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Tiefgehender Krimi ohne Blut und Schrecken

Sigismund von Dobschütz Der neue Roman der Japanerin Kanae Minato, die seit 2014 mit ihrem Debüt "Geständnisse" auch international auffiel und seitdem vielfach als Thriller-Autorin bezeichnet wird, is...
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Sigismund von Dobschütz Der neue Roman der Japanerin Kanae Minato, die seit 2014 mit ihrem Debüt "Geständnisse" auch international auffiel und seitdem vielfach als Thriller-Autorin bezeichnet wird, ist kein typischer Thriller. Es steht kein Ausrufezeichen, nicht einmal ein Fragezeichen hinter "Schuldig", dem Titel ihres kürzlich bei Bertelsmann erschienenen Romans. Es ist eher ein äußerst subtiler Psycho-Krimi.

Auch in Minatos zweitem Roman geht es wieder um einen tragischen Unfall und die Frage der Schuld. Doch darf man tatsächlich von Schuld sprechen? Ist es nicht vielmehr Unkenntnis und Gedankenlosigkeit unseren Mitmenschen gegenüber, die uns am Unglück anderer mitschuldig werden lässt?

Fünf Studenten aus Tokio wollen in den Bergen abseits eines Bergdorfes einige Ferientage verbringen. Vier sind im Chalet eingetroffen, nur Gastgeber Murai verspätet sich. Als er in stürmischer Nacht vom Bahnhof abgeholt werden will, wird Fahranfänger Hirosawa gebeten, trotz leichten Bierkonsums Murai mit dem Auto abzuholen. Auf der Fahrt stürzt Hirosawa mit dem Auto von der kurvenreichen Bergstraße ins Tal und kommt im brennenden Fahrzeug ums Leben. Drei Jahre später erhalten die vier Freunde anonyme Briefe, in denen sie des Mordes an Hirosawa beschuldigt werden. Fukase übernimmt die Aufgabe, den Absender ausfindig zu machen, mehr über den Charakter und das Leben seines verstorbenen Studienfreundes herauszufinden und eine Antwort auf die Frage nach ihrer aller Schuld zu finden.

"Schuldig" ist ein psychologisch tiefgehender Krimi ohne Blut und Schrecken. Minato schildert das Geschehen asiatisch zurückhaltend, fast schüchtern, so wie auch ihr Protagonist seiner Umwelt gegenüber auftritt. Wir lernen den introvertierten Fukase in seinem Arbeitsalltag als Außendienstler eines Büroartikelhändlers und in seiner Freizeit kennen. Ein junger Mann ohne Freunde, schon seit der Grundschule ein Einzelgänger. In seinem Stammcafé lernt er Mihoko kennen, doch die zarte Romanze bricht abrupt ab, als ausgerechnet sie den ersten anonymen Brief erhält: "Kazuhisa Fukase ist ein Mörder!"

Kanae Minato bietet uns Lesern in den Begegnungen und Gesprächen Fukases mit seinen früheren Kommilitonen sowie mit Eltern und Weggefährten des Verstorbenen mehrere Lösungsmöglichkeiten. Wir lernen die Studienkollegen charakterlich besser kennen und erfahren, in welcher Beziehung jeder zu Hirosawa stand. Es waren Schüler, junge Heranwachsende, charakterlich noch nicht ausgereift, im richtigen Umgang mit anderen noch unerfahren. Aber haben sie sich durch mögliches Fehlverhalten mitschuldig gemacht? Wurden sie letztlich gar zu Mördern? War es denn damals kein tragischer Unfall? Die ultimative Antwort auf diese Frage ist am Ende so einfach wie absolut überraschend.

Manches an Minatos Charakterisierungen ihrer Protagonisten mag uns Nordeuropäern fremd erscheinen, vielleicht irritieren, wenn etwa erwachsene Männer im Gefühl möglicher Schuld beginnen zu weinen. Doch dies ist neben der eigentlichen Handlung das Empfehlenswerte an diesem lesenswerten Roman: Wir lernen einiges über Japan und die Mentalität seiner Bewohner, über fremde Moralvorstellungen und Zwänge der dortigen Gesellschaft. Sogar über japanische Esskultur erfahren wir Interessantes. So mancher Leser wird nach der Lektüre versucht sein, einmal indonesischen Kaffee mit einem Löffel Buchweizen-Honig zu kosten. Diese und weitere Rezensionen unseres Lesetipp-Autors Sigismund von Dobschütz finden Sie auch bei Facebook auf der Seite "Buchbesprechung" (http://www.facebook.com/buchbesprechung)

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