Wallenfels

Wallenfels wurde zum Armenhaus

Vor 90 Jahren gab es infolge der Wirtschafskrise über 400 Arbeitslose im Ort. Kinderarbeit war gang und gäbe. Vom Eisenbahnprojekt Wallenfels-Schwarzenbach versprach man sich einen Aufschwung. Es scheiterte.
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Voll gefordert wurden bei der kräftezehrenden Arbeit die Waldarbeiter. Der Wochenlohn lag bei 15 Mark, und das bei einer Zwölfstundenschicht. Repros: Gerd Fleischmann
Voll gefordert wurden bei der kräftezehrenden Arbeit die Waldarbeiter. Der Wochenlohn lag bei 15 Mark, und das bei einer Zwölfstundenschicht. Repros: Gerd Fleischmann
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Der einstige Marktflecken Wallenfels - 1954 zur Stadt erhoben - befand sich im Jahr 1929, also vor 90 Jahren, in einer regelrechten Depression. Der Grund: Für die Männer der etwa 2700 Einwohner zählenden Flößergemeinde gab es kaum noch Arbeit. Die "goldenen Zwanziger" waren in den Bezirken Kronach und Teuschnitz nie spürbar gewesen, denn der Frankenwald glich vor 90 Jahren einem Armenhaus. Ja man eilte von Krise zu Krise. Vor allem fristeten die Heimarbeiter ein erbärmliches Dasein. Und der Börsenkrach am 24. und 25. Oktober 1929 an der Wallstreet in Amerika verschärfte zusätzlich die wirtschaftliche Situation. Zu den Problemkommunen zählte vor allem Wallenfels. Nach goldenen Jahren mutierte es zum Armenhaus.

Verzweifelt bemühten sich die Verantwortlichen um Linderung. Am Dienstag, 3. September 1929, fand deshalb im Schrepferschen Saal zu Wallenfels eine Volksversammlung statt, in der es schwerpunktmäßig um das Bahnprojekt Wallenfels-Schwarzenbach ging, das den Anschluss nach Kronach und Hof bringen sollte. Bei einer Realisierung hätten sich Industriebetriebe in Wallenfels ansiedeln können, so die Hoffnung der Kommunalpolitiker. Bekanntlich wurde aus diesem Anliegen nichts.

Ausführlich befasste sich die seinerzeitige Tageszeitung "Fränkischer Wald" fünf Tage vor der Volksversammlung kritisch mit der angespannten Arbeitsmarktlage. Und die ließ nichts Gutes erahnen. Denn schließlich mussten damals an die 300 Männer vom Frühjahr bis Herbst ihren Verdienst auswärts (Ostpreußen, Pommern, Westfalen, Österreich) weit von der Familie entfernt suchen. Alexander Graf Stenbock-Fermor in seinem Buch "Deutschland von unten": Bei einer 12-stündigen Arbeitsschicht bekamen die Arbeiter gerade mal 15 Mark wöchentlich. Davon mussten sie leben, und davon mussten auch Frau und Kinder ihr Leben fristen.

"Fränkischer Wald": "Seit Jahrzehnten zogen unsere Leute ohne Murren in die weite Welt hinaus, solange sie wussten, dass sie verdienen werden. Diese Zeit ist nun vorüber. Überall hat die Technik sich Wege verschafft. Die Zahl der Arbeitssuchenden wird aber immer größer, vor allem derjenigen, die auf Arbeit in der weiten Welt angewiesen sind, weil in der Heimat keine Industrie vorhanden ist. Von Jahr zu Jahr wird die Aussicht, wenigstens für einige Sommermonate Arbeit zu finden, geringer und bald droht auch diese fremde Arbeitsquelle ganz zu versiegen."

Nächtelang an der Stopfgeige

In besonderer Weise schilderte die Zeitung vor allem die prekäre Situation der Frauen und Kinder. Dazu der "Fränkische Wald": "Daheim sorgen sich fast tausend Frauen und Kinder um das Fortkommen der Familie und müssen Tage und halbe Nächte an der Stopfgeige (notwendig für Handstickerei) verbringen, um sich bei dem meist geringen Verdienst des Ernährers der Familie über Wasser zu halten. Hier werden die Kinder schon vom 8. Lebensjahr an herangezogen. Wenn andere Kinder nach der Schule oder an freien Tagen auf der Wiese spielen und Geist und Körper in Luft, Licht und Sonne stählen, müssen sie hier in den dumpfen, meist feuchten und düsteren Stuben sitzen, um ein paar Pfennige für das tägliche Brot mitzuverdienen."

Dazu die Fakten in jener trostlosen Zeit: Damals lag die Zahl der Erwerbslosen zunächst bei 300 Mann. Das Arbeitsamt Kronach zahlte 1929 an die 120 000 Mark an Erwerbslosenunterstützung für Wallenfels, Schnaid und Bernstein nicht mit eingerechnet. Bekanntlich schnellte die Zahl der Erwerbslosen in den folgenden Monaten dann auf über 400. Zunächst erhielten sie Arbeitslosengeld, dann Krisenunterstützung, und dann wurden sie ausgesteuert. Hoffnungslosigkeit und Resignation machten sich breit.

Realistisch bilanzierte der "Fränkische Wald" die Lage: "Der Arbeitsmangel kehrt alle Jahre wieder, die Not der Weberei und der Heimarbeiter ist ein chronisches Übel geworden. Viele Hunderte von billigen Arbeitskräften sind vorhanden, die Weberei allein und die Heimindustrie kann sie nicht beschäftigen und neue industrielle Unternehmungen können bei dem Mangel einer Bahn unmöglich erstehen. Die Arbeiterbevölkerung hofft auf das Zustandekommen dieses Bahnprojektes und vertraut fest auf die Hilfe und Einsicht der Staatsregierung. Gerechtigkeit und soziales Empfinden rufen hier nach Hilfe."

Als weiteres Argument zum Bahnbau wird die Frankenwaldflößerei - durch die fortschreitende Mainkanalisation ganz erheblich behindert - aufgeführt. Neue Absatzgebiete erschlössen sich im holzarmen Sachsen. Zur konkurrenzfähigen Eroberung dieses neuen Absatzgebietes Sachsen sei die Erbauung dieser kurzen 19 Kilometer langen Bahnstrecke als nächste Verbindungsstation in Hof nach Sachsen eine zwingende Notwendigkeit. "Fränkischer Wald": "Im Wallenfelser Tale vom Bahnhof aufwärts würde die Bahn die Produktion von 16 Wasser- und Dampfschneidesägen aufzunehmen haben, die durchschnittlich im Jahr zirka 30 000 Kubikmeter Holz und eventuell noch mehr verschneiden."

Der Börsenkrach und seine Folgen

Bekanntlich sorgte dann Ende Oktober 1929 der gigantische Börsenkrach an der New Yorker Wallstreet für eine weltweite Depression. Dies hatte dramatische Folgen für die Menschen im Frankenwald. Die wirtschaftliche Sogwirkung war furchtbar, verbunden mit Hunger und Elend. Die Not im Frankenwald nahm grausame Züge an, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann.

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