Zeil am Main

Stadtgeschichte in neun Szenen

Am zweiten Septemberwochenende verwandelt sich Zeils Altstadt in eine Theaterbühne. Gut 50 Aktive gestalten eine lebendige historische Stadtführung zur 1000-Jahr-Feier der Stadt. Der Kartenvorverkauf läuft ab Juli.
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Die Proben laufen bereits: hier die Eröffnungsszene am Rathaus mit Daniel Krüger (links) und Julia Melchior (rechts). Foto: Christian Ziegler
Die Proben laufen bereits: hier die Eröffnungsszene am Rathaus mit Daniel Krüger (links) und Julia Melchior (rechts). Foto: Christian Ziegler
Eckehard Kiesewetter

So perfekt wie die Gerolzhöfer mit ihrem "Wandeltheater" wollen und können die Zeiler nicht sein. Gerolzhofen hatte 2017 mit seinem Spiel über Julius Echter und Martin Luther beeindruckt. Die Zeiler, die jetzt bei der historischen Stadtführung am Samstag und Sonntag, 8. und 9. September, mitmachen, haben zum Teil noch nie Theater gespielt. Eines eint sie allerdings: die Begeisterung für das Projekt.


An besonderen Schauplätzen

Verknüpft werden die neun Szenen durch einen Stadtführer, der die Zuhörergruppe an ausgewählte Orte in der Altstadt führt und Erklärungen gibt, die alles noch verständlicher machen: Geschichte in einem Spaziergang sozusagen.
Für Akteur Martin Schlegelmilch Herzenssache. Für ihn macht ein solches Jubiläum nur Sinn, wenn den Menschen, die hier leben, auch die Geschichte ihrer Stadt nähergebracht wird.
Es ist ein spezieller Spaziergang: Die Zuhörer betreten Orte, die zum Teil für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, etwa die Anwesen Probstenhof oder Erlwein-Hof oder den Keller im Weinhaus Nüßlein. Spielorte, die den Inhalten jeweils mehr als angemessen sind und sie ins rechte Licht rücken:
? Den humorvollen Auftakt macht die Szene zum Marktrecht gleich am Rathaus, denn was wäre eine anständige Stadt ohne einen Markt? Da kann einem so manches passieren.
? In der Stadtpfarrkirche begutachtet Bischof von Seinsheim das Werk des Malers Johann Peter Herrlein. Damit jeder versteht, worum es geht, steht den Zuhörern ein ganz gescheiter Malergeselle zur Seite, der die hehren Ideale und Ideen der hohen Herren mit leicht zynischem Blick auf gut Deutsch übersetzt.
? Annakapelle: Hier erfahren die Zuhörer, wie es so manchen Zeilern einst in der Zeit der Gegenreformation erging.
? In eine bizarr-fantastische Welt geht es im Probstenhof. Die Zuschauer sind Zeugen einer Szene, die sie mit eigenen Augen gar nicht sehen dürften: das Treiben der Hexen.
? Die geschichtliche Realität holt die Besucher im Nüßleinkeller ein, wo der einstige Bürgermeister Langhans leibhaftig an seinem Tagebuch schreibt. Tatsächlich hat er vor etwa 400 Jahren ein erschütterndes Zeugnis über die Hexenjagd verfasst, indem er notierte, was in der Stadt passierte und welche Opfer der Hexenwahn forderte. Am Ende wurde Langhans selbst als Hexer verbrannt. Gut, dass nach dieser Szene, die einen betroffen machen und mitnehmen kann, Pause ist: Ein Silvaner weckt die Geister, sorgt für Rekonvaleszenz und lässt aufnahmefähig werden für weitere Erlebnisse:
? Jetzt folgt die Begegnung mit Vater Moritz und Sohn Alberich Degen, ? mit einer unerschrockenen Zeilerin, die sich zu Zeiten des 30-Jährigen Krieges zu helfen weiß und ? der Pest in Zeil. Ein Soldat aus dem Norden soll die verheerende Seuche nach Zeil gebracht haben - und wie es die Zeiler im Erlwein-Hof spielen, so könnte es gewesen sein. ? Mit einer humorvollen Schlussszene endet der Rundgang an der Altach. Dort rumoren die Waschweiber, und bei ihrer Arbeit haben sie sich vieles zu erzählen, natürlich Anekdoten, die sich tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben.
Es sind zwar kurze Szenen, doch mit der Stadtführung müssen die Besucher des Historischen Stadtrundgang gute zwei Stunden einplanen.
Spannende Momente, vieles zum Lachen, vieles zum Nachdenken und besondere Einblicke in die Zeiler Altstadt. Vor allem aber ist dieses Spiel authentisch, die Mitspieler sind ganz normale Menschen, die ihre Sache so gut wie möglich machen wollen. Freilich, im echten Leben können sie es schon: Bürgermeister Thomas Stadelmann spielt zum Beispiel den mittelalterlichen Bürgermeister, Stadtpfarrer Michael Erhart, bekannt durch seine Auftritte im Sander Pfarrheim, schlüpft in die Rolle des Bischofs von Seinsheim, und der evangelische Pfarrer Hans-Christian Neiber und seine Frau Astrid Popp sind dabei. In welcher Szene? Das dürfte klar sein!


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