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Kronach

Virtuelles Familien-Treffen

Die Senioren in den Pflegeheimen können wegen dem Corona-Virus seit drei Wochen ihre Angehörigen nicht sehen - eigentlich. Denn die Bewohner in den BRK-Einrichtungen in Kronach und Ludwigsstadt haben Video-Chats für sich entdeckt.
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Die Bewohner im BRK-Seniorenheim Ludwigsstadt dürfen derzeit zwar nicht besucht werden - die moderne Technik macht es jedoch möglich, dass wir trotzdem mit ihnen sprechen und sie dabei auch live sehen konnten.  Foto: Cindy Dötschel
Die Bewohner im BRK-Seniorenheim Ludwigsstadt dürfen derzeit zwar nicht besucht werden - die moderne Technik macht es jedoch möglich, dass wir trotzdem mit ihnen sprechen und sie dabei auch live sehen konnten. Foto: Cindy Dötschel
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"Du bewegst dich ja!" Sigrid Schödels erste Reaktion schwankt zwischen Freude und Erstaunen, als sie ihre Tochter auf dem Bildschirm des Tablets erblickt. "Ich bin noch aus der Generation, die zum Internet keinen Bezug mehr hat", erklärt die 75-Jährige. "Aber so bekomme ich viel mehr mit als wenn wir nur telefonieren", freut sich die Seniorin.

Seit drei Wochen herrscht in allen bayerischen Seniorenheimen Besuchsverbot. Niemand, der nicht dort arbeitet, kommt mehr hinein. Das sind für die Bewohner drei Wochen ohne tröstliche Umarmungen von den Kindern, drei Wochen ohne Küsschen auf der Wange von den Enkeln. Diese Berührungen kann nichts ersetzen. Doch die Mitarbeiter der BRK-Seniorenheime in Kronach und Ludwigsstadt haben eine Möglichkeit gefunden, wie die Bewohner ihre Lieben zuhause trotzdem sehen können - und zwar live und in Farbe: Sie bieten Video-Chats über das Internet an.

Mitarbeiter hatte die Idee

Wolfgang Stumpf arbeitet in der IT-Abteilung des BRK und hatte die einfache wie geniale Idee. "Ich wusste, dass wir Tablets haben, die wir unseren Pflegeheimen zur Verfügung stellen können." Derzeit verfügt jedes der beiden Häuser über ein Gerät. Wenn Angehörige mit einem der Bewohner chatten wollen, können sie im Heim anrufen und einen Termin vereinbaren. Die Mitarbeiter helfen den Senioren dann, den Videoanruf entgegenzunehmen.

So wie Sigrid Schödel, hatten die meisten Bewohner vorher nicht viel mit dem Internet am Hut. Umso größer war die Begeisterung, als sie entdeckt haben, was die moderne Technik kann. "Das ist wirklich eine ganz tolle Sache. Wir haben gemerkt, dass ihr das richtig gut getan und sie sich riesig gefreut hat, uns mal wieder zu sehen", berichtet Schödels Tochter Andrea Schulz, "vor allem ihren Enkel, der derzeit zuhause fürs Abi lernt." Und offenbar hat die neue Erfahrung Eindruck hinterlassen. "Meine Mutter hat inzwischen ein wenig Probleme mit der Vergesslichkeit. Aber als wir das zweite Mal gechattet haben, konnte sie sich noch genau an das erste Mal erinnern."

Fredi Thomas ist ebenfalls begeistert von der neuen Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Bisher hat ihn mehrmals pro Woche ein alter Arbeitskollege besucht. "Ich habe ihm gesagt, dass er sich doch bitte das Programm herunterladen soll, damit wir auch chatten können."

Drei Wochen nicht gesehen

Ausprobiert hat es auch Hademunde Schröppel. "Wir vertreiben uns hier zwar die Zeit, spielen oft Mensch-ärgere-dich-nicht." Doch das ersetzt natürlich nicht die regelmäßigen Besuche ihrer Tochter und Enkelkinder. Denn obwohl sie nur wenige Häuser entfernt leben, können sie sich derzeit nicht treffen. "Sonst hole ich sie häufig nach Hause oder wir fahren zusammen einkaufen. Jetzt habe ich meine Mutter seit drei Wochen nicht gesehen. "

Umso schöner war die Überraschung, als die Mensch-ärgere-dich-nicht-Partie im Seniorenheim Ludwigsstadt spontan unterbrochen wurde und Hademunde Schröppel das Tablet in die Hand gedrückt bekam. Da sah die 83-Jährige nicht nur ihre Tochter im Garten stehen, sondern auch ihre drei Enkelkinder auf dem Trampolin springen. "Meine Tochter ist derzeit in Kurzarbeit und meine Enkel müssen daheim lernen. Wir haben uns gegenseitig erzählt, wie es uns so geht. Das hat mir gut gefallen."

Für Angehörige und Bewohner ist die Situation nicht einfach. "Enkelkinder, Geschwister - es kommt niemand mehr", berichtet Gerhard Klug. Der ehemalige Messner der Kirchengemeinde Ludwigsstadt hat vor kurzem das erste Mal mit Pfarrerin Jessica Rebekka Pöhlmann gechattet. "Ich finde das ganz gelungen. Toll, was die Technik alles möglich macht. Ich werde es auf jeden Fall weiter nutzen." Auch für den 88-Jährigen war es der erste Video-Chat. "Das war ganz süß, weil Herr Klug erst mal schauen musste, wie er das Tablet halten muss und dabei mit dem Finger manchmal die Kameralinse verdeckt hat", erzählt die Pfarrerin, die vor allem den Einsatz der BRK-Mitarbeiter in dieser herausfordernden Zeit lobt. "Sie bieten dort viele Beschäftigungsmöglichkeiten an. Aber natürlich ist es etwas völlig anderes, mit den Angehörigen sprechen zu können und sie dabei zu sehen." Die Video-Chats seien auch eine tolle Möglichkeit für Senioren, die nicht mehr so gut telefonieren können. "Dadurch, dass sie ihre Angehörigen sehen, haben sie die Möglichkeit, mit ihnen auf eine ganz andere Art und Weise zu kommunizieren."

Geburtsgrüße per Video-Chat

Weil Pöhlmann die Geburtstagsglückwünsche den Pflegeheim-Bewohnern derzeit nicht persönlich überbringen kann, übermittelt sie diese nun auch virtuell: "Gleich habe ich einen Video-Chat mit einer Seniorin, die heute ihren 88. Geburtstag feiert."

Die Stimmung lassen sich die Senioren im Ludwigsstädter Pflegeheim jedenfalls nicht verderben. "Wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen", betont Leiter Peter Schulz. Inzwischen seien die Live-Videos bei seinen Bewohnern richtig populär. Und auch, wenn das Besuchsverbot - hoffentlich bald - wieder aufgehoben wird, soll die moderne Technik weiter zum Einsatz kommen. "Vorhin hat der Sohn eines Ehepaars aus Wien angerufen", berichtet Schulz. "Der kann seine Eltern natürlich nicht so oft besuchen und wird nun sicher öfter auf diese Art mit ihnen kommunizieren."

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