Herreth

Vom Trauma der Vertriebenen

In Herreth traf sich auf Einladung der Frauen-Union erstmals der Geschichtskreis "Der Itzgrund erzählt". Zwei Frauen berichteten eindrucksvoll über ihre Erlebnisse während der Vertreibung 1945.
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Moderatorin Heidi Bauer (rechts) zusammen mit den Zeitzeuginnen (von links) Johanna Glaser aus Herreth, Elisabeth Schleicher aus Kaltenbrunn und Anneliese Schröter aus Gleußen Foto: Alicia Vetter
Moderatorin Heidi Bauer (rechts) zusammen mit den Zeitzeuginnen (von links) Johanna Glaser aus Herreth, Elisabeth Schleicher aus Kaltenbrunn und Anneliese Schröter aus Gleußen Foto: Alicia Vetter

Sich zum Kaffeekränzchen treffen und sich gegenseitig etwas erzählen - Lebensgeschichten, Privates, Schicksalsschläge oder Ereignisse aus den Dörfern. Über 20 Frauen und Männer aus der Gemeinde Itzgrund waren am Sonntag einer Einladung der Frauen-Union (FU) gefolgt. Im Herrether Pfarrhaus begann die neue Reihe "Der Itzgrund erzählt", die nun in loser Reihenfolge stattfinden soll. Moderiert wurde der Erzählnachmittag von FU-Vorsitzender Heidi Bauer.

Wer erwartet hatte, dass an diesem Nachmittag belanglose Geschichtchen und Anekdötchen zum Besten gegeben werden, der wurde überrascht vom Tiefgang der Zeitzeugenberichte. Vor allem zwei Frauen sprachen ungeschminkt über ihr Schicksal während der Vertreibung aus ihrer alten Heimat: Die 1934 geborene Johanna Glaser aus Herreth, die mit ihrer Familie 1945 aus Schlesien flüchten musste, und die 1933 geborene Anneliese Schröter aus Gleußen, deren Familie aus Pommern vertrieben wurde.

Mucksmäuschenstill

Die Lebensgeschichten beider Frauen waren so packend, dass es im Pfarrsaal eineinhalb Stunden mucksmäuschenstill war. Die Lebenserinnerungen der beiden Zeitzeuginnen verdienten es, in einem Buch oder in einer Chronik festgehalten zu werden.

"Eines Menschen Tod ist des andern Brot" hatte Johanna Glaser ihre Erzählung überschrieben. Sie berichtete von der Flucht und vom Neuanfang ihrer Familie 1945 in Eicha bei Coburg. Dort kam ihre Mutter mit ihren 13, elf, zehn und vier Jahre alten Kindern an - der Vater war noch in Kriegsgefangenschaft. Die Familie wurde einem Bauern zugewiesen. "Armut, Hunger, Krankheit und Not prägten unseren Alltag", sagte Johanna Glaser - "und die Angst, die Mutter noch einmal zu verlieren, wie es schon einmal auf der Flucht geschehen war."

Ihre Mutter sei Hebamme gewesen, fuhr sie fort. Das Leben der Familie wurde besser, nachdem die Mutter dann Arbeit gefunden hatte: Die Hebamme für einen Bezirk mit zwölf Dörfern war gestorben - die Mutter bewarb sich auf diese Stelle und erhielt sie. "Eines Menschen Tod ist des andern Brot", sagte sie ihren Kindern.

Sie trat die Stelle an, kaufte sich ein kleines Sachs-Motorrad und knatterte durch die Dörfer, um Kindern auf die Welt zu helfen. Wenn sie die Hebamme auf ihrem Moped heranbrausen sahen, riefen sie sich zu: "Die Amtsfraa kommt!" - wobei die Herkunft und Schreibweise des Wortes Amtsfrau an diesem Nachmittag nicht mit Sicherheit geklärt werden konnte, denn das Wort könnte durchaus auch "Amms-Frau", also Ammenfrau, gelautet haben.

Anneliese Schröter berichtete über traumatisierende Szenen, die sie als zwölfjähriges Kind während der Flucht erlebte. Über die fürchterlichen Dinge, mit denen sie konfrontiert war, berichtete sie an diesem Nachmittag in einer klaren, distanzierten Sprache. Für ihre Enkel und Urenkel hat sie die Erlebnisse übrigens als zweistündiges Sprachdokument auf einer Tonbandkassette festgehalten.

Bruder wurde verschleppt

Mit ihrer Familie, erzählte sie, sei sie zunächst in ihrem Heimatdorf in Pommern geblieben, als die Russen den Ort besetzten. Um den 14-jährigen Bruder, sagte sie, habe die Mutter zunächst keine Angst gehabt - bis der Junge doch verschleppt wurde und zwei Jahre als verschollen galt. Selbst die Mutter hatte sich damit abgefunden, dass er wohl gestorben sein müsse: "Wir wussten nicht, wo er ist, wir wussten nicht, was mit ihm ist."

Was Anneliese Schröter im Viehwagen eines Flüchtlingszugs von Pommern nach Mecklenburg erlebte, beschrieb sie mit geradezu wissenschaftlich sezierender Deutlichkeit. In diesem Viehwaggon seien die verängstigten Menschen zusammengedrängt worden. 16-jährige Zwillingsmädchen seien wieder und wieder von der begleitenden Soldateska vergewaltigt worden. Die Schreie der Mutter, die zusehen musste und ihren Kindern nicht helfen konnte, könne sie niemals vergessen. Die Menschen froren, sie hatten kein Verbandszeug und mussten die Notdurft in einen Eimer verrichten. "Eigentlich hätte ich einen Psychiater gebraucht", kommentierte sie ihren Zustand zu jener Zeit.

Das Martyrium der Familie hatte erst ein Ende, als der Bruder im Januar 1947 unverhofft lebend auftauchte, der Vater im Oktober 1947 aus der Gefangenschaft entlassen wurde und die Familie schließlich nach Franken umgesiedelt wurde.

Ihren eigenen Kindern, sagte Anneliese Schröter, habe sie oft und plastisch von ihrem Kindheitsdorf erzählt und von dem großen Haus, in dem sie einst wohnte. Ihre Kinder hätten das nicht so recht geglaubt, denn die Erinnerung an Dinge, die man in der Kindheit erlebt, sei stets größer als die Wirklichkeit, mutmaßten sie. Erst als Anneliese Schröter mit ihrer Tochter viele Jahre später in das Dorf ihrer Kindheit reiste, wurde der Wahrheitsgehalt ihrer Erzählungen bestätigt: Das Haus war wirklich so groß, es war keine kindliche Einbildung.

Fast wie in einem Roman

Das Schicksal wollte es, dass sie in dieses Haus eingelassen wurde, dass sie eine Jugendfreundin wiedertraf und dass der große Apfelbaum noch im Garten stand, den sie aus ihrer Kindheit kannte. Es war fast ein wenig wie in einem Roman, als die Jugendfreundin sie aufforderte, einige der Äpfel zu pflücken: "Du isst jetzt von euren Äpfeln."

Im Itzgrund haben Johanna Glaser und Anneliese Schröter längst eine Heimat gefunden. Johanna: "Ich fühl mich sehr wohl unter den Menschen hier - aber man muss rausgehen, darf nicht hinter dem Fenster stehen bleiben." Anneliese: "Die Mecklenburger waren nicht so gut zu uns Flüchtlingen wie die Franken."

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