Lichtenfels

Vom Exportschlager Ehrenamt

Alfons Hrubesch begleitet 155 Schulweghelfer, Medienscouts und Helfer von OHO nach Slowenien. Nicht ohne auch ein bisschen Werbung für die nachahmenswerte Sache zu machen.
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Schlupften kurz und gerne in die Rollen von Verkehrskadetten aus dem Landkreis Lichtenfels: Polizeiinspektor Cvetko Kokalj und Übersetzerin Darja Bertok.  Foto: Marekuzs Häggberg
Schlupften kurz und gerne in die Rollen von Verkehrskadetten aus dem Landkreis Lichtenfels: Polizeiinspektor Cvetko Kokalj und Übersetzerin Darja Bertok. Foto: Marekuzs Häggberg

Drei Busse fahren in den Morgenstunden des 4. Juli durch den Landkreis. Sie klappern Sammelstellen ab, so lange, bis 155 Menschen verstaut sind, Platz genommen haben. Die Passagiere: Schulweghelfer, Medienscouts und Helfer von OHO (Opferhilfe Oberfranken). Das Ziel der Reise ist nur einem wirklich bekannt: Alfons Hrubesch. Klar, man kennt Portoroz, weiß, dass es in Slowenien liegt und war vielleicht schon mal dort. Aber eben nicht in diesem Hotel und nicht zu diesen Konditionen. Ein mehrtägiger Tauchgang zu Ehrenamt, Gesellschaftskitt und einem Häuptling.

33 000 - eine Zahl, mit der sich spielen lässt. So viele Stunden sind 2018 von Schulweghelfern, Medienscouts und Helfern der Opferhilfe Oberfranken zumeist im Landkreis Lichtenfels geleistet worden. Legte man den Mindestlohn zugrunde, hätte alles einen Wert von 303 270 Euro. Dafür spränge in Oberfranken ein Einfamilienhaus mit Doppelgarage heraus. Aber die Stunden wurden ehrenamtlich geleistet, verpflichten Kreis, Stadt, Kommunen und Gemeinden zu nichts. Ihren Wert aber haben sie doch und Hrubesch wird nicht müde, das zu betonen. Der 74-jährige Vorsitzende der Kreisverkehrswacht muss nicht lange im Gedächtnis kramen, gewisse Daten hat er immer präsent.

40 Jahre kein tödlicher Unfall

Seit 1981 kein verunfalltes, verletztes oder getötetes Kind im Landkreis an den neuralgischen Stellen, an denen Schulweghelfer postiert stehen. Ein Wert, der jede Zahl übersteigt. Das von Hrubesch in dieser Art ins Leben gerufene und gepflegte Netz besteht aus über 800 Helfern, zumeist Großmüttern, Großvätern, Eltern. Sie werden geschult, stehen verlässlich parat, erstellen ihre Dienstpläne. Alles schön und gut und die meisten würden es sowieso tun. Aber so billig kommt die Gesellschaft Hrubesch nicht davon, denn er erinnert sie an den Wert des Ehrenamts. "Die Gesellschaft muss verstehen, dass das Ehrenamt auch belohnt werden muss", erklärt der Mann, der beim Reden stets gestikuliert und oft den Schalk im Nacken sitzen hat.

Während die allermeisten der 155 am Strand liegen, entspannen, shoppen und die Sonne genießen, kommt es im 12. Stock in einem Saal eines Fünf-Sterne-Hotels zur Konferenz. Anwesend dabei auch Udo Skrzypczak, Polizei-Vizepräsident Oberfrankens. Man spricht über die Verhältnisse vor Ort und bald stellt sich heraus, dass die Sache mit dem Ehrenamt Exportgut werden könnte. Auch wird ein Film vorgeführt, den Hrubesch mal als Produzent mittrug, der das Thema Cybermobbing behandelt und im Landkreis ein Begriff ist. Sollte es ihn nicht auch in slowenischer Sprachfassung geben? Keine Abwegigkeit, gibt es ihn doch tatsächlich schon in polnischer, rumänischer oder ungarischer Übersetzung. Bald nachdem Kokalj, Übersetzerin Darja Bertok und Psychologin Kaja Hebar den Film zu schauen beginnen, steht ihnen Interessen und Empathie ins Gesicht geschrieben. Die Bilder sprechen für sich. "Gut gemacht", sagt die Psychologin, Kokalj nickt, ohne den Blick abzuwenden, und Bertok übersetzt. Es werden Diskussionen folgen, es werden die Schüler Jonas Christeiner (18) und Franziska Giuntoli (17) ins Gespräch einbezogen, selbst Verkehrskadetten bzw. schon Ausbilder. Sie werden den Hinweis geben, dass Schüler nur dann als Vorbilder für Mitschüler taugen, wenn sie im Klassenverband selbst "well respected" sind.

