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Maroldsweisach

Urgemütlich - und alles inklusiv

Der Biergarten auf dem Zeilberg bei Voccawind ist durch den Umbau attraktiver geworden. Besuchern bietet er Gastlichkeit in wohltuender Atmosphäre, psychisch Erkrankte finden hier Beschäftigung. Träger ist die Diakonie.
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Der Biergarten auf dem Zeilberg ist kein Geheimtipp mehr. In der wohltuenden Abgeschiedenheit kehrt man gerne ein. Fotos: Eckehard Kiesewetter
Der Biergarten auf dem Zeilberg ist kein Geheimtipp mehr. In der wohltuenden Abgeschiedenheit kehrt man gerne ein. Fotos: Eckehard Kiesewetter
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Eckehard Kiesewetter Maroldsweisach — Ingrid interessiert das nicht. Sie kann mit Bier nichts anfangen. Da mögen ihr Mann Jens und die anderen vom Stammtisch, noch so von dem leckeren urigen dunklen Bier schwärmen, das in Hofheim eigens für den Biergarten hier oben gebraut wird. Über zwölf Prozent Stammwürze und echt süffig. Die Gruppe aus dem Sauerland (alle reden sich mit Vornamen an und finden, ihre Nachnamen hätten auch in der Zeitung nichts zu suchen) ist eher durch Zufall auf den abgelegenen Biergarten auf der Höhe des Zeilbergs gestoßen.

In Lichtenstein, wo die Ruine Ziel der Etappe war, hatten die Radler keine Gelegenheit zur Einkehr gefunden. Also haben sich die Fünf - Ingrid, Jens, Adele, Markus ("alle Ü-40") sowie die 14-jährige Svenja - nochmals in den Sattel geschwungen. Einem Tipp im Internet folgend, haben sie also einige zusätzliche Kilometer durch den Weisachgrund und einen "fast alpinen" Aufstieg in Kauf genommen. "Ewig steil", sagt Ingrid. Aber sie ist durchtrainiert. Außerdem hat eine Entdeckung für die Mühen versöhnt. Wie ihre vier Begleiter findet sie den Biergarten "total schön, idyllisch - und spannend".

Kramen in alten Schätzen

Während die anderen Radler müde die Beine von sich strecken und die milde Abendluft im Schatten der Bäume genießen, stöbern Ingrid und Freundin Adele nach Herzenslust im Flohmarkt, den sie freudig entdeckt haben. Aus einem Nebengebäude heraus scheint er mit seinem alten Mobiliar in den Biergarten hineingewachsen zu sein. "Krimskrams, aber auch tolle Sachen", finden die Frauen. Sie wollen noch mal herkommen und auf Schatzsuche gehen. "Dann aber mit Auto."

Als Ehemann Jens aufsteht, um für sich und Markus noch ein Bier vom Ausschank zu holen, klingt es seltsam aufgesetzt, weil er von einem "Seiderla mit Hopfentee" spricht. In der nordrheinwestfälischen Heimat der Gruppe sind Bier-Giganten wie Veltins, Warsteiner und Krombacher und 0,2-Liter-Gläser zuhause. "Das fränkische Bier ist aber besser", versichern die Urlaubsgäste, erst recht hier oben an der frischen Luft und mit "aner gescheiten Brodddzeid". Die Männer lachen. Sie üben nebenher Fränkisch, auch das "verweichlichte T".

Den Biergarten gibt es schon seit 15 Jahren, erfahren die Radler von einem älteren Ehepaar am Nachbartisch, aber seit seiner Neueröffnung in diesem Jahr sei er noch viel schöner geworden. Vor Kurzem wurde er offiziell wiedereröffnet. Die Küche hat man für professionelle Ansprüche erweitert und besonders behaglich sei es jetzt im neuen Gastraum mit seinen raumhohen Fenstern mit Ausblick Richtung Seewiese. "Liebevoll eingerichtet, mit schönem Holz und echt gemütlich", schwärmen die Stammgäste: "Wie in einem Wohnzimmer und dabei hat auch bei Regen das Gefühl, man wäre mitten im Grünen". 30, 40 Leute passen da locker rein, glauben die beiden.

