Michelau

"Souch amoll, wan kööhst'n du ooh?"

Hausnamen werden in Michelau heute noch benutzt.
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Ein unschätzbarer Gewinn für die Korbmachergemeinde sind die Recherchearbeiten von Ernst Schmidt. In einem umfangreichen Referat widmete er sich den Michlaare Haus- und Sippennamen. Sein CHW-Vortrag im Deutschen Korbmuseum stieß auf ein überwältigendes Interesse.  Foto: kag
Ein unschätzbarer Gewinn für die Korbmachergemeinde sind die Recherchearbeiten von Ernst Schmidt. In einem umfangreichen Referat widmete er sich den Michlaare Haus- und Sippennamen. Sein CHW-Vortrag im Deutschen Korbmuseum stieß auf ein überwältigendes Interesse. Foto: kag

Für Siegfried Böhrer war Michelau die erste Pfarrstelle. Gemeinsam mit seiner Ehefrau fasste er am Abend nach seinem Umzug den Entschluss, die Michelauer näher kennenzulernen. Ein Besuch in einem der Wirtshäuser schien dafür gut geeignet zu sein. Das Ergebnis war ernüchternd. Als das Ehepaar den Heimweg antrat, hatten sie von dem, was da unter den Einheimischen gesprochen wurde, fast nichts verstanden.

Die "Michlaare und ihr Dialeggt" das ist zugegebenermaßen ein Kapitel für sich. Man muss schon als "waschechta Michlaare Frasskrüet" geboren werden und in der Korbmachergemeinde aufgewachsen sein, um die spezielle Grammatik und alle die vielen Spezialausdrücke zu beherrschen.

Identitätsstiftend

So befremdlich das für Zugezogene sein mag, den Einheimischen vermittelt das ein Stück Identität. Das erklärt auch, warum die Theatergeschichten von Renate Rosenbauer so beliebt waren und weshalb beim Vortrag des Heimatforscher Ernst Schmidt im Michelauer Korbmuseum die Plätze für den Publikumsandrang nicht reichten.

In seinem CHW-Vortrag zur Ortsgeschichte von Michelau widmete sich Ernst Schmidt in einer Spurensuche den Michlaare Haus- und Sippennamen. "Souch amoll, wan kööhst'n du ooh?" Jedes Kind kennt in Michelau diese Frage, die vor allem früher oft mit einem der Hausnamen beantwortet wurde.

An die 100 hatte der Referent aufgelistet von "de Assela" über die "Läsern", die "Sachsn" bis hinzu die "Zweckn". Mit vielen dieser Sippen verbanden sich bekannte Persönlichkeiten wie etwa "de Lämmlein", der ehemalige Schulleiter Herold Gagel, oder "de Letto" alias Georg Heinrich Burkhardt.

Hausnamen waren früher weit verbreitet. Das lag größtenteils daran, dass Namen von Großfamilien oft zu Verwechslungen führten und einzelne Sippen deshalb eigene Beinamen erhielten. Die Hausnamen bezogen sich oft auf das Aussehen, den Standort des Wohnhauses oder entstanden durch besondere Ereignisse. Häufig wurden auch Vornamen zur Unterscheidung herangezogen.

So wurde der für Michelauer beinahe unaussprechliche Nachname der Babette Amschler, die 1895 in eine Familie Köhlerschmidt einheiratete, kurzerhand in Amsel umgetauft. Altbürgermeister Fred Köhlerschmidt trägt diesen Beinamen noch heute. Für die Köhlerschmidts gab es schon vor 250 Jahren den Beinamen "Coburger". Denn der Hofbauer Johann Köhlerschmidt saß als Hintersasse auf dem heutigen Coburger Hof. Nicht zuletzt die alten Aufnahmen vom Coburger Hof und dem Fasholdshof weckten bei den überwiegend älteren Zuhörern lebhafte Erinnerung ebenso wie die auf Reproduktionen gezeigte, längst Verstorbene.

Ob sich der Name Fasholdhof vom "Faselhof" wo die gemeindlichen Zuchttiere, "de Gemaabulln", "de Saubäh" (Eber) und "de Gaasbuock", gehalten wurden, kann nur vermutet werden.

Über allem steht der Michlaare Dialeggt. Bedingt durch die "Insellage" einer evangelischen Gemeinde in einer katholischen Umgebung haben die Michelauer ihren eigenen Dialekt entwickelt, eine Entwicklung die erst nach 1945 durch Zuzüge und die Medien aufgeweicht wurde.

Vieles war selbst für einheimische Zuhörer neu. Der "Judenturm" in der heutigen Bachstraße, der "Mäusturm" in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Hier wohnte Johann Adam Rühr, ein Gerber, dessen Tierhäute auch manches Ungeziefer anlockten.

Häufig stehen Sippennamen mit einem Beruf in Verbindung. Der "Kuonböck" (Johann Georg Welsch) buk dunkles Brot aus Roggenmehl, der "Waasabeck" = Weissbäcker (Lorenz Taumann) bot helle Brotsorten an.

Milchprodukte erhielt man bei der Milch-Babett und ihrem Sohn Milch-Peter. Der "Matzla" in der Bachstraße war eine Institution. Das Angebot stand auf einer Tafel vor dem Haus und wenn der Matzla nicht genau wusste, wie Porree geschrieben wird, wurde einfach ein Porree-Stängel an die Tafel geheftet.

Geschäftsnamen leiten sich oft vom Geschäftsgründer ab. Auch das Korbmachergewerbe hat Hausnamen hervorgebracht.

Die eigenen Wurzeln

Eine Vielzahl weiterer Haus- und Sippennamen wusste Ernst Schmidt zu erläutern. Mancher Zuhörer bekam glänzende Augen und "heiße" Ohren, wenn in Wort und Bild plötzlich der Namen eines längst verstorbenen Vorfahren auftauchte.

Der informative Vortrag wird noch zweimal wiederholt: am Donnerstag, 17. Oktober, im Gemeindezentrum und am 28. November im Mehrgenerationenhaus beim Obst- und Gartenbauverein.

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