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Bad Brückenau
Erinnerung

Vor 75 Jahren kamen Flüchtlinge aus Schlesien nach Bad Brückenau

Der 27. Januar 1945 war der Tag mitten im Winter, an welchem fast eine ganze Stadt in Schlesien plötzlich menschenleer wurde. Unter den vielen Flüchtlingen befand sich eine Mutter mit fünf Kindern, da...
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Der 27. Januar 1945 war der Tag mitten im Winter, an welchem fast eine ganze Stadt in Schlesien plötzlich menschenleer wurde. Unter den vielen Flüchtlingen befand sich eine Mutter mit fünf Kindern, das jüngste war gerade ein halbes Jahr alt. Die wichtigsten wenigen Habseligkeiten wurden rasch zusammengepackt und in dem Kinderwagen verstaut, dann ging es Richtung Bahnhof.

Dort stand ein Zug bereit, der die Menschen nach Westen bringen sollte. In der Ferne war das Grollen der Panzer und Geschütze zu hören. Die russische Front rückte von Tag zu Tag näher. Die meisten der Flüchtenden waren Frauen mit ihren Kindern. Die Männer waren an der Front. So auch der Mann der oben erwähnten Frau mit ihren fünf Kindern. Die große Verantwortung für das Leben ihrer Kinder lastete auf den Schultern dieser Frau. Das Zugabteil, in welches die Familie gesteckt wurde, hatte an den Fenstern keine Scheiben, und es war Winter und eisige Luft fauchte herein. Die resolute Mutter beschwerte sich beim Kondukteur und erhielt für ihre kleinen Kinder im Alter von einem halben Jahr, vier, fünf, neun und zwölf Jahren ein warmes, allerdings völlig verqualmtes Abteil, in welchem Männer gesessen und kräftig geraucht hatten.

Tagelang im Zug unterwegs

Der Aufenthalt im Zug dauerte einige Tage - es waren Tage ohne ordentliche Toiletten, ohne Wasser, um die Windeln des kleinen Mädchens zu waschen. Der freundliche Lokführer ließ für Mütter mit Babys ab und zu Wasser aus dem Dampfkessel seiner Lok. Dort konnten die Windeln notdürftig gewaschen werden.

Dann ging die Fahrt weiter nach Österreich. In Grieskirchen hieß es für alle: Aussteigen! Hunderte bezogen Quartier in der Schule. Die Familie teilte das "Zimmer" mit 39 anderen Flüchtlingen. Eine einzige Kochstelle war vorhanden. So standen dann die Töpfe nacheinander auf dem Tisch - und alle warteten, bis ihr Topf zum Kochen an die Reihe kam. Bis in den Herbst hinein dauerte der Aufenthalt in dieser Schule unter den schlimmsten Bedingungen. Der Krieg war längst vorbei, aber alle Hoffnungen, wieder in die alte Heimat zurückkehren zu können, waren zerstoben.

Endlich hieß es im Oktober, ein Zug stünde bereit zur Weiterfahrt nach Deutschland. Diesmal wartete ein Güterzug am Bahnhof. Dieser hatte zunächst das Ziel Oberkotzau in der Nähe von Coburg. Die hygienischen Verhältnisse der vielen hundert ausgemergelten Menschen sind unvorstellbar für unsere heutige Generation.

Von dort sollte es bald weiter gehen in die "Ostzone". Aber alle waren sich einig, dass sie in die russische Zone auf keinen Fall wollten, denn schließlich waren sie vor den Russen geflohen. Demonstrativ stiegen nach dem Aufenthalt von einer Woche alle Menschen aus und stellten sich auf den Bahnsteig. Der "Streik" hatte Erfolg! Es kam die Nachricht: Der Zug fährt weiter nach Westen! Das Hermannsheim in Bad Brückenau - Staatsbad nahm schließlich die vielen Flüchtlinge auf. Die meisten der "Schlesier" sind hier in der Rhön geblieben, auch die Mutter mit ihren fünf Kindern. Sie hat sie alle groß gezogen zusammen mit ihrem Mann, der bald aus der Gefangenschaft heim kam. Trotz der vielen schrecklichen Erlebnisse ist kein Hass geblieben. Das Schicksal hatte es schließlich gut mit allen gemeint. Nur ein einziges Kind des gesamten Flüchtlingstrecks war in Grieskirchen gestorben: an Hunger. Was Menschen trotz großer Sorgen mit Geduld ertragen und aushalten können, zeigt dieser Blick zurück in die deutsche Geschichte.