Kronach

Wann Geister und Hexen Macht haben

Der Beginn des neuen Kirchenjahres mit den zwölf heiligen Nächten von Heiligabend bis Dreikönig steht in heimlicher Romanze zu altem Brauchtum und Volksglauben im Frankenwald.
Artikel drucken Artikel einbetten
Aus dem Dunstkreis des Spätherbstes erhebt sich die Markgrafenkirche in Seibelsdorf. Ihr Kirchenpatron, der heilige Andreas, ist seit dem Spätmittelalter kompetenter Ansprechpartner und oberster Sachverständiger zum Thema Brauchtum und Volksglauben im Frankenwald. Foto: A. Grahl
Aus dem Dunstkreis des Spätherbstes erhebt sich die Markgrafenkirche in Seibelsdorf. Ihr Kirchenpatron, der heilige Andreas, ist seit dem Spätmittelalter kompetenter Ansprechpartner und oberster Sachverständiger zum Thema Brauchtum und Volksglauben im Frankenwald. Foto: A. Grahl

Die Rätsel der Geschichte der zwölf heiligen Nächte von Heiligabend bis Dreikönig im Frankenwald sind wegen ihrer Vielfalt in zwei Teilabschnitte gegliedert: in "Schreckensgeläut hoch über der Wilden Rodach", über das nachfolgend berichtet wird, und in "Rosa Aussichten bei Grüna Klües mit Eiebrüh", die in einer weiteren Folge abgehandelt werden.

Zwischen Weihnachten und dem Hohen Neujahr liegen die fränkischen "Raunächte". Sie sind vor allen anderen dazu ausersehen, böse Mächte abzuwehren und wohltätig zu stimmen, damit im kommenden Jahr die Segenswirkung anhält.

Aus einem vergilbten Büchlein ...

An der fränkischen Linie, dem südwestlichen Tor zum Frankenwald, ist das Besprengen mit Weihwasser und das Räuchern von Wohnungen, Gebäuden und Stallungen alte Tradition. Das geschieht am besten mit Weihrauch oder einer Räuchermischung aus Salbei, Lorbeer, Thymian, Wacholder und Kampfer. So wie in gewissen vorweihnachtlichen Nächten, zum Beispiel in der Andreas-Nacht, weisen auch die zwölf heiligen Nächte durch die verschiedensten Bräuche auf die Zukunft, in besonderem Maße auch auf den zukünftigen Ehegatten hin. In einem vergilbten Büchlein über magisches Wissen, aufgestöbert in Birnbaum, heißt es: "In diesen Nächten wird dem Vieh im Stalle sehr zugesetzt. Den Pferden flechtet man die schönsten Zöpfe. Vor dem Gebetläuten wird dem Vieh Geweihtes eingegeben, damit keine Hexen schaden. Es besteht in einem Stückchen Brod, in welches drey Kerben gemacht werden. Man thut dieses aber auch recht gerne. Wer an solchen Nächten unter dem Gebetläuten Holz einträgt, zählt die Scheite später. Die Zahl muß paarweise befunden werden, wenn die Dirn in diesem Jahr nicht übrig bleiben will. Man gießt auch ein Ey in ein Glas. Es macht dann Figuren, wie Klöster, Kirchen, Häuser, Werkzeuge, aus denen man die Zukunft erkennen kann. In allen Raubnächten soll, so lange das Kind noch nicht ein Jahr alt ist, der Vater vom Kind von Mittag bis Mitternacht sich nicht entfernen, damit das Kind nicht ausgewechselt und ein Wechselbalg wird." Kindern, die in dieser Zeit zur Welt kommen, so sagt man, werden übersinnliche Fähigkeiten zugesprochen und können ihr ganzes Leben lang mit Verstorbenen in Kontakt treten.

Die Bauern im unteren Rodachtal beobachten genau die Wetterlage an jedem einzelnen der zwölf Tage. Besonders am Heiligen Abend gewinnt das Wetter hohe Beachtung nach dem Spruch: "Helle Metten, dunkle Stätten; dunkle Metten, helle Stätten."