Medienscouts leisten Beistand

Und es wird über Cybermobbing und das dagegen gerichtete Engagement der Medienscouts gesprochen. Über zwei Stunden wird man miteinander verbringen, Kooperationen andenken und abwägen. Am Ende wird eine Einladung ausgesprochen, für die sich Skrzypczak stark machen will. Eine slowenische Delegation möge einem der kommenden Deutschen Präventionstage beiwohnen. Am Ende wird Darja Bertok aber an die Jugendlichen gerichtet auch sagen: "Eure Eltern müssen stolz auf euch sein - ich wäre es." Und Kokalj sagt: "Wir wollen mehr auf diesen Gebieten machen - es war eine gute Erfahrung."

Beim Frühstückbuffet geht Hrubesch von Tisch zu Tisch und erkundigt sich bei den 155, ob es schmeckt, ob man Spaß hat, ob man gut geschlafen hat. Solche Dinge eben. Dann setzt er sich auch. Eine Frage reizt: Ist er ein Patriarch? "Kein Patriarch, eher ein Bestimmer", antwortet er bei Gelegenheit. Das Reiseziel hat er nicht bestimmt, das war die Gruppe. Dann aber fuhr er vor Monaten all die Kilometer voraus, erkundete Hotels und legte Schlitzohrigkeit an den Tag. "Ich betrete Hotels immer zur Essenszeit, so sehe ich gleich, ob das Personal freundlich und ob das Essen taugt. Ich mach' da nix mit Internet." Und er behauptet gegenüber Hoteliers "schon mit anderen Hotels in Verhandlungen zu stehen". Psychologisches Druckmittel für Rabatte. Einen Großteil der Kosten tragen die 155 selbst, für den Rest sucht Hrubesch Sponsoren und findet sie bei Firmen, Kommunen oder über Bußgeldzuweisungen bei Gericht.

Um das Ehrenamt in Deutschland macht er sich Sorgen, um das Ehrenamt im Landkreis (noch) nicht. Hier seien noch Strukturen vorhanden, hier hätten Menschen noch größeren Bürgersinn. Früher aber sei es leichter gewesen, Firmensponsoren zu finden. Früher, sagt Hrubesch lachend, hätten "die Frauen vor Reisen aber auch gescheut und gesagt, sie können ihre Männer und Kinder nicht alleine lassen", heute fragen sie, ob sie nicht noch zwei Tage länger wegbleiben können.

Nur was wird künftig mit den Belohnungen? Hrubesch wird nicht jünger und befürchtet er nicht, mit seinem Ausscheiden könnte diese Idee einschlafen? Doch, einen Nachfolger, so sagt er, habe er schon im Blick. Und nein, ans Ende dieser Idee glaubt er darum nicht. Konkreter will er jetzt nicht werden.

Am 7. Juli war Rückfahrt. Man kehrte noch einmal gemeinsam ein, hat gemeinsam genossen. 155 Menschen haben sich kennengelernt, Bekanntschaften, vielleicht Freundschaften geschlossen, Rahmenprogramm genossen, Korpsgeist gestärkt. Hrubesch ist jetzt Energiebündel, dankt den Mitfahrenden, lobt, albert, neckt. Man wird ihm ein Ständchen bringen. "Alfons, unser Häuptling", bekommt er zu hören und er versichert im Gegenzug, noch bis 2020 zu machen und vielleicht noch zwei, drei Monate länger. Aber es gab ebenso Momente auf der Reise, da ruhte er kurz aus, schloss in einem Sessel sitzend kurz die Augen. Dann war der Häuptling auch mal 74.

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