Bamberg

Tod eines Bewohners bleibt dubios

Am dritten Verhandlungstag des Gleusdorf-Prozesses vor dem Landgericht Bamberg lief beinahe alles im Sinne der Verteidigung.
Artikel drucken Artikel einbetten
Wohin führt der Prozess um den Pflegeskandal von Gleusdorf? Das Landgericht in Bamberg sucht nach den Antworten. Im zweiten Anlauf findet der Strafprozess gegen drei Angeklagte dort statt. Foto: Ronald Rinklef
Wohin führt der Prozess um den Pflegeskandal von Gleusdorf? Das Landgericht in Bamberg sucht nach den Antworten. Im zweiten Anlauf findet der Strafprozess gegen drei Angeklagte dort statt. Foto: Ronald Rinklef

Im Mittelpunkt des neu aufgerollten Gleusdorf-Prozesses am Landgericht Bamberg stand am dritten Verhandlungstag der Tod eines Bewohners in Untermerzbach vor beinahe neun Jahren. Einige Belastungszeugen machten dabei, gelinde gesagt, keine gute Figur. Der Rechtsmediziner fand keine klare Todesursache. Und der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt äußerte Zweifel an der Hauptbelastungszeugin. Damit dürfte zumindest der markanteste der fünf Fälle des Totschlags durch Unterlassen vom Tisch sein.

Was genau sich am Abend des 11. Oktober 2011 im Zimmer des schwerkranken Werner B. (Name geändert) abgespielt hat, bleibt auch nach einem Jahrzehnt dubios. Da Aussage gegen Aussage steht, wird es wohl nie Klarheit geben. Den Bewohner der Seniorenresidenz kann man nicht mehr fragen: Er verschied an besagtem Tag gegen 22.30 Uhr.

Auch sein derweil verstorbener Zimmergenosse wird das Geschehen nicht mehr schildern können. Bleiben nur noch eine entlassene Altenpflegehelferin und der angeklagte Pflegedienstleiter. Der hatte sich zuerst bei der Kriminalpolizei Schweinfurt geäußert und den Tatvorwurf vehement zurückgewiesen. Im Gerichtssaal machte er bislang von seinem Schweigerecht Gebrauch.

Dafür redete sich manche Zeugin der Anklage um Kopf und Kragen. Andere wiederum, die noch heute unter neuer Führung in der Seniorenresidenz arbeiten, äußerten: "Die Vorwürfe stimmen nicht. Da ist nichts Wahres dran." Dass Unterlagen verschwunden oder manipuliert worden wären, wie einige Zeugen behauptet hatten, konnten die Kripo-Beamten aus Unterfranken trotz intensiver Ermittlungen jedenfalls nicht feststellen.

Altenpflegehelferin belastet Chef

Anders klang die Geschichte der vor knapp vier Jahren entlassenen Altenpflegehelferin: Sie gab an, ihr Vorgesetzter hätte mit ihr Nachtdienst geleistet. Dem unruhigen und am ganzen Körper zitternden Werner B. gegenüber sei der Angeklagte während des Rundgangs dann laut geworden. Kurzerhand habe der Kollege einen Insulin-Pen aus dem Kühlschrank geholt, um Werner B. diesen "in den Bauch zu rammen" und Insulin zu injizieren. "Dann hat Werner B. noch einen Schnaufer gemacht und war tot." Dabei hätte ihr Chef sich nicht die Mühe gemacht, zuvor den Blutzuckerspiegel zu messen.

Werner B. sei ein schwieriger Bewohner gewesen, sagte eine Zeugin. Er litt am Korsakow-Syndrom, das langjährige Alkoholiker heimsucht und ihr Gehirn zerstört. Außerdem war er dement und schwerer Diabetiker.

Erhebliche Zweifel an den Aussagen der Altenpflegehelferin hatte nicht nur Rechtsanwalt Thomas Drehsen aus Bamberg, der den früheren Pflegedienstleiter vertritt. Deren Schilderungen, nur die ebenfalls angeklagte Heimleiterin habe einen Arzt anfordern dürfen, dürften ebenso als widerlegt gelten wie die Annahme, die Heimleitung habe eine Verlegung von Bewohnern ins Krankenhaus verhindert, um kein Geld zu verlieren.

Für Kopfschütteln bei Rechtsanwalt Maximilian Glabasnia aus Bamberg sorgte die Erzählung, die Altenpflegehelferin habe trotz all der "kriminellen und desaströsen Zustände", die in Schloss Gleusdorf geherrscht hätten, dennoch die eigene, dort untergebrachte Verwandtschaft nicht gewarnt. Auch Kollegen gegenüber hätte sie über den Vorfall nichts gesagt.

Dann rutschte eine Freundin der Altenpflegehelferin nur ganz knapp an einer uneidlichen Falschaussage vorbei. Sie hatte erst behauptet, ihre ehemalige Arbeitskollegin zuletzt vor mehreren Monaten getroffen zu haben. Auf Nachfragen der Beisitzerin Kerstin Harpf aber musste sie einräumen, vor Wochen mit ihr zusammengewesen zu sein.

Völlig widersprüchliche Angaben

Richter Schmidt störte sich an den völlig widersprüchlichen Angaben zum Ablauf der angeblichen Tat. Die Spanne von der Spritze bis zum Ende Werner B.s reichte von zehn Sekunden über zwei bis drei Minuten bis hin zu zehn Minuten. Professor Michael Bohnert attestierte der Version der Altenpflegehelferin keine große Wahrscheinlichkeit. Der Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Würzburg erklärte, bei einer Bauchspritze mit Insulin-Überdosis dauere es mehrere Minuten, bis es gefährlich wird.

Allerdings ließ der Gutachter auch kein gutes Haar am Totenschein: "Die dort genannte Todesursache Lungenembolie lässt sich so nicht nachvollziehen." Was da steht, sei doch sehr spekulativ. Anhand der Symptome, die Werner B. wenige Stunden zuvor gezeigt hatte, kalter Schweiß, Atemnot, Druck auf dem Brustkorb, die auf eine Angina Pectoris verwiesen, sei ein Herzinfarkt wahrscheinlicher.

Das Fazit des Rechtsanwaltes Alexander Seifert aus Nürnberg, der die frühere Heimleiterin verteidigt: "Mit all diesen haltlosen Vorwürfen hat man enorme Schäden verursacht."

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren