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Soziale Ungleichheiten im Netz aufgedeckt

Migrationsforschung wird digitaler, auch am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Soziologie, an der Universität Bamberg. Ganz neue Forschungsergebnisse sind mit computerbasierten...
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Migrationsforschung wird digitaler, auch am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Soziologie, an der Universität Bamberg. Ganz neue Forschungsergebnisse sind mit computerbasierten sozialwissenschaftlichen Methoden möglich, wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Carsten Schwemmer zeigt. Er stellt beispielhaft zwei Forschungsprojekte über soziale Ungleichheiten im Internet vor: ein Projekt über Online-Mitfahrzentralen, ein anderes über die Webseite TED Talks, die wissenschaftliche Vorträge als Videos bereitstellt. In beiden Fällen konnte er mit informatischen Verfahren Benachteiligungen ethnischer Minderheiten nachweisen, wie die Universität jetzt berichtet.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Sebastian Jungkunz hat Schwemmer erforscht, wie Frauen und ethnische Minderheiten in digitalen Medien repräsentiert sind, speziell in TED Talks. Millionen von Menschen sehen sich dieses Format auf Youtube an, so dass es großen Einfluss darauf hat, wie die Öffentlichkeit Wissenschaft wahrnimmt. Um die Redner nach Geschlecht und ethnischen Gruppen einordnen zu können, durchsuchten die Sozialwissenschaftler 2333 Videos der Jahre 2006 bis 2017. "Unsere Analysen zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Talks von weißen Männern gehalten wurden", so Schwemmer. "Über die Zeit hat sich der Anteil von Frauen erhöht, ‚nicht-weiße‘ ethnische Gruppen geben aber nach wie vor nur selten Talks." In den vergangenen Jahren gab es rund drei Viertel weiße Redner und ein Viertel schwarze, hispanische oder asiatische.

Stereotypen drohen

Schwemmer: "Eine zu niedrige Repräsentation von benachteiligten Gruppen kann unter anderem zur Verfestigung von Stereotypen führen - zum Beispiel zu der Vorstellung, dass ein weißer, älterer Mann ein prototypischer Wissenschaftler sei."

Außerdem durchforsteten die Sozialwissenschaftler die Inhalte der Talks. "Ein kleiner Anteil an Talks beschäftigte sich mit ‚Ungleichheits‘-Themen, die für benachteiligte Gruppen von Bedeutung sind, wie Gewalt gegen Frauen oder Rassismus", sagt Schwemmer. Und eine Untersuchung der 1,2 Millionen Kommentare zu TED Talks auf Youtube deckte auf, dass insbesondere weibliche Vortragende und Talks zu Ungleichheits-Themen deutlich mehr negative Kommentare auf Youtube erhalten als andere.

Ein weiteres digitales Forschungsprojekt zu ethnischer Diskriminierung schloss Schwemmer im Jahr 2018 mit Kollegen aus Berlin und Kiel ab: Er filterte die Daten von mehr als 16 000 Einzelfahrten in Deutschland von der Homepage einer Online-Mitfahrzentrale und bereitete sie auf. Die Ausbeute: unter anderem Informationen zu Namen der Anbieter, Fahrtstrecken, Preisen und Anzahl der Klicks. Die Sozialwissenschaftler stellten eine ethnische Diskriminierung fest: "Um auf die gleiche Nachfrage wie Fahrer mit deutschem Namen zu kommen, müssten Anbieter mit arabischen, türkischen oder persischen Namen ihre Fahrten im Durchschnitt um 4,20 Euro günstiger anbieten", erläutert Schwemmer. Der Diskriminierungseffekt verschwinde durch zusätzliche Informationen über die Anbieter, etwa durch positive Nutzerbewertungen. red

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