Bad Kissingen
Lesetipp

Vom wahren Glück des Lebens: "Sommer bei Gesomina" von Florian Beckerhoff

Sigismund von Dobschütz "Florian Beckerhoff ist ein wunderbar leiser, besinnlicher und poetischer Roman gelungen, der sich trotz seines philosophischen Tiefgangs leicht lesen lässt." Dies schrieb ich ...
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Sigismund von Dobschütz "Florian Beckerhoff ist ein wunderbar leiser, besinnlicher und poetischer Roman gelungen, der sich trotz seines philosophischen Tiefgangs leicht lesen lässt." Dies schrieb ich schon über den vorigen Roman "Herrn Haiduks Laden der Wünsche" des in Berlin lebenden 43-jährigen Schriftstellers. Dasselbe gilt nun auch für sein kürzlich veröffentlichtes Buch "Sommer bei Gesomina". Auch hier lässt sich die Kernaussage so zusammenfassen: Das wahre Glück im Leben findet man nur in den kleinen Dingen und Begebenheiten des Alltäglichen. Denn wieder spielt alles in nur einer Straße eines Berliner Altstadtviertels, dessen kleinbürgerliche Bewohner abseits des großstädtischen Trubels in ihrem von der Welt anscheinend vergessenen Mikrokosmos ihr klägliches Dasein fristen - bis plötzlich der zwölfjährige Jona auftaucht, um seine Sommerferien bei Gesomina zu verleben, die ihn einst jahrelang als Kleinkind betreut hatte. Jona, Sohn aus großbürgerlichem Elternhaus - der Vater ist als Unternehmensberater weltweit im Einsatz, die Mutter strebt als Autorin nach Anerkennung - hatte sich enttäuscht geweigert, in den Sommerferien seine Mutter "als lästiges Anhängsel" nach Hollywood zu begleiten, nachdem nun keine Zeit für den eigentlich geplanten Ferienclub-Urlaub war. Stattdessen vertraut die Mutter den Zwölfjährigen seiner früheren Kinderfrau Gesomina an, der kleinen resoluten Frau aus Mogadischu, die seit 40 Jahren allein in einem Altberliner Hinterhof in der Dachgeschosswohnung eines heruntergekommenen Mietshauses lebt.

Fast scheint es, als lebe auch Beckerhoff inmitten dieses Berliner Kiezviertels und habe sich von seinen Mitbewohnern inspirieren lassen, so authentisch, humorvoll und zugleich liebevoll beschreibt er seine so unterschiedlichen Charaktere, die man als Leser einfach mögen muss: Da gibt es den Grafiker Milan als Betreiber einer meistens geschlossenen Bar, die einsame Weinhändlerin, den Übersetzer, der sich dem Vermieter gegenüber als Maler ausgibt, den türkischstämmigen Friseur Ergün oder den vietnamesischen Supermarkt-Inhaber Dong und Tom Spencer, den Stiefelverkäufer aus Tasmanien. Alle versuchen sich in dieser Straße irgendwie über Wasser zu halten, fühlen sich von der Welt unverstanden, leben einsam vor sich hin, haben kaum Kontakt untereinander.

Erst Jona bringt durch seine kindliche Unbeschwertheit und Lebensneugier Bewegung in aller Dasein. Er entdeckt hier, fern seiner häuslichen Einsamkeit, das wahre Leben, lernt hier die unterschiedlichsten Menschen und ihre Schicksale kennen. Seine Neugier und sein Mitgefühl führen die Bewohner der Straße zusammen und erwecken ihre Lebensgeister aufs Neue.

Beckerhoffs neues Buch ist tatsächlich wie sein Vorgänger wieder ein wunderbar leiser, besinnlicher und poetischer Roman. Die verschiedenen Figuren mögen fiktiv sein, sie könnten aber ebenso wirklich im Berliner Kiez gleich um die Ecke leben. Es sind die kleinen Helden des Alltags. "Sommer bei Gesomina" ist einerseits ein "Wohlfühlroman" und liest sich wie ein modernes Großstadtmärchen, andererseits aber ein "Mutmacher", vielleicht selbst noch einmal durchzustarten - voller Neugier auf bisher unerkannte Chancen, die das Leben einem bieten mag. Man fühlt sich von Florian Beckerhoff dabei an die Hand genommen, wie es auch Gesomina mit dem kleinen Jona auf dem Cover-Bild macht.

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