Nachruf 

Trauer um Willemsen

Der Journalist, Schriftsteller und Fernsehmoderator ist nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 60 Jahren gestorben.
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Roger Willemsen im Jahr 2012  Foto: Jens Kalaene/dpa
Roger Willemsen im Jahr 2012 Foto: Jens Kalaene/dpa
Rudolf görtler

Er war eine der umtriebigsten Figuren in der deutschen Kulturszene, so umtriebig als Autor, als Talkshow-Moderator wie -gast, dass es manchem schon zu viel wurde. Dennoch wird man an Roger Willemsen wehmütig als einen denken, der das "Nullmedium" (Enzensberger) Fernsehen mit intellektueller Brillanz aufwertete und mit unerschrockener Kritik auch pro domo nicht sparte.


Vaters Tod als "Knacks"

Geboren 1955 in Bonn, wuchs Willemsen auf einem Schloss im Rheinland in einem kunstsinnigen Haushalt auf, eine märchenhafte Kindheit, wie er selbst sagte. "Der Knacks", so der Titel eines autobiografischen Buchs von 2008, war der Tod seines Vaters, der den 15-Jährigen schwer traf. Nach dem durch "Faulheit, Desinteresse und mangelnde Leidenschaft für das, was ich können sollte" verzögerten Abitur studierte er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn. Nach Anfängen als wissenschaftlicher Mitarbeiter in München und Journalist in London machte er sich rasch einen Namen als Essayist und Polemiker.
Wie so oft, sind die frühen Arbeiten vielleicht die besten. In der kleinen Berliner "edition tiamat" veröffentlichte Willemsen die Sammelbände "Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland" 1990 und "Bild dir meine Meinung" 1999. Dazwischen reüssierte Willemsen jedoch im Fernsehen: Beginn beim Bezahlfernsehsender "Premiere" mit etlichen Folgen der Talksendung "0137". Von Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Arafat waren viele Prominente dabei - darunter auch ein Bankräuber und Inhaftierte der RAF. Bayrischer Fernsehpreis 1992, Grimme-Preis 1993, von 1994 bis 1998 Moderation von "Willemsens Woche" mit dem Pianisten Michel Petrucciani. Wehmütig denkt man heute an jene Sendungen zurück, vergleicht man das meist platte, oft reine PR-Gerede heutiger Pendants damit. Unvergessen ist bis heute, wie er den ihm in keiner Weise gewachsenen "Focus"-Herausgeber Helmut Markwort hinwegfegte.
Freilich machte er sich damit keine Freunde. 2001 kündigte er selbst seinen Abschied vom Bildschirm an mit der Begründung, es sei zu aufreibend, Minderheiteninteressen auf ein Massenpublikum zu übertragen. Jedoch moderierte er im Schweizer Fernsehen einen "Literaturclub", so wie er im Radio eine viel gelobte Reihe "Roger Willemsen legt auf - Klassik trifft Jazz" betrieb. Zunehmend konzentrierte er sich auf sein publizistisches Schaffen - Willemsen veröffentlichte über 50 Bücher und unzählige Essays und Kolumnen. Aufsehen erregten etwa "Hier spricht Guantánamo" (2006) über die Folter-Enklave der USA in Kuba oder das viel gelobte und verkaufte Reisebuch "Die Enden der Welt" (2010). Aber auch für einen literarischen Spaß wie "Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May" war er sich nicht zu schade.
/>Dass Willemsen sich ubiquitär präsentierte, manchmal allzu eitel und gockelhaft glänzend, verzieh man ihm gern: Er hatte das charakterliche und intellektuelle Format dazu. Immer wieder mischte sich der überzeugte Junggeselle auch politisch ein, etwa in seinem Bundestags-Bericht "Das Hohe Haus" von 2014. Er engagierte sich in diversen Hilfsorganisationen, zum Beispiel als Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins. Im August vergangenen Jahres machte er seine Krebserkrankung publik und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Das Multitalent Roger Willemsen war ein Solitär zunehmend geistferner Zeiten nicht nur der TV-Unterhaltung. Weit und breit ist niemand zu sehen, der oder die ihn ersetzen könnte.
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