Coburg

Vom schönen Leben vor dem Tod

Seit einem Jahr gibt es ein Hospizhaus in Coburg. Hier wird würdevoll gestorben - vor allem aber noch gelebt.
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Fellah Meyer und Ramona Ernst lieben ihre Arbeit im Hospiz. Sie nennen sie "wertvolle Lebenszeit".
Fellah Meyer und Ramona Ernst lieben ihre Arbeit im Hospiz. Sie nennen sie "wertvolle Lebenszeit".
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Zwei Prozent aller Menschen sind damit gesegnet, einfach im Bett einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Keine schwere Krankheit, kein Leiden, kein Todeskampf. Vom Glück des friedlichen Sterbens könnte man da reden. Wenn man denn überhaupt darüber redet. Denn noch immer ist der Tod und das Sterben - vor allem das eigene - ein Tabuthema.

Anders im Caritas-Hospiz Coburg. Seit einem Jahr hat das Haus in der Kükentalstraße seine Pforten geöffnet. 90 Gäste wurden seitdem beherbergt, Durchschnittsalter 70 Jahre, Verweildauer 24 Tage im Schnitt. 24 Mitarbeiter kümmern sich um das Wohl der Menschen, die dort ihre letzten Tage verbringen. Soweit die trockene Statistik im Rückblick.

Spannender und berührender sind die Geschichten, die die Hospiz-Mitarbeiterinnen aus ihrem Alltag erzählen. Da geht es um Mut, Hoffnung, Respekt, Dankbarkeit, ein bisschen Magie und ganz viel Liebe. Bevor Fellah Meyer das Erzählen beginnt, huscht Therapiehund Lucie zwischen unseren Beinen durch. Der Bernhardiner soll noch schnell einen Abstecher ins Zimmer von Reinhold von Berg machen. Zusammen mit seiner Frau Dagmar wartet der schon auf den "großen Knuddelbär". Still sitzt der 51-Jährige in seinem Rollstuhl. Doch als der Hund zur Tür herein kommt, blitzen seine Augen auf. Seine Frau spricht von einer großen Energie, die ihnen das Tier gibt. Über die Streicheleinheiten freuen sich alle.

Dankbarkeit

Täglich besucht Dagmar von Berg ihren schwer kranken Mann. Sie wirkt fröhlich und lacht viel. "Wenn es meinem Mann gut geht, geht es mir auch gut", sagt sie. Heute sei so ein guter Tag. Das Ehepaar weiß um die wenige Zeit, die ihm noch bleibt. Umso dankbarer sind die beiden für die Fürsorge, die sie im Hospizhaus erfahren. "Wenn mein Mann sein Bier trinken möchte, bekommt er es und wenn er eine rauchen möchte, schiebt ihn jemand vor die Tür, wenn ich nicht da bin", sagt sie. Es geht eben nur darum, dass es Reinhold von Berg gut geht. Seine Wünsche werden erfüllt.

Hoffnung

Im Wünscheerfüllen sind die Damen im Hospiz besonders gut. Wenn Schwester Fellah erzählt, wird es einem ganz warm ums Herz. Da war diese sternenklare Nacht im August. "Der warme Sommerwind fühlte sich an wie Seide auf der Haut", erinnert sie sich. Ein Gast, wie die Bewohner genannt werden, hatte nur noch wenig Zeit. Einmal noch die Veste sehen und dabei eine Zigarette rauchen. Das wünschte er sich so sehr. "Also haben meine Kollegin und ich ihn nachts um zwei in den Rollstuhl gesetzt und ihn vor die Tür geschoben", sagt sie. Mit dem Drehen der Zigarette hatten die beiden zwar ihre Probleme - "sie sah eigentlich am Ende nicht aus wie eine Zigarette", lacht sie - aber er war sehr dankbar und glücklich. Auch nachdenklich. Denn er wollte so gern wissen, ob es denn "danach" noch weiter geht. "Können Sie mir das versprechen. Ich hoffe es so sehr", sagte der sterbenskranke Mann zu den Frauen. Das konnten sie nicht, aber das Gefühl, dass da so viel Hoffnung war, sei wunderschön gewesen, meint Fellah Meyer. Am darauffolgenden Tag verstarb der Mann.

Magie

Fellah Meyer ist eine geerdete Frau, wie sie selbst sagt. Das gibt der 55-Jährigen die Kraft, die sie braucht, um Menschen auf ihre ganz persönliche Art und Weise bis zuletzt zu begleiten. Sie selbst empfindet diese intensive Zeit als etwas ganz Besonderes. Ein Sterben in Würde gelingt im Hospizhaus Coburg immer - doch manchmal ist noch mehr dabei.

So erzählt sie uns von einem Mann, der das Leben und die Frauen liebte. Einer mit viel Charme, der die Schwestern immer zum Schmunzeln gebracht hat und der sehr respektvoll mit seinen Mitmenschen umgegangen sei. Genauso sei er auch gestorben. Er hielt die Hand von Schwester Fellah ganz fest, während im CD-Player klassische Musik lief. "Er war ganz ruhig und im Raum war so viel Schönheit und Liebe, die man nicht sah, aber spüren konnte", erinnert sie sich.

Als sein Bruder zur Tür hereinkam, hob er noch einmal seinen Kopf, so dass ihn Schwester Fellah ganz geborgen halten konnte. "Das war ein magischer Moment und er konnte gehen. Wir waren beseelt von der Atmosphäre", sagt Fellah Meyer. Selbst im Nebenzimmer hatten die Bewohner Gänsehaut von der Musik, die in dieser letzten Stunde durch die Räume zog. Am nächsten Tag kam das Lob von den Angehörigen: "Ihr seid echt ein starkes Team!" Darüber freuen sich die Mitarbeiter immer noch.

Mut

Über ihr Team freut sich auch die Hospizleiterin Simone Lahl. "Dass es so gut wird, hätte ich nicht erwartet", sagt sie. Gemeint ist die Gemeinschaft, aber auch die vielen Erlebnisse mit den Menschen. Unvergessen ist ihr der Abschied einer Familie von ihrem Vater. Der Verstorbene saß im Sessel, Kinder und Enkelkinder drumrum. "Die haben den ganzen Tag Geschichten erzählt, gegessen, gelacht und Bier getrunken." Ein wunderbares Abschiednehmen. Und der Tod mittendrin.

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