Coburg

Verzweifelt heiter am Rand des Abgrunds

Wie der Kabarettist Urban Priol bei seinem Coburg-Auftritt im Kongresshaus für eine streitbare Demokratie wirbt.
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Lachen, obwohl ihm eigentlich zum Weinen zumute ist: Urban Priol gastierte im ausverkauften Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
Lachen, obwohl ihm eigentlich zum Weinen zumute ist: Urban Priol gastierte im ausverkauften Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
Jochen Berger

Urban Priol sieht ein wenig müde aus. Kein Wunder: 35 Berufsjahre auf der Kabarettbühne haben ihre Spuren hinterlassen. 35 Jahre Kampf gegen die grassierende Dummheit in der Politik. Und zuletzt: zwölf Jahre Merkel. Die Kanzlerschaft der Pastorentochter aus der Uckermark - sie setzt dem streitbaren Kabarettisten auch bei seinem ausverkauften Coburg-Gastspiel im Kongresshaus immer wieder zu.
Urban Priols ausdauernder verbaler Kampf gegen "Muttis" Regentschaft hat Spuren hinterlassen. Grau ist Priol geworden, grau das zornig abstehende Haar, grau der Bart, grau grundiert an diesem Abend auch das obligatorische Priol-Hemd mit seinen abstrakten Mustern. Müde sieht Priol aus - doch aufgeben will er trotzdem nicht. Vielmehr hat er sich geschworen: "Ich höre nicht vor ihr auf."


Mangel an öffentlicher Diskussion

Wer die Coburg-Gastspiele Urban Priols im Laufe der Jahre einigermaßen regelmäßig verfolgt hat, der hat den Kabarettisten als streitbaren Moralisten erlebt, der es sich eben nicht bequem machen will auf der Insel des Zynismus, wie manche seiner Kabarett-Kollegen.
Priol leidet unter der Korrumpierbarkeit der Politik und ihrer Hauptdarsteller. Er leidet unter unfähigen Minister-Darstellern und er leidet vor allem unter dem Mangel an ernsthafter öffentlicher Diskussion über die Politik.
Gleich am Anfang gibt Priol den Verzweifelten. "Ich such', ich such', ich finde ihn einfach nicht." Ja, wen denn? "Den Wahlkampf", klagt Priol. Denn Wahlkampf will er das, was Kanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Martin Schulz in den letzten Monaten geboten haben, denn doch nicht nennen.


Altersmüde geworden?

Dass Merkel noch im Frühjahr den härtesten Wahlkampf ihrer Amtszeit angekündigt hat, ringt Urban Priol am Vorabend der Bundestagswahl kaum noch eine Pointe ab.
Wer Priol in den letzten Jahren als streitlustigen Kabarettisten erlebt hat, der auch tagesaktuelle Ereignisse gerne eingebaut hat in seine Auftritte, muss an diesem Coburger Abend fast ein wenig enttäuscht sein. Ist Priol gar ein wenig altersmilde geworden? Oder hat er vielleicht doch schon ein wenig resigniert? Unüberhörbar jedenfalls ist ein nostalgischer Unterton, wenn er sich an damals erinnert.


Von Reagan bis Trump

Damals - als ein Mann wie der Sozialdemokrat Herbert We hner in jeder Bundestagsdebatte für markige Ansagen oder Zwischenrufe gut war. Damals, als "der Dicke", als Helmut Kohl zum gewichtigen Mann auf der politischen Bühne wurde - und Priol seine Kabarettisten-Laufbahn begann. Damals, als man in munterer Einigkeit sich lustig machen durfte über einen US-Präsidenten, der Ronald Reagan hieß, und noch niemand ahnte, dass dermal einst ein Donald Trump in jenes Amt gelangen würde.
Urban Priol und sein Coburger Publikum - das ist an diesem Abend die große Koalition jener, die nicht zufrieden sind mit den politischen Verhältnissen in diesem Land.


Reichlich Applaus

Für Priols Attacken auf die Dobrindts und Seehofers, die Stoibers und Oettingers dieser Welt gibt es reichlich Applaus. Beflügelt von der Zustimmung seiner Fans in Coburg wettert Priol ausdauernd über jene Bürger, die das Aufregen längst verlernt haben trotz aller Ungerechtigkeiten in diesem Land. "Eine lebendige Demokratie braucht Streit", fordert Priol und wünscht einen spannenden Wahlabend.

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