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Bamberg

Tanzdemo soll Druck machen

Für mehr Raum und eine stärkere Förderung der freien Kulturszene in Bamberg gingen Hunderte auf die Straße.
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Einem Prozent des Maxplatzes entsprach die Fläche, auf der die Demoteilnehmer zusammenrückten, um zu verdeutlichen, wie stark das ETA-Hoffmann-Theater im Vergleich zu den freien Bühnen gefördert wird. Foto: Julian Megerle
Einem Prozent des Maxplatzes entsprach die Fläche, auf der die Demoteilnehmer zusammenrückten, um zu verdeutlichen, wie stark das ETA-Hoffmann-Theater im Vergleich zu den freien Bühnen gefördert wird. Foto: Julian Megerle

Samstagnachmittag in der Bamberger Innenstadt. Menschen zwischen Wochenendeinkauf und gemütlichem Schlendern durch die Stadt. Wer gedacht hat, das werde ein ruhiger Gang durch die Stadt, wurde eines Besseren belehrt: Als der Lautsprecherwagen mit zwei Meter hohen Boxentürmen und goldener Diskokugel um die Ecke biegt, bringen die Technoklänge den Maxplatz mit Macht zum Beben.

Aber das ist kein Karneval. Dafür ist die Lage zu ernst: "Es wird Zeit, dass die Kultur in Bamberg so unterstützt wird, wie es einer Weltkulturerbestadt würdig ist", fordert Renate Schlipf vor den rund 400 Menschen, welche sich der Tanzdemo unter dem Motto "Kultur braucht Raum" angeschlossen haben.

Schlipf ist Teil des Orgateams des Kontakt-Festivals und bemängelt, dass sich seit der letzten großen Kulturdemo vor der Stadtratswahl 2014 der Aufruf zur Demo kaum verändert habe. Zu viele Forderungen blieben seither unerfüllt. "Dabei haben wir mit unserem Festival mehrfach bewiesen, dass wir Zwischennutzungen im Leerstand realisieren können", ergänzt ihr Teamkollege Michael Schmitt. Seit 2014 warte man noch immer auf ein solides Kulturentwicklungskonzept vonseiten der Stadt.

"Selektives Kulturverständnis"

Aber was wäre eine Kulturdemo ohne Kulturbeiträge? Der Startpunkt der ganzen Geschichte begann deshalb mit Trommelwirbel, Rasselklängen und schnellen Rhythmen vor der ehemaligen Spielstätte an der Alten Seilerei. Die Gruppe "Ramba Zamba" von "Kultur für Alle" der Lebenshilfe Bamberg heizte der Versammlung ordentlich ein. Hans-Günther Brünker von der Interessensgemeinschaft Freie Darstellende Künste warf der Stadtpolitik ein "selektives Kulturverständnis" vor: Während das ETA-Hoffmann-Theater das Hundertfache an Förderungen der freien Szene erhalte, würden die Profis auf den kleinen Bühnen das doppelte Publikum anziehen. Kultur brauche Geld, Räume und Wertschätzung fordert der Schauspieler.

Mit Minimal und Techno von DJ Klabautermann und dem Rauschkollektiv im Gepäck zog die Demo gemütlich durch die Siechenstraße und Königstraße, um vor dem ehemaligen Morph Club haltzumachen. Dort konnte der Zauberer Pascal Thieme den Laden, dessen Schließung 2014 von vielen bedauert worden war, beim besten Willen nicht wieder zum Leben erwecken. "Früher waren viele von euch hier tanzen: Wo geht ihr jetzt hin?" fragt Michael Schmitt, der selbst als DJ auflegt, die Menge: "Auf die Straße!" rufen die Leute zurück.

