Forchheim
Unser Thema der Woche // Auf- & Abstieg

Sie sorgen unten für Klarheit

Ihr Arbeitsplatz ist 173 Kilometer lang und liegt unter der Erde. Die Ver- und Entsorger der Forchheimer Stadtwerke sind in erster Linie Techniker, haben in der Unterwelt aber auch mit Tieren zu tun.
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Michael Schlosser bei einem Kontrollgang im Speicherbecken unter dem Forchheimer Bahnhofsplatz. Fotos: Barbara Herbst
Michael Schlosser bei einem Kontrollgang im Speicherbecken unter dem Forchheimer Bahnhofsplatz. Fotos: Barbara Herbst
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Ekkehard Roepert Es ist wie Bergsteigen, nur in umgekehrter Reihenfolge - erst kommt der Abstieg. Durch einen Gurt gesichert, klettert Michael Schlosser über neun Sprossen auf ein Plateau, das etwa drei Meter unter dem Forchheimer Bahnhofsplatz liegt. Von hier führen 17 Stufen einer Beton-Treppe nach unten. Die Luft ist feucht und riecht modrig, der eben vom Schlamm befreite und frisch gereinigte Boden glänzt.

Regenüberlaufbecken wird diese unterirdische Halle in der Fachsprache der Kanalexperten genannt. Michael Schlosser begann seine Karriere als Kanalarbeiter, dann wurde er Bauingenieur für Abwassertechnik. Er ist einer von fünf Fachleuten, die im Dienste der Forchheimer Stadtwerke das 173 Kilometer lange Kanalnetz in Schuss halten. Dazu gehören 5600 Abwasserschächte, 18 Pumpwerke, 15 Regenüberläufe - und jene neun Regenüberlaufbecken, die insgesamt 5500 Kubikmeter Abwasser speichern können.

Gäbe es diese Speicherbecken nicht, müsste die Kläranlage um ein Vielfaches vergrößert werden, um bei starken Regenfällen mit dem Abwasser fertig zu werden, erklärt Michael Schlosser. Am Pfingstwochenende zum Beispiel regnete es so stark, dass mindestens die zehnfache der üblichen Wassermenge durch die Rohre schoss. Innerhalb weniger Stunden war das 650 Kubikmeter fassende Becken unter dem Bahnhofsplatz zu drei Vierteln voll. Wenn es noch stärker regnet und der Speicher Wasser, Schlamm und Steine nicht mehr fassen kann, wird ein Teil des gereinigten Wassers über eine Überlaufrinne in die Wiesent gepumpt.

Solche Überlaufbecken werden erst seit den 80er Jahren gebaut. Sie dienen als Zwischenspeicher; aber auch, um das Abwasser "vorzureinigen". Ist das Überlaufbecken wieder leer gepumpt, beginnt für die Ver- und Entsorger (wie Kanalarbeiter offiziell genannt werden) der dreckige Teil der Arbeit. "Nach jedem Regenereignis gehen wir rein und spritzen den Schlamm zusammen", sagt Josef Schmitt. Wenn er und sein Kollege Josef Batz ihrer unterirdischen Arbeit nachgehen, stehen meist aber technische Tätigkeiten im Mittelpunkt: Vor allem müssen die Messgeräte, die Pumpen und die Lichtanlagen kontrolliert und gewartet werden.

Wer nach unten geht, kümmert sich nicht nur um die Technik; auch die Technik kümmert sich um ihn. Michael Schlosser deutet auf das Kästchen, das an seinem Gürtel befestigt ist: "Das Gasmessgerät ist die Lebensversicherung", sagt der 52-Jährige. Im Schlamm und beim Abbau von Fett entstehen Schwefel-Wasserstoffe, die innerhalb von einigen Sekunden tödlich wirken können. Das Gerät misst fortwährend den Gasgehalt in der Luft und schlägt Alarm, wenn es Zeit wird, das Weite zu suchen.

Bei Passanten, die Kanaldeckel nur von oben kennen, mag die Vorstellung, durch einen Schacht hinunter zu steigen, Unbehagen auslösen. Für Josef Batz und Josef Schmitt hat der Abstieg aber nichts Beängstigendes. Allerdings gibt Batz zu, dass es sich manchmal "ein bisschen beklemmend" anfühlt. "Wir wechseln uns ab", sagt er. Einer steht oben und sichert über einen Leine den Abstieg des Kollegen, der sich, wie ein Bergsteiger, einen Haltegurt umschnallt.

Zwei Klischees ranken sich um die Arbeit in der Kanalwelt, erzählen Batz und Schmitt. Das eine handelt von gefährlichen hygienischen Verhältnissen, das andere von der Begegnung mit Ratten. Was die Hygiene betrifft, sind die Ver- und Entsorger äußerst penibel, denn in früheren Zeiten erkrankten ihre Kollegen tatsächlich oft an Hepatitis. Daher gehören Handschuhe, Schutzanzug und Gummistiefel selbstverständlich zur Ausrüstung. Und jedes Mal, wenn die Arbeiter hochkommen, waschen und desinfizieren sie ihre Hände.

Und die Ratten? Sie zu bekämpfen, gehört zum Berufsalltag. Jährlich werden rund 800 tödliche Köder ausgelegt. Aber eine lebende Ratte hätten sie in 30 Jahren nicht getroffen, sagen Batz und Schmitt. Nur tote Tiere treiben manchmal im Abwasser. Und dann könne es schon mal eklig werden, so wie vor drei Wochen in Burk: Da holten die Entsorger einen toten, aufgedunsenen, armlangen Biber aus der Pumpstation. Der Biber sei wohl in einem zu engen Rohr stecken geblieben und ertrunken.

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