Projekt mit Perspektiven

Rund 200 000 Euro steckte das Diakonische Werk Bamberg-Forchheim als Träger in den Umbau des Biergartens und in die Aufwertung des angrenzenden Spielplatzes mit Waldhaus Höhle, Kletterangeboten und einem kleinen Hochseilgarten. Etwa 40 Prozent stammen aus Leader-Mitteln, also aus einem Fördertopf der Europäischen Union - weil der Biergarten dem Tourismus in der Region gut tut und weil der Biergarten ein unbedingt unterstützenswertes soziales Konzept verfolgt.

Hier arbeiten psychisch Erkrankte und Gesunde Hand in Hand. Das gastronomische Angebot ist Teil des Zeilberger Integrationsprojektes namens ZIP, das psychisch erkrankten Menschen stundenweise Beschäftigung unter fachkundiger Anleitung und mit therapeutischer Begleitung bietet. Die Erkrankten üben ein Stück Normalität im Arbeitsleben und verdienen sich ein wenig Geld dazu.

Gelebtes Miteinander

Zum Konzept gehören auch ein Cateringservice, Raumvermietung, das Angebot von Gartenarbeiten und Entrümpelungsdiensten, einfachere Montagearbeiten und eine kleine Schreinerei. Es geht um Personen, die auf dem so genannten "ersten Arbeitsmarkt" keine Chance hätten.

Sie finden hier im beschützten Rahmen und unterstützt von einem beherzten Team der Diakonie eine Aufgabe, die Selbstvertrauen und Sicherheit zurückgibt. Im Einsatz können sie ihre Fähigkeiten und Kapazitäten, Ausdauer und Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit kennenlernen, beispielsweise auch Zuverlässigkeit und Zeiteinteilung einüben, aber auch den verantwortungsvollen Umgang mit eigenen Grenzen.

"Druck, nö, das gibt es bei uns nicht", lacht eine Mitarbeiterin beim Abräumen der Krüge von der Rückgabestelle, "jeder darf sich seine Pausen nehmen". Spaß hat das Team obendrein, das spürt der Gast, auch wenn man bei starkem Besucherandrang schon mal ins Schwitzen gerät.

Vor allem aber treffen hier in entspannter Umgebung psychisch kranke Mitarbeiter und die Biergarten-Gäste ungezwungen zusammen. Berührungsängste gibt es offenbar nicht, vielmehr ein selbstverständliches Miteinander.

"Ach, so müsste es immer sein", seufzt Adele, "nicht nur hier oben auf dem Zeilberg". Das findet man wohl auch beim Bezirk Unterfranken. Er hat das ZIP-Projekt mit seinem Integrationspreis bedacht.

Oben auf dem Vulkan

Ein Ausflug hier hoch, erzählt das einheimische Ehepaar - die Stammgäste haben sich inzwischen zu den Gästen an den Tisch gesetzt, um die Geräuschkulisse nicht laut übertönen zu müssen - lohnt sich sowieso, "weil es nebendran den Stein-Erlebnispfad gibt". Der sei auch für Familien toll. Dort kann man viel über Geologie und den Basaltabbau in der Region erfahren", weiß der Senior, "das war früher ein Vulkan". Und vom Gipfelkreuz biete sich ein herrlicher Panoramablick Richtung Bamberg, Haßberge, Rhön und ins Thüringer Land, ergänzt seine Frau. Die Rentner raten auch zu einem Abstecher zu einem nahe gelegenen See, der idyllisch eingebettet sei.

Heute passt's nicht mehr, denn die Umgebung ist inzwischen fast so dunkel wie das Zeilberger Bier. Aber die Gäste wollen wiederkommen. "Ganz bestimmt", verspricht Adele. "Verrrsprrrochen!" Jens sagt's und grinst. Wahrscheinlich rollt er jetzt das fränkische "R" den ganzen Berg hinunter.

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