Maroldsweisach
Himmlische Aussichten

Such doch das, was göttlich ist

Und wieder kam die Meldung der Kirchenaustrittzahlen im vergangenen Jahr durch den Ticker. Über dreihunderttausend Menschen haben ihrer jeweiligen Kirche den Rücken gekehrt. Wie soll das weitergehen? ...
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Wolfgang Scheidel
Wolfgang Scheidel

Und wieder kam die Meldung der Kirchenaustrittzahlen im vergangenen Jahr durch den Ticker. Über dreihunderttausend Menschen haben ihrer jeweiligen Kirche den Rücken gekehrt. Wie soll das weitergehen? Wann stehen die Kirchen leer? Sofort beschäftigen sich viele mit diesen Fragen, die kirchlichen Finanzreferenten raufen sich die Haare, die Kirchenleitungen suchen nach Mitteln, Wegen und neuen Formen, um die Erosion zu stoppen. Neue Ideen, Projekte, Umgestaltungsvorschläge erblicken das Licht der Welt und mit Energie und Euphorie wird das Zeitalter der kirchlichen Zukunft eingeläutet.

Alle Jahre wieder das gleiche Spiel, aber auch immer wieder mit dem gleichen Ergebnis: Menschen verlassen zahlreich ihre Kirche - Tendenz steigend.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Aktionismus bei der Suche nach der "modernen" Kirche, die eine größere Bindungskraft hat und attraktiver sein soll, einen wichtigen Aspekt übersieht: Nicht neue Wege, Projekte und Formen machen Kirche attraktiv, sondern der Inhalt. Ich will es anhand des Wochenspruches für den Dreieinigkeitssonntag verdeutlichen.

"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen." (2. Korintherbrief 13,13)

Paulus nennt bei jeder Person des einen Gottes eine bestimmte Eigenschaft: Die Gnade begleitet Jesus Christus, Gott Vater ist die Liebe und der Heilige Geist schafft Gemeinschaft. Drei göttliche Eigenschaften, die auf vielfältige Weise in die Welt hineinwirken und dazu beitragen wollen, dass menschliches Leben sich erfüllen kann.

Wenn nun "göttlich" und "menschlich" Begriffe sind, die im Gegensatz zueinander stehen, so lassen sich auch die göttlichen Eigenschaften in einen menschlichen Gegensatz bringen: Aus Gnade wird dann Unbarmherzigkeit, aus Liebe werden Hass oder Gleichgültigkeit und die Gemeinschaft wird durch Eigennutz ersetzt. Und schon menschelt es ganz ungeheuerlich: Ist es nicht unbarmherzig, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen und andere, die helfen und retten wollen vor Gericht zu stellen?

Wie unbarmherzig ist die Ebene der Diskussion, wenn nicht mehr über das Schicksal von Menschen in Not gesprochen wird, sondern die Methodik der besten Grenzsicherung im Zentrum steht? Wie groß ist der Hass, wenn Menschen wegen ihres Andersseins angefeindet oder gar angegriffen werden und wie mächtig ist die Gleichgültigkeit, wenn niemand helfend eingreift? Schließlich erleben wir in diesen Zeiten eine Hochblüte des Eigennutzes, wenn mächtige oder vielleicht bald mächtige Männer mit eigenartigen Frisuren durch den Slogan "America- oder Britain-First" Punkte sammeln.

Es menschelt gewaltig in dieser Zeit und das Ganze geschieht nicht zum Wohl der Menschen.

Andererseits tut es der Seele gut, wenn sie sich an den göttlichen Eigenschaften orientiert, an Gnade, Liebe und Gemeinschaft, an Vater, Sohn und Heiligem Geist. Nur so kann unsere Welt wirklich lebenswert bleiben.

Übrigens, der Wochenspruch aus dem 2. Korintherbrief ist einer der sogenannten Kanzelgrüße, mit denen eine Predigt im Gottesdienst beginnt. Er macht deutlich, dass jetzt das Göttliche, das Heilmachende in unserem Leben in den Blick, ins Ohr und zu Herzen genommen werden will.

Ich denke, es ist trotz aller Fehlerhaftigkeit und Schwäche, sowohl in der Organisation als auch beim kirchlichen Bodenpersonal, tausendmal heilsamer, öfters in eine Kirche hineinzutreten, als einmal aus ihr auszutreten. Herzliche Einladung!

(Wolfgang Scheidel ist Pfarrer in Ditterswind).

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