Bayreuth
Bayreuther Festspiele

Unterschätzter Heilsbringer oder nur ein Humperdinck-Epigone?

Dass es heuer gleich zwei Wagner-Jubiläen gibt, war und ist nicht zu übersehen. Vor Festspielbeginn wurde mit einem Festakt der 100. Geburtstag von Wolfgang Wagner im Voraus gefeiert und die Sondersch...
Artikel drucken Artikel einbetten
Siegfried Wagner im Stile Andy Warhols Foto: ISWG
Siegfried Wagner im Stile Andy Warhols Foto: ISWG

Dass es heuer gleich zwei Wagner-Jubiläen gibt, war und ist nicht zu übersehen. Vor Festspielbeginn wurde mit einem Festakt der 100. Geburtstag von Wolfgang Wagner im Voraus gefeiert und die Sonderschau im Wagner-Museum eröffnet, am Rande des Hügels steht auch dessen Vater im Fokus.

Siegfried Helferich Richard Wagner, der am 6. Juni 1869 in Tribschen geborene einzige Sohn von Richard und Cosima Wagner, war wie sein Vater Dirigent, Festspielleiter und Dichterkomponist. Allerdings mit unterschiedlichem Erfolg.

Siegfried Wagner stand stets im Schatten des genialen Vaters. Zwar schaffte er es als Dirigent sogar bis nach Amerika. Zwar war er wesentlich länger Festspielleiter - nämlich für zehn Spielzeiten von 1908 bis zu seinem Tod 1930. Und er schuf mehr Opern als sein Vater - nämlich 14. Wobei er den einen als unterschätzter Heilsbringer gilt, den anderen als bloßer Epigone seines heute noch aufgeführten Lehrers Engelbert Humperdinck. Zumal er eine Persönlichkeit war, die auch heute noch nicht leicht zu fassen ist. So streckte er über 20 Jahre vor Albert Einstein, rund 40 vor Mick Jagger und 80 vor Miley Cyrus einem Fotografen die Zunge raus - ein Bild, das aufgepeppt à la Andy Warhol die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft (ISWG) auf Fahnen, Plakaten und Prospekten nutzt.

Schillernde Sexualität

Selbst Experten sind noch uneins, ob Siegfried Wagner, der seinen Unterleib auffallend durch Gürtel abschnürte, bi- oder homosexuell war. Für Ersteres könnten mit Walter Aign als unehelichem Sohn und den vier Kindern Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena aus seiner spät und nur aus dynastischen Gründen eingegangenen Ehe mit Winifred Williams sprechen.

Auf Letzteres darf man aber ebenso schließen. So erinnerte der Theaterwissenschaftler und Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach bei einer Podiumsdiskussion in Wahnfried daran, dass in Siegfried Wagners Memoiren die Schilderungen der halbjährigen Orient- und Asienreise 1892 mit seinem schwulen Freund Clement Harris mehr als die Hälfte ausmachen.

Bei dem von den Festspielen im Diskurs-Programm veranstalteten Gespräch würdigte der Musikwissenschaftler Markus Kiesel Siegfried vor allem als Intendanten, der in der Bewahrung des väterlichen Erbes alles richtig gemacht habe. Als Komponist von märchenhaften Opern hingegen sei ihm nicht gelungen, die inhaltliche Brisanz und Komplexität der eigenen Textbücher in eine zeitgenössisch-moderne, emotional wertige musikalische Sprache umzusetzen.

Angesichts der Tatsache, dass rund 95 Prozent aller Opern des 20. Jahrhunderts es nicht ins Repertoire geschafft haben, sei es aber müßig zu fragen, ob er als Komponist, der für den Markt - und nicht wie sein Vater für die Ewigkeit - geschrieben habe, verkannt oder gescheitert sei. Vielleicht, so Kiesel, könnten richtig gute Inszenierungen helfen. Ob die immer noch in Familienbesitz "fafnerisierte" Privatkorrespondenz von Siegfried und Winifred Wagner mehr Aufschluss geben könnte, sei dahingestellt. Einstweilen versuchen Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in einem Auftragswerk der Festspiele, Siegfried Wagners Persönlichkeit auf andere Weise näherzukommen.

Die Autoren, das Inszenierungsteam und zwei Schauspieler - darunter mit Felix Axel Preissler ein ehemaliges Ensemblemitglied des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg - stellten im Saal der Villa Wahnfried das Stück "Siegfried" vor, das am 13. August im Reichshof-Kino uraufgeführt wird.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren