Lisa Kieslinger

Die Autofahrer, die jeden Tag von Kronach oder Haig in Richtung Stockheim fahren, werden sich schon über die Transparente, die seit Montag am Straßenrand stehen, gewundert haben. "Stockheim unter Strom. Widerstand, Glück Auf!", "Naturpark Trassenwald" oder "Nach der Wahl die Trasse für die Wähler 2. Klasse" - diese Botschaften wurden mit schwarzer und roter Farbe auf große, weiße Stofflaken geschrieben. Doch woher kommen diese Schilder auf einmal?
Beim genaueren Hinsehen entdeckt man jeweils im Eck des Stofflakens das gelb-grüne Logo der Freien Wähler (FW). "Das hat der Ortsverband Stockheim organisiert, weil Betroffene sich einfach zu Wort melden wollten", erklärt Rainer Detsch (FW), Bürgermeister von Stockheim auf FT-Nachfrage.
Erst vor kurzem hieß es, dass eine Stromtrasse durch den Landkreis Kronach vom Tisch sei. Doch das änderte sich Anfang August wieder, als die Bundesnetzagentur einen vorläufigen Prüfbericht zum zweiten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2030 veröffentlichte (wir berichteten). Dort werden vom Stromnetzbetreiber Tennet nun auf einmal wieder alle für die neue 380-kV-Wechselstromleitungen vorgeschlagenen Trassen mit der Bezeichnung "P 44" als annähernd gleichwertig dargestellt. Somit stehen auch die Varianten, die durch die Landkreise Kronach und Lichtenfels führen würden, erneut zur Diskussion. "Wenn eine Stromtrasse durch den Landkreis kommen würde, wäre das der Worst-Case für den gesamten Landkreis. Denn dann haben wir gleich zwei Stromtrassen hier", so Detsch. Als er erfahren habe, dass der Landkreis nun doch wieder in der Diskussion um die geplante neue Stromtrasse ist, sei er sehr verwundert gewesen.
Auch Wolfgang Puff, Geschäftsführer der Wirtschafts- und Strukturentwicklungsgesellschaft des Landkreises Kronach, war überrascht über die Wendung. "Das traf uns wie aus heiterem Himmel", erklärte Puff.


Aktion sei reine Profilierung

Landtagsabgeordneter Jürgen Baumgärtner (CSU) sieht keinen Grund zur Panik: "Es wird keine Stromtrasse durch den Landkreis Kronach geben." Das sei auch das Signal von der Bayerischen Staatsregierung. Baumgärtner versteht nicht, warum die FW die Schilder aufgestellt haben. "Sie haben wahrscheinlich nichts anderes zu tun", so der Landtagsabgeordnete. Für ihn reine Profilierung der FW. Es bringe nichts, die Leute verrückt zu machen. Damit rede man sich die Stromtrasse nur herbei.
Die Anhörungsfrist bei der Bundesnetzagentur laufe noch bis zum 16. Oktober. Für Rainer Detsch und Wolfgang Puff ist es wichtig, sich jetzt nicht zurückzulehnen. "Wir müssen Flagge zeigen und unsere Meinung öffentlich äußern", ruft Detsch die Bürger und Bürgerinnen im Kreis Kronach auf. Der Ortsverband der FW Stockheim und auch der Bürgermeister selbst machen auf ihren Facebookseiten mobil gegen die Trassenführung durch den Landkreis. Noch bis zum 16. Oktober kann nämlich auf der Homepage der Bundesnetzagentur (www.netzausbau.de) Einspruch eingelegt werden.
Auch Susanne Grebner, Bürgermeisterin von Wilhelmsthal (SPD), will ihre Bürgerinnen und Bürger über diese Möglichkeit informieren. "Nicht alle lesen die Zeitung und das Gemeindeblatt ist auch schon draußen. Deswegen haben wir beschlossen, die Resolution des Landkreises und den Link auf unsere Homepage zu setzen und einen Flyer in jeden Haushalt zu verteilen", erklärt die Bürgermeisterin.
Das Gemeindegebiet Wilhelmsthal wäre im Ernstfall auch von der geplanten Stromtrasse betroffen. Grebner will deshalb nichts unversucht lassen, die Bürger vollumfänglich über die Situation und die Möglichkeit für einen Einspruch zu informieren. "Nicht, dass es in ein paar Jahren heißt: ,Wenn wir etwas gewusst hätten, wären wir auf die Barrikaden gegangen‘", meint Grebner.