LKR Haßberge

Strom? Aber sicher!

I Im Juni kam es im deutschen Elektrizitätsnetz mehrfach zu kritischen Situationen. Es war zu wenig Strom da. Sind an solchen Problemen die Wind- und Sonnenkraftwerke schuld? Nein, sagt Gerd Bock von der Überlandzentrale.
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Blackout droht, Chaos im Stromnetz. Die Schlagzeilen der letzten Tage konnten einen angst und bange machen: Gehen bald die Lichter aus? Ist daran die Energiewende schuld mit der schwankenden Produktion von Wind- und Sonnenkraftwerken? Nach der Ursache der Strom-Not, die jeweils wohl nur Minuten, wenn nicht Sekunden dauerte, wird noch gesucht. Fest steht: Das Problem konnte schnell behoben werden, vom Blackout war das Land weit entfernt, und Sonne und Wind hatten nicht die Hand im Spiel; der Hauptverdächtige sind Strom-Spekulanten an der Börse.

Redaktion: Bundesnetzagentur und Netzbetreiber haben auf Anfrage unserer Redaktion geantwortet, dass die Ursache der Unterdeckung noch nicht geklärt sei. Haben Sie einen Verdacht?

Gerd Bock: Der Verdacht, den ich habe, resultiert aus den mir vorliegenden Informationsquellen; es handelte sich wohl um ein Zusammenspiel von Handel, Netzbetrieb und der Gesetzgebung. Da optimiert sich jeder gegen jeden! Für unser Unternehmen (Unter- oder Überfrequenz) war physikalisch keinerlei Problem gegeben.

Experten meinen, Spekulanten hätten das Stromangebot künstlich verknappt und die dann dringend benötigte Regelleistung teuer verkauft (für angeblich 40 000 statt sonst zehn Euro pro Megawattstunde). Ist das plausibel?

Das glaube ich nicht, da an der Strombörse Händler agieren, für die Stabilität des Netzes die Übertragungsnetzbetreiber zuständig sind. Sicherlich hat der Gesetzgeber mit dem neuen Mischpreisverfahren (beim Stromhandel, d. Red.) aber zu diesen Irritationen beigetragen.

Reflexartig haben viele Kommentatoren die Schuld an der Strom-Miese dem Ausbau der Erneuerbaren Energien zugeschoben - sprich Flatterstrom und Dunkelflaute. Gerettet wurde die Stromversorgung durch den europäischen Netzverbund. Stimmt das?

Im europäischen Netzverbund unterstützt man sich nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten gegenseitig!

Kritiker der Energiewende sehen neben den hohen Kosten die Versorgungssicherheit als Problem an. Kann es jemals Strom aus 100 Prozent Erneuerbaren Quellen geben?

Wenn die gesetzgeberische Weiche richtig gestellt wird, ist das vorstellbar. Wie lange das dauert, hängt eben von der Gesetzgeberseite ab, die Leitplanken und Anreize entsprechend zu setzen. Doch bitte bedenken Sie: Nur auf die CO2 -freie Stromversorgung zu achten, ist "zu kurz gesprungen". Wir brauchen insbesondere im Gebäudebereich (weg vom Heizen mit Öl, Gas und Kohle) und in der Mobilität erhebliche Fortschritte, um die gesetzten Ziele einer Energieversorgung ohne fossile Energieträger auch nur annähernd zu erreichen.

Die Überlandzentrale schafft es - 100 Prozent "grüner Strom". Wie gelingt das?

Die mittlerweile knapp 110 Prozent (!) grüner Strom in unserem Versorgungsgebiet sind aus der bilanziellen Sicht zu betrachten. Das heißt, in Monaten mit viel Wind und viel Sonne haben wir zu viel elektrischen Strom und im umgedrehten Fall natürlich zu wenig. In der Jahresbilanz haben wir etwa zehn Prozent mehr Strom, als wir zur Versorgung unserer Netzkunden bräuchten. Das hat mit der ländlichen Struktur unseres Versorgungsgebietes zu tun. Hier konnten sowohl Windkraftanlagen, Biogasanlagen und natürlich in sehr hohem Maße Photovoltaikanlagen gebaut werden.

Andererseits haben wir auf der Nachfrageseite keine Großindustrie. Was unsere Unternehmensphilosophie betrifft, haben wir damit begonnen, zu Zeiten von regenerativen Stromüberschüssen diesen Strom entweder über unsere Wärmepumpenprojekte zur Beheizung von Gebäuden zu nutzen (Ablösen von Öl- und Gasheizungen) oder in den letzten Jahren auch für die Elektromobilität.

Deutschland hat europaweit die höchsten Strompreise. Ist das nicht ein Manko, das die Akzeptanz der Energiewende schmälert?

Hier haben Sie absolut Recht, aber bitte definieren Sie nicht die "höchsten Strompreise", sondern beziehen Sie das auf die extrem hohen staatlichen Belastungen auf den Strompreis. Der reine Preis für elektrische Energie ist in Deutschland im Vergleich absolut konkurrenzfähig.

Fürchten Sie, dass die Strompreise weiter steigen könnten, etwa durch den teuren Netzausbau?

Nein, durch die langen Abschreibungsdauern und die Vereinheitlichung der Kosten für das Übertragungsnetz wird es nicht zu signifikanten Preissteigerungen bei den Kunden kommen.

Wenn Sie die Zeit zehn Jahre zurückdrehen und die Energiewende von Null beginnen könnten - gäbe es Dinge, die Sie aus der heutigen Warte und aus der Sicht des Praktikers anders gemacht hätten?

Aber sicher doch! Der Fördermechanismus hätte stärker berücksichten müssen, wo sogenannte Energiesenken vorhanden sind, um die Anlagen der regenerativen Stromerzeugung dort zu platzieren, wo auch der Verbrauch stattfindet. Somit hätten wir zumindest zum Teil den Ausbau von Übertragungsnetzen einsparen können, und die Dezentralität wäre in schnelleren Schritten umsetzbar gewesen. Eine schwierige Situation ist natürlich auch dadurch entstanden, dass man von politischer Seite (das muss man parteiübergreifend sehen) die Energieversorgung nicht langfristig in einen Masterplan eingebettet hat. Nach Fukushima war ein deutlicher Stimmungswandel hin zu den regenerativen Erzeugungen wahrnehmbar, der mittlerweile doch deutlich abgeflaut ist. Damals wäre ein guter Moment für ein Gesamtkonzept gewesen.

Gesetzt den Fall, es gäbe den großen Blackout - kann sich ein regionaler Stromversorger gegen ein solches Ereignis absichern?

Aus heutiger Sicht könnten wir bei einem flächendeckenden Blackout unsere Stromversorgung nicht aufrecht erhalten! Dies hat insbesondere auch mit der Technik bei den Einspeiseanlagen zu tun. Allerdings werden wir versuchen, uns in Zukunft mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln noch stärker in Richtung des zellularen Ansatzes (Versorgung mit Energie aus regionalen Quellen) zu bewegen. Da sind wir auf einem guten Weg.

Die Fragen stellte Günter Flegel.

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