Fulda
Biodiversität

Steingärten sind kein Lebensraum für Schmetterlinge

Zum internationalen Tag der Biodiversität und anlässlich der 25. Wildbiologischen Wochen referierte Dr. Werner Kunz von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum Artensterben in der Offenlandschaf...
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Ein Admiral sitzt auf der Blüte eines Sommerflieders. Englischer Rasen und Steingärten sind kein Lebensraum für Schmetterlinge, sagt der Artenschutztheoretiker Werner Kunz.  Foto: Caroline Seidel/dpa
Ein Admiral sitzt auf der Blüte eines Sommerflieders. Englischer Rasen und Steingärten sind kein Lebensraum für Schmetterlinge, sagt der Artenschutztheoretiker Werner Kunz. Foto: Caroline Seidel/dpa
Zum internationalen Tag der Biodiversität und anlässlich der 25. Wildbiologischen Wochen referierte Dr. Werner Kunz von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum Artensterben in der Offenlandschaft. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob eine erfolgreiche Integration des Artenschutzes in die allgemeine Landwirtschaft möglich ist, oder ob für spezielle Arten und deren Bedürfnisse maßgeschneiderte Sonderflächen bereitgestellt werden sollten.
Der Feldbiologe und Artenschutztheoretiker stellte in seinem Vortrag fest, dass seit den 1950er Jahren viele Arten der Offenlandschaft und der landwirtschaftlichen Nutzflächen verloren gegangen sind. Die aus Sicht von Kunz wichtigste Ursache hierfür war und ist die gestiegene Düngung. Er sprach vom "Zeitalter der Eutrophierung". Dabei stellt sich laut Kunz auch der gestiegene Stickstoffeintrag aus der Luft als fatal heraus.
Kunz verweist in seiner Analyse darauf, dass nach der letzten Eiszeit nahezu alle Arten aus dem Süden oder Osten Europas zugewandert seien. Sie kamen damit aus Landschaften mit eher schütterem, lückigem Bewuchs. Gerade viele Insekten benötigen warme Standorte mit offenen Böden und einer geringen Pflanzendichte. Durch die Düngung aus der Luft und durch Menschenhand wachsen die Lebensräume aber zu. Niedrig wachsende "Hungerkünstler" werden durch größere und dichtere Pflanzen überwuchert. Es bilden sich auch im Offenland dichte, feuchte und kühle Lebensräume aus, die den Insekten weder Lebensraum noch Nahrung bieten. Besonders gefährdet sind hiervon die Tagfalter, aber auch viele andere Insekten und eine Reihe von typischen Vögeln des Offenlandes. Kunz nennt beispielhaft die Lerchen, die Ammern, die Pieper, Würger und Schmätzer.


Kritik an Aufgeräumtheit

Auch kritisierte Kunz die heutige Ordnung, Aufgeräumtheit und Reinlichkeit in den Orten. "Ordnung macht die Dörfer Spatzen- und Schwalbenfrei. Englischer Rasen und Steingärten sind kein Lebensraum für Schmetterlinge."
Kritik übte Kunz ebenso am heutigen, von den 1970er Jahren geprägten Naturschutzverständnis, das harte Eingriffe in Natur und Landschaft ablehnt. Dabei zeigten aus Sicht von Kunz gerade Flächen, auf denen anscheinend Raubbau betrieben wird, eine hohe Artenvielfalt. Er verwies in seinem Vortrag auf die Artenvielfalt von Industriebrachen, Truppenübungsplätzen und Bergbaufolgelandschaften. Aus seiner Sicht müsse es möglich sein, Sonderflächen zur Rettung bedrohter Arten anzulegen. Er plädierte dafür, zum Beispiel Offenland und karge Böden durch den Abtrag der Grasnarbe zu simulieren. Gerade mit dem Wissen und Können der Landwirte ließen sich solche Lebensräume schaffen.


Rasches Gegensteuern nötig

Kunz vermied in seinem Vortrag jegliche Kritik an der Landwirtschaft. Er sieht die heutige landwirtschaftliche Nutzung mit Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als zwangsläufig an. Zwar können Landwirte mittels Blühstreifen, Lerchenfenster und Extensivflächen einen wichtigen Beitrag leisten. Zur Rettung vieler Arten werden aber spezielle, auf einzelne Arten abgestimmte Artenschutzflächen benötigt, deren Pflege auch entsprechend außerhalb etwaiger landwirtschaftlicher Programme honoriert werden müssen.
Längst, so ist sich Kunz sicher, geht es aber nicht mehr nur um die Spezialisten des Tier- und Pflanzenreichs mit ihren besonderen Lebensraumansprüchen. Kunz zeigte sich überzeugt, dass wir die allermeisten Arten des Offenlandes verlieren werden, wenn kein rasches Gegensteuern erfolgt. Im Nachgang des Vortrags wurde rege diskutiert, wobei von den zahlreichen Artenschutzexperten die Auffassungen von Kunz auf eine breite positive Resonanz stießen. Veranstalter dieses Fachvortrags war das Umweltzentrum Fulda, welches bei der Organisation vom Landkreis Fulda, dem Biosphärenreservat und dem Verein Natur- und Lebensraum Rhön unterstützt wurde. red
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