Das heißt mit anderen Worten, dass klare Witterung zur Christmette gefüllte Scheunen verheißt und trübes Wetter leere Scheunen.

Dämon in Menschengestalt

Der 24. Dezember kennt seit jeher seine Verbote. In diesen Nächten wird keine Milch über die Gasse gegeben und kein Schmalz angestochen. Ferner soll man sich vor dem Dreschen an diesem Dezembertag hüten. Wer es dennoch tut, entlarvt sich nach altem Volksglauben als "Bilmitzenschneide", der als Dämon in Menschengestalt seine Scheunen unrechtmäßig mit Getreidekörnern füllt, der harmlos und völlig normal aussieht, in Wirklichkeit aber von erschreckender Hässlichkeit ist.

In der Heiligen Nacht, so munkelt man im "Dreiländereck" hoch über der Wilden Rodach, haben Geister und Hexen besondere Macht. Deswegen läuten die Kirchenglocken von Einbruch der Dunkelheit bis zur Mitternachtsmesse in gewissen Abständen das sogenannte "Schreckensgeläut". "Wer in die Christmette geht, kann die Hexen des Dorfes erkennen", raunt der greise "Flura". Fast flüsternd und mit doppeldeutigem Augenzwinkern fährt er fort: "Dazu braucht man entweder einen Schemel aus neunerlei Holz oder Holzscheiben. Man setzt sich in der Kirche auf diesen Schemel, schon werden die Hexen sichtbar. Oder man schaut durch die hauchdünn geschnittenen Holzscheiben. Dann sieht man Hexen mit Hut und mit dem Rücken zum Altar in den Bankreihen sitzen."

Die zwölf heiligen Nächte symbolisieren die zwölf Monate des folgenden Jahres. Am fränkisch-thüringischen Rennsteig und im oberen Haßlachtal erzählt man: "Wer in jenen Nächten zu einer Wegkreuzung geht, die Atmosphäre auf sich wirken lässt und auf die Zeichen der Natur achtet, kann rätselhafte Ereignisse deuten. Was man in diesen Nächten träumt, wird in den jeweiligen Monaten des folgenden Jahres passieren. Träume vor Mitternacht beziehen sich auf die erste Monatshälfte, die Träume danach auf die zweite Hälfte. In diesen Nächten können die Tiere sprechen. Sie reden über die Toten des kommenden Jahres."

Angst und Schrecken in diesen rauen Winternächten verbreitet das "Wilde Heer", wenn es unter Donnergrollen über die Höhenzüge des Frankenwaldes hinwegtobt und im Gehölz ganze Schneisen der Verwüstung hinterlässt. "Gnade Gott, wer sich dem in den Weg stellt", bekreuzigt sich der alte Haumeister aus der Kremnitz. Wer zu dieser Zeit weiße Wäsche draußen aufhängt, läuft Gefahr, dass sich die "Wilde Jagd" darin verfängt oder dass der "Wilde Jäger" ein Wäschestück mitnimmt und als zukünftiges Leichentuch für den Besitzer verwendet.

Die Toten suchen die Lebenden auf, und dunkle Mächte haben die Herrschaft über die Erde, heißt es analog in dem rätselhaften Büchlein aus Birnbaum.

Böse Geister setzen sich gerne in Unrat und Unordnung fest. Deswegen gilt der Ratschlag: Aufräumen im Haus und im Leben! Am besten bringt man alles Geliehene zurück und lässt sich Verliehenes wiedergeben.

Fortsetzung folgt

Der zweite Teil des Berichtes "Rosa Aussichten bei Grüna Klües mit Eiebrüh" erzählt fantastische und spannungsreiche Geschichten vom "Kindlestouch", vom "Neujoahschheilichoamd" und vom "Öjbeschdn" der zwölf heiligen Nächte. Bleiben Sie dran!

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren