritt") wöchentlich an die EU bezahlt, als "falsch", wie Chris Atkinson-Price sagt. Die Kampagnen-Kritiker hätten ausgerechnet, dass Großbritannien nur knapp die Hälfte der genannten Summe bezahlt, das sei ein enorm großer Unterschied.

Gespaltene Gesellschaft

Überhaupt ist der rechtskonservative, sogar bis weit nach rechts außen einzuordnende Ton vieler Brexit-Befürworter den Prices nicht geheuer. Die Gesellschaft werde dadurch gespalten, gegen Ausländer werde offen gehetzt, und auch habe sich ein tiefer Graben zwischen Brexit-Befürwortern und -Gegnern aufgetan, "das hat teilweise Familien auseinander gebracht", sagt Price. Der Ton werde rauer, die aus Price' Sicht unbegründete Angst vor Überfremdung größer. Die ihm sonst eigentlich vertraute britische "Toleranz hat sich in Luft aufgelöst. Das ist teilweise beschämend."

Adrian Price versteht sich nicht "so sehr" als Engländer. "Ich sehe mich als Europäer, es spielt keine Rolle, ob ich Engländer bin oder nicht." Der 72-Jährige freut sich darüber, dass sich Europa über viele Jahre zu einer Gemeinschaft entwickelt hat, in der EU-Bürger frei und ohne Grenzen reisen und arbeiten können. Das stehe nun auf dem Spiel. Price selbst lebt seit 53 Jahren in Deutschland. Mit seiner Frau - seit 1996 in Deutschland, sie arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2012 für die britische Armee - hat er im Jahr 2000 in Hohnhausen (Marktgemeinde Burgpreppach) ein Haus gekauft. Das seit 2002 verheiratete Paar hat hier seinen Platz gefunden. Aber mit dem Brexit-Referendum der Briten contra EU-Verbleib im Jahr 2016 stand auch diese eigentliche Selbstverständlichkeit plötzlich in Frage: Dürfen wir dann noch hier bleiben, wie schaut es mit der Krankenversicherung aus, wie mit der Altersvorsorge? Durch die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens waren diese Fragen für die Familie Price längst geklärt, nun aber änderte sich das, vor allem mit Blick auf die besagte Ungewissheit: Welche Abkommen werden geschlossen und vor allem wann?

Deutscher Pass hilft weiter

Aus diesem Grund haben die beiden die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und diese nach hohen bürokratischen Hürden im März 2018 auch erhalten. Sicherheitshalber deutsch, sozusagen, denn sie wollen hier bleiben und der deutsche Pass macht sie zu (vorläufig) sicheren EU-Bürgern. Brexit hin oder her.

Und doch, für Freunde und Verwandte und Tausende andere Briten, die in verschiedenen EU-Ländern wohnen, bleibt die Unsicherheit, das Ungewisse. "Das ist für sehr, sehr viele belastend", sagt Chris Atkinson-Price.

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