Neue Lebenszeichen kommen jedoch von der kulturellen Nutzung der Lagarde-Kaserne: "Jetzt, da die Tiefgarage nun doch vom Tisch ist, könnte die Zwischennutzung bereits 2021 stattfinden", schildert Matthias Schnapp vom Verein Kulturquartier Lagarde die neue Situation. Dennoch müsse die Parksituation dort geklärt werden. "Wir dürfen uns hier von der Politik nicht übers Ohr hauen lassen", findet Schnapp.

Für Maximilian Mende ist es ein Kernanliegen, einen Ersatz für das sogenannte "House of Music" zu finden, welches zahlreiche Proberäume für Bands beherbergte. Der Veranstalter verhandelt mit der Stadt seit längerem. Den Demogästen stellt er zwei Optionen zur Wahl: Entweder die Bands legen mehr drauf, um die geplanten Räumlichkeiten nutzbar zu machen. Oder aber die Musiker steigen selbst in die Politik ein und machen Lobbyarbeit für mehr Förderungen. Letztere Idee wird offensichtlich mit ordentlich Beifall und Zurufen für besser befunden. So geht direkte Demokratie.

Dicht gedrängt

"Kultur braucht Raum. Raum braucht Zeit. Und Zeit ist Geld. Das ist also alles das Gleiche", findet Frederic Heisisg vom Wild-Wuchs-Theater. Mit pinker Perücke möchten er und das Künstlerkollektiv Zahlen erfahrbar machen. Dafür schicken die Schauspieler die Demoteilnehmer auf ein Quadrat auf dem Maxplatz, welches einem Prozent der Fläche entspricht - und die Relation der Förderung der freien Bühnen zur Unterstützung des ETA-Hoffmann-Theaters darstellen soll. Dicht gedrängt stehen nicht mal alle Menschen auf dieser Fläche von wenigen Quadratmetern. Drumherum watscheln drei als "Kultur-Dinosaurier" verkleidete Frauen im Kreis. Und auch nach der Erweiterung auf fünf Prozent der Fläche ist es noch recht kuschelig.

"Ich finde es gut, dass hier Kulturschaffende und Kulturinteressierte zusammen auf die Straße gehen, weil das Thema alle betrifft", findet Laura Schöps. Bereits vor der vergangenen Kommunalwahl machte sie sich stark für mehr Kulturangebot in der Stadt. Es sei jedoch eher schlechter als besser geworden.

"Ich bin hier, weil ich hier die Musik hören kann, die es sonst nicht mehr gibt", erzählt Michael Pabst. Der Student und DJ sucht sich etwas Ablenkung, die er sonst immer im "Sound-n-Arts" gefunden hat. Das ist auch die nächste Station, wo Katharina Breinbauer für die Studierendenvertretung der Uni Bamberg spricht: "Neben dem Balthasar-Mehrzweckraum haben wir kaum Räume für kulturelle Veranstaltungen." Universitätsräume ließen sich nur sehr bürokratisch nutzen, und ob die neue Mensa in der Innenstadt für Partys wieder zur Verfügung stehe, sei unklar. "Ich will, dass wir in Bayern wieder eine Verfasste Studierendenschaft einführen, damit wir auch in kulturellen Themen mehr Mitsprache haben", fordert Breinbauer.

Offene Räume für alle

Am Kesselhaus hat die Tanzdemo nach gut drei Stunden die Ziellinie erreicht. Ein weiterer Ort, wo die politischen Konzepte für die Kulturnutzung noch nicht endgültig sind. "Kunst ist Horizonterweiterung. Kunst ist Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit", hält Christiane Toewe von "Kunstraum Jetzt" fest. Zehn Jahre habe man bereits den Raum ehrenamtlich kulturell genutzt. Die aktuellen Pläne der Stadt reichten allerdings nur bis 2021. Dabei gehe es gerade in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus, welcher Kultur kontrollieren wolle, "um offene Räume, die allen gehören".

So nehmen sich die Menschen nach einem kleinen Konzert der Band "Trecker" den Kulturraum im Kesselhaus. Und geben ihn erst wieder nach einer Party um 22 Uhr her.

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