Bad Staffelstein

Tonscherben geben Aufschluss

Der Wissenschaftler Timo Seregély hat unter anderem die Umgebung des Hohlen Steins abgesucht.
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Seregély brachte Licht in die Ur- und vorgeschichtliche Zeit in Oberfranken. Foto: Andreas Welz
Seregély brachte Licht in die Ur- und vorgeschichtliche Zeit in Oberfranken. Foto: Andreas Welz
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"Imposante Naturerscheinungen wie Felstürme, Felsmassive oder Höhlen hatten in verschiedenen ur- und frühgeschichtlichen Epochen meist eine Funktion im sakralen und rituellen Bereich. Die genaue Bedeutung dieser Orte sowie der Ablauf der rituellen Handlungen lässt sich aber im Detail nicht entschlüsseln", fasste Timo Seregély bei einem CHW-Vortrag im Stadtmuseum zusammen.


Forschungsprojekt

Mit großem Interesse verfolgten die zahlreichen Zuhörer das Referat des wissenschaftlichen Mitarbeiters der Universität Bamberg über Felsen und Höhlen als rituelle Plätze in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Der aus Sachsen stammende Wissenschaftler hatte ein großes Forschungsprojekt zu prägnanten Felsformationen in der nördlichen Frankenalb wie dem Hohlen Stein bei Schwabthal und zu Höhlen wie der bekannten Jungfernhöhle bei Tiefenellern oder Kirschbaumhöhle bei Forchheim durchgeführt.
Das dort geborgene Fundgut hatte er neu gedeutet. Er kam dabei zu grundlegenden Erkenntnissen über Opferhandlungen und Religion längst vergangener Epochen. Der Hohle Stein, eine am Nordrand der Fränkischen Alb gelegene Felsformation und Halbhöhle zwischen Schwabthal bei Bad Staffelstein und Rothmannsthal wurde vom Referenten umfangreich erforscht. "Während für die nord-, zentral- und ostalpine Region Brandopferplätze charakteristisch sind, sind es im weiter nördlich gelegenen Mittelgebirgsraum eher markante Felsformationen und Höhlen", sagte er.
Charakteristisch für Felsturmopferplätze wie der Hohle Stein seien Konzentrationen stark zerscherbter, meist unverbrannter Keramik, welche sich unmittelbar am Fuß des Felsens befinden. Als Fundmaterial sei zusätzlich verbrannte oder unverbrannte Tierknochen gefunden worden.Recht häufig wurden solche Orte während der späten Bronze- und Eisenzeit genutzt. "In Schwabthal konnte durch Grabungen und Experimente nachgewiesen werden, dass die Gefäße, insbesondere während der Urnenfelderzeit vom Felsen geworfen und dadurch zerstört wurden", so der Referent. Diese Handlung lasse sich mit dem Entzug der profanen Bedeutung der Gegenstände, also einer Opferung oder "Übereignung" erklären.


Sondergrabung vorgestellt

Die Urnenfelderkultur sei die am weitesten verbreitete mitteleuropäische Kultur der späten Bronzezeit. Sie dauerte von etwa 1300 bis 800 vor Christus. Am Großen Rothenstein bei Stübig, ein zur Stadt Scheßlitz gehörendes Dorf, hatte eine kleinere Sondergrabung stattgefunden, deren Ergebnisse Seregély vorstellte. Der Fundort sei nur rund fünf Kilometer südlich des Motzensteins gelegen. Östlich des Großen Rothensteins, welcher sich als mächtiger Felsturm aus einem Jurasteilhang erhebt, befinde sich eine nahezu ebene Stelle von etwa acht mal acht Metern, in deren Zentrum ein größerer Dolomitstein liegt.
"Von diesem Platz stammen zahlreiche Lesefunde aus mehreren ur- und frühgeschichtlichen Perioden", machte er deutlich. Da auch schnurkeramische Funde darunter waren, wurde ein Suchschnitt von insgesamt neun Quadratmeter Fläche gelegt, um die Befundlage zu klären. Allerdings konnte nur eine 15 bis 30 Zentimeter starke, tiefschwarze Mullschicht dokumentiert werden, die eine große Anzahl an stark zerscherbter Keramik, verbrannten und unverbrannten Tierknochen enthielt. Eine ungestörte Schicht mit schnurkeramischen Material wurde nur unmittelbar am Dolomitstein festgestellt. Sie ließ sich mittels Radiokarbonmethode eines Rothirschknochens in die Zeit um 2600 vor Christus datieren.
Mit der Methode können Archäologen das Alter von Funden bestimmen. Sie beruht auf dem Zerfall eines bestimmten Kohlenstoffisotops, das in den oberen Schichten der Atmosphäre entsteht und später von allen Lebewesen auf der Erde aufgenommen wird. Der interessanteste Aspekt dürfte aber das Vorhandensein von Produktionsabfall und Halbfertigprodukten sein. Vielleicht weise dies auf eine Verbindung zwischen solchen Opferstellen und der Herstellung von Waffen hin. "Für eine Siedlung ist der nutzbare Raum definitiv viel zu klein", betonte Seregély.
Eine andere profane Erklärung, warum gerade an diesem schwer zugänglichen Ort Waffen hergestellt wurden, lasse sich kaum finden. Auch hier stecke mit großer Wahrscheinlichkeit ein sakraler Gedanke dahinter. "Der Große Rothenstein ist demnach einer der Orte, die als prähistorische Opferstätte bezeichnet werden kann", sagte er. Auch im Endneolithikum (2800 bis 2200 vor Christus) hätten solche Plätze eine große Bedeutung, was zahlreiche weitere Fundstellen bezeugen.
Schon bei ihrer Entdeckung stellte die Kirschbaumhöhle im Fränkischen Karst bei Forchheim die Archäologen vor ein Rätsel. Die darin liegenden Kelten stammen aus einer Zeit, in der die Toten üblicherweise gar nicht in Höhlen bestattet wurden. Nun konnte Seregély erste Untersuchungsergebnisse aus dem Labor bekanntgeben. Bevor überhaupt irgendetwas geborgen wurde, erfassten die Archäologen die Höhlenstruktur und die oberste Knochenlage zunächst mit Hilfe eines hochpräzisen terrestrischen 3D-Scanners. Auch einen Stereo-3D-Scanner nutzen sie für die Funddokumentation. Kleinste Veränderungen an den Knochen konnten so bis ins Detail im 3D-Bild und mit originaler Farbe erfasst werden: Selbst Schnitt- oder Brandspuren werden sichtbar. "In der Dolomitregion, in der die Kirschbaumhöhle liegt, gibt es recht viele Höhlen, die für entsprechende Körperrituale genutzt wurden", rechtfertigte Seregély die Sorgfalt. Zunächst galt es, mit Hilfe der Naturwissenschaften den alten Knochenresten und dem in der Höhle noch vorhandenen Sediment sämtliche Informationen zu entlocken: "Was genau geschah dort unten zu welchem Zeitpunkt? Und wo lebten die Menschen, bevor sie starben? Erst, wenn wir diese Erkenntnisse besitzen, kann man sich langsam an die zentrale Frage nach dem ,Warum‘ wagen", so der Wissenschaftler.
In der Diskussion freute sich der Lichtenfelser Stadtrat und Keltenkenner Bernhard Christoph, dass es mit der Forschung in der Kirschbaumhöhle weitergehe. Er stellte die Frage, warum nicht auf dem Staffelberg geforscht werde: "Denn vor den Kelten war auch was". Seregély lächelte und stellte fest: "Der Staffelberg ist ein perfekter Kandidat".
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