Reckendorf

Viele Schicksale unter einem Dach

Der Reckendorfer Flüchtlingshelfer Franz Kuhn berichtet im Gemeinderat von seiner Arbeit.
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Seit Herbst 2014 wird in Reckendorf der ehemalige Gasthof "Schwarzer Adler" als Flüchtlingsheim genutzt. Foto: Adelheid Wasckka/Archiv
Seit Herbst 2014 wird in Reckendorf der ehemalige Gasthof "Schwarzer Adler" als Flüchtlingsheim genutzt. Foto: Adelheid Wasckka/Archiv

Seit Herbst 2014 wird in Reckendorf der ehemalige Gasthof "Schwarze Adler" als Flüchtlingsheim genutzt, derzeit leben dort 49 Personen. Seit diesem Zeitpunkt kümmert sich auf Anregung von Erstem Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD) Flüchtlingshelfer Franz Kuhn um die täglichen Belange der Neubürger. Nach fast fünfjähriger intensiver Beschäftigung mit den Problemen der Asylsuchenden kommt Kuhn zu dem Ergebnis: "Rund 40 Prozent der Bamf-Bescheide sind falsch". Um seine Feststellung zu untermauern, berichtete der Flüchtlingshelfer in der letzten Gemeinderatssitzung von unglaublichen Einzelschicksalen.

Mohammed ist seit drei Jahren hier, er stammt aus Sierra Leone, Westafrika, und ist vielen in Reckendorf bekannt. "Er hat Deutsch gelernt, den deutschen Schulabschluss geschafft und in Ermangelung einer Arbeitserlaubnis eine schulische Ausbildung zum Altenpfleger gemacht, die er mit gutem Erfolg abgeschlossen hat". Mohammed bekam keine Arbeitserlaubnis, obwohl ihn sein Arbeitgeber, die Diakonie in Bamberg, dringend gebraucht hätte, man hatte ihm dort eine dreijährige Ausbildung angeboten. Fast ein Jahr lang versuchte er in Verhandlungen mit dem Ausländeramt, dem Sozialamt, dem Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) oder diversen Politikern, die nötige Erlaubnis zu bekommen.

Angst vor Abschiebung

Aus Angst vor Abschiebung, entschloss sich Mohammed, nach Afrika zurückzukehren, um von dort aus ein Arbeitsvisum zu erhalten. Von der deutschen Botschaft in Sierra Leone ging es weiter nach Ghana in die dortige Botschaft, wo er erst nach zwei Wochen sein Anliegen vortragen konnte. Es dauerte weitere 14 Tage, dann kam er mit Arbeitsvisum nach Reckendorf zurück. Die Unkosten betrugen 5000 Euro, "es wäre auch einfacher gegangen", so Franz Kuhn.

Abdissa aus Äthiopien absolvierte die gleiche Ausbildung zum Altenpfleger, doch kann er nicht zurück, da ihn aufgrund seiner Verweigerung zum Militärdienst - es herrschte damals Bürgerkrieg - zwanzig Jahre Gefängnis erwarten würden. Die deutschen Behörden wollen ihn nach Italien abschieben.

"Gassama aus Mali (Westafrika) kann gut Deutsch", so führt der Flüchtlingshelfer seinen Bericht fort, "hat eine Arbeitserlaubnis gehabt und bei der Firma Fuchs eine Arbeit gefunden". Da sein Dienst um 4 Uhr früh begann, gab es von hier aus keine Fahrmöglichkeit. Die Firma bot ihm eine Betriebswohnung an, "unser Staat beharrte jedoch darauf, dass er das Zimmer in Reckendorf behält" (Kosten: 350 Euro). So bezahlte er das Zimmer im Flüchtlingsheim und die Betriebswohnung. "Wir - von der Flüchtlingshilfe - konnten das nicht verstehen und klagten in Bayreuth dagegen", - und "er bekam Recht, falls er einen unbefristeten Arbeitsvertrag vorlegen würde". Allerdings wurde seine Arbeitserlaubnis nicht verlängert. Zuvor hatte er 14 Monate gearbeitet, dabei Steuern gezahlt und in die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherungskasse eingezahlt. "Jetzt sitzt er wieder im Flüchtlingsheim und bekommt 340 Euro Sozialhilfe, das kann verstehen, wer will, ich nicht", so kommentierte Kuhn dieses Schicksal.

Abu Bakar beging zwei Suizidversuche und war vier Monate in der Bamberger Nervenklinik. Direkt nach dem dortigen Aufenthalt sollte er abgeschoben werden, mit ärztlicher Begleitung. Dabei "ist es ihm gelungen, sich in ein Nachbarland abzusetzen, wo er Asyl bekommen hat", so Kuhn.

"Ich könnte noch lange so weitermachen. Viele Leute mit negativen Bescheiden wollen arbeiten und lernen, viele mit Bleibeberechtigung wollen sich nicht integrieren", war sein Resümee, und es gebe Familien, "die seit vier Jahren in Deutschland leben und nicht Deutsch sprechen und nicht arbeiten!"

Die Flüchtlingshilfe Reckendorf kümmert sich auch um die Familien in Gerach, wenn Notfälle eintreffen: "Eine Wohnung ist sehr verschimmelt, dort wohnen kleine Kinder", was dem Gesundheits- und Jugendamt gemeldet worden sei, "es passiert aber nichts!"

Wohnungsbedarf

Die Kleiderkammer in Reckendorf sei einmal im Monat geöffnet, wobei allerdings nicht nur Flüchtlinge kommen. "Immer mehr arme, ältere Leute besuchen die Kleiderkammer, auch wenn sie manchmal nur ein Spielzeug für die Enkelkinder zum Geburtstag brauchen". Das Sortiment umfasst derzeit Kleider und Schuhe in allen Größen sowie Spielsachen, Kleinmöbel und Fahrräder. Für diejenigen, die sich schämen, gebe es individuelle Termine. Die Notleidenden kommen aus Baunach, Gerach und Reckendorf. Dringender Bedarf herrsche an Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien.

Die Integration der Betroffenen werde durch zweimaligen, wöchentlichen Deutschunterricht im Flüchtlingsheim und in Gerach unterstützt, die Flüchtlingskinder spielen in Baunach Fußball und Basketball, wobei deren Fahrdienst auch von der Flüchtlingshilfe übernommen werde. Am Ende seiner Ausführungen bedankte sich Franz Kuhn "bei allen Helfern unserer Gruppe, bei der Gemeinde und allen, die uns sonst unterstützten - ohne euch wäre das alles nicht möglich!" Diesem Dank schloss sich Bürgermeister Deinlein im Namen des Gemeinderats an, "Sie leisten eine hervorragende Arbeit und Hilfe!"

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