Bamberg

So gewinnt man ein Publikum

"Lied & Lyrik": Die Sänger Olga Peretyatko und Rolando Villazón begeistern bei ihrem Gala-Auftritt in der Bamberger Konzerthalle mit ihren famosen Darbietungen.
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Symphoniker-Chefdirigent Jakub Hru Gradša, Olga Peretyatko und Rolando Villazón (v.l.) genießen den Applaus des Publikums.  Foto: Matthias Hoch
Symphoniker-Chefdirigent Jakub Hru Gradša, Olga Peretyatko und Rolando Villazón (v.l.) genießen den Applaus des Publikums. Foto: Matthias Hoch

Wie sagte Josef Keilberth doch einst zu einer etwas zurückhaltenden Sängerin: Wer auf der Bühne bestehen will, muss stets von Neuem dazu bereit sein, sich zu prostituieren. Das ist zwar - typisch Keilberth! - ziemlich deftig ausgedrückt, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn man in Richtung des Publikums singt, sollte man es mögen und ihm das auch zeigen, vor allem bei konzertanten Aufführungen ohne eine begleitende Inszenierung. Die beiden Weltstars, die jetzt anlässlich der Konzertreihe "Lied & Lyrik" in Bamberg gastierten, verstehen es, die Zuhörerschaft in ihren Bann zu ziehen, weil sie sich nicht allein durch den Gesang, sondern auch durch eine geradezu entwaffnende Mimik und Gestik mitteilen. Olga Peretyatko braucht bezüglich ihrer Bühnenpräsenz den Vergleich mit Anna Netrebko nicht zu scheuen, und Rolando Villazón ist sowieso eine - Verzeihung! - begnadete Rampensau. Im Doppelpack harmonisieren sie so perfekt miteinander, dass ein vergnügliches Konzerterlebnis garantiert ist.

Der Anlass für diese Gala mit Benefizcharakter wurde eingangs von Bambergs OB Andreas Starke in dessen souverän-launiger Art erläutert. Zugunsten der Stiftung Weltkulturerbe hatten sich die Bamberger Symphoniker und die Bayerische Akademie der Schönen Künste unter dem Motto "Lied&Lyrik" zusammengetan. Spezieller Zweck: die Gewinnung von weiteren Mitteln für Bambergs Jahrhundertprojekt, die Instandsetzung des Komplexes von St. Michael, der ja quasi - so der OB - das "Notre-Dame-Drama" der Stadt sei. Entsprechend gesalzen waren die Eintrittspreise, doch angesichts der aufgebotenen Sängerprominenz ließ sich niemand lumpen, und die Veranstaltung konnte ausverkauft melden. Welche weitreichende Strahlkraft die eingeladenen Künstler besitzen, ließ sich übrigens beim Studium der automobilen Nummernschilder im Hallenbereich ablesen.

Diva und Tausendsassa

Lied & Lyrik war also angesagt, aber natürlich durfte das Publikum vor allem in Oper und Operette schwelgen. Nach einer vom Chefdirigenten Jakub Hru  Grad ša kurz und knackig servierten "Carmen"-Ouvertüre traten die russische Sopran-Diva und der mexikanische Tenor-Tausendsassa zunächst abwechselnd und dann auch gemeinsam auf. Rolando Villazón hat nach den Fährnissen, denen seine phänomenale Stimme vor rund zehn Jahren ausgesetzt war, das Brio seiner stürmischen Jahre etwas gedämpft, singt mit kluger Zurückhaltung und scheint weg vom opernhaften, dafür hin zum liedhaften Gesang zu tendieren. Und dennoch: Wenn es in der trauererfüllten Zarzuela-Arie dramatisch wird, geht er an seine Grenzen und wagt einen herzzerreißenden Tonfall. Villazón ist ein überzeugender Textgestalter, der die Affekte kennt und dem Publikum zu übermitteln vermag.

Olga Peretyatko wusste auf Anhieb zu faszinieren mit ihrer Ausstrahlung und einer Stimme, die voller Frische und leichter Höhe ist, dabei garniert mit einem angenehm schwebenden Vibrato. Nach der "La Traviata"-Ouvertüre - von Jakub Hru  Grad ša und den Symphonikern fein gewebt - zeigte die Sängerin in ihrer Paraderolle als Violetta, wie sie die Zuhörerschaft mitzunehmen und quasi durch's Geschehen zu führen vermag. Als es gegen Ende über den großen Teich ging, zu einem Amerika, an das wir zu Gershwins Zeiten bessere Assoziationen knüpften als heute, wirkte es fast ironisch, dass es einer Petrograder Russin bedurfte, um "Summertime" so unvergleichlich hinzuzaubern. Die in der "Promenade" so launig-dekadente Klarinette des Orchesters (das einmal mehr von einer anonymen Konzertmeisterin angeführt wurde!) sei hier lobend erwähnt.

Als nach der Pause von den sängerischen Protagonisten sogar das Tanzbein geschwungen wurde, konnte man ahnen, dass dies spätestens in den Zugaben im Walzer enden würde. Davor waren aber noch eine "Cavalleria", eine Verwandlung von Romeo und Julia in Tony und Maria (in Leonard Bernsteins "Tonight") sowie die charmanten Tändeleien eines sehr sympathisch wirkenden und perfekt aufeinander eingestellten Sängerduos. So gewinnt man ein Publikum!

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