Bamberg

Sei wie das Veilchen im Moose

Zum heutigen "Tag der Freundschaft" werfen wir einen Blick in Poesiealben unser Leserinnen.
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Sabine Christofzik

Hunderte Leserinnen müssen zu ihren Schränken geeilt sein und nach ihren Poesiealben gegriffen haben. Viele von ihnen hatten vorher etliche Jahre nicht mehr hineingeschaut. Schön, wenn man so viele Herzen erreicht, mit einer Aktion, die als ein einfacher Aufruf gedacht war.
Selbst bei denen, die anriefen und nur mitteilen wollten, wie sehr sie sich gefreut haben, etwas über das Thema Poesiealbum zu lesen, schwang ein bisschen Wehmut in der Stimme mit. Erinnerungen sind immer mit Emotionen verbunden.
Wir mussten aus der Fülle der Zuschriften eine Auswahl treffen. Acht Frauen aus Stadt und Landkreis öffnen nun ihre Alben:
Drei Jahre lang vermisst hat ihres Maria Kroack aus Breitengüßbach. "Ich hatte ein Zimmer neu eingeräumt und ich wusste, es war darin. Aber gesehen hab ich es nirgends. Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen konnte, bin ich aufgestanden und habe weitergesucht. Eines Tages entdeckte ich es hinter dem Bücherregal. Irgendwann muss es wohl dorthin gerutscht sein.
Ich war so erleichtert, dass ich vor Freude geweint habe. Denn je älter man wird, desto mehr Wert bekommt ein solches Erinnerungsstück. Früher hat man so was auf die Seite gelegt und gedacht: Was interessiert mich denn das Zeug aus der Schulzeit? Jetzt, im Alter, bin ich jedes Mal gerührt, wenn ich darin die Handschrift meiner Mutter sehe."
Ganz anders war das Erlebnis von Maria Starklauf aus Pettstadt. "Ich war, ehrlich gesagt, richtig enttäuscht, als ich mein Poesiealbum wieder hervorgeholt habe. Ich bin niemand, der allzu sehr in der Vergangenheit lebt und deshalb hatte ich es schon lange nicht mehr angeschaut. So viele leere Seiten! Gerade mal elf Schulkameradinnen und drei Lehrkräfte haben etwas hineingeschrieben. Und meine Eltern.
Geliebt und wie einen Schatz gehütet habe ich als Kind die bunten Bogen, bei denen die einzelnen Glanzbilder mit Stegen verbunden waren. Ab und zu bekam ich einen geschenkt und es war ein großes Opfer, wenn ich davon ein Bild (meist Hummelfigur oder Blumenstrauß) für einen Eintrag in ein anderes Album opfern musste.
Als der Schreibwarenladen in der Bamberger Kapuzinerstraße zugemacht hat - den Namen weiß ich nicht mehr - habe ich mir im Ausverkauf mehrere Bögen solcher Bilder mitgenommen. Ja, als erwachsene Frau! Weil es etwas so schön Nostalgisches ist."
Lange im Schrank gelegen hat auch das Album von Angelika Höllein aus Bamberg. Das Außergewöhnliche darin ist eine eingeklebte Ein-Dollar-Note, die zu ihrer Mädchenzeit einiges Aufsehen erregt hat. "Sie stammt von meiner Tante, die mit einem Amerikaner verheiratet war. Als der Onkel im Vietnamkrieg war, hat sie bei uns gewohnt.
Sie konnte in den Geschäften in der Kaserne einkaufen und ganz besonders erinnere ich mich an die Unterhosen mit Rüschen, die sie für mich besorgt hat und die ich ganz stolz getragen habe, weil niemand sonst solche hatte."
Es könnte sein, dass es in Bamberg noch einige Poesiealben mehr gibt, in denen das gleiche "Ärgernis" ins Auge fällt, wie in dem von Christa Weber. "Ich hatte damals an der Pestalozzischule eine Lehrerin, die allgemein als sehr streng bekannt war", erzählt sie. "Und als sie an der Reihe war, etwas hinein zu schreiben, hat sie mit Rotstift die Schreibfehler in den Einträgen, die schon drin waren, angestrichen.
Ich habe mich furchtbar darüber geärgert. Als Schülerin zu protestieren hätte nichts genützt. Also ist mein Vater zu ihr hin und hat sie gebeten, das ab sofort zu unterlassen. Ich glaube, es hat gewirkt."
Sieglinde Richter aus Hallstadt hat zwar auch ein eigenes Album, aber das ihrer Mutter, in dem die ersten Einträge die Jahreszahl 1919 aufweisen, findet sie vorzeigenswerter. Und zwar auch wegen dem, was sie diesem in Samt gebundenen Büchlein als Kind angetan hat. "Ich muss es wohl gefunden haben und mit elf oder zwölf Jahren konnte ich die alte deutsche Schrift nicht lesen. Es war also wertlos für mich. Bis auf die bunten Einklebebildchen.
Ich hatte mich im Zeichnen versucht, als es darum ging, in die Alben von Freundinnen zu schreiben. Das war nicht von Erfolg gekrönt. Aber hoppla, da gab es ja was, wo ich Schmückendes herauslösen konnte. Dass ich dabei teilweise sogar Löcher in die Seiten im Album meiner Mutter gerissen habe, war mir einerlei. Nicht allerdings die Ohrfeige, die ich von meinem Vater dafür kassierte. Von ihm übrigens stammt der letzte Eintrag in diesem Album: 1928 unterzeichnet mit ,Dein Bräutigam'."
1948 zu Weihnachten hat Erika von Meissner ihr Album bekommen. Eines mit grauem Nachkriegspapier. Auf dem Einband, passend zum Vornamen, getrocknete Erika-Blüten. "Da ich mit dem Begriff Poesie nichts anfangen konnte, nannte ich es stolz mein Pösiealbum, worüber meine älteren Brüder schallend lachten, statt der kleinen Schwester zu erklären, was Poesie bedeutet", erzählt sie schmunzelnd.
"So viele Erinnerungen verbinden sich mit den Einträgen - meine Eltern, Tanten, Lehrerinnen sind lange tot. Leider auch meine damals beste, älteste Freundin, die ich 1945 kennenlernte (da waren wir beide sieben) und die 2002 an Krebs starb."
Acht Monate war die junge Erika als Englisch-Studentin in London. Und so findet sich unter den Einträgen auch eine Indiradi aus Kalkutta, oder aus Singapur Doris Lim.
"Beide verbrachten die Weihnachtstage 1958 in meinem Elternhaus in Köln. Mit Doris habe ich zum ersten Mal chinesisch und indisch gespeist. Wir hielten Kontakt, sie ging später in die USA, wo wir uns 1995 wiedersahen."
Zwei Poesiealben hat Erika Klein aus Elsendorf geführt: eines 1949 angefangen und das andere 1954. In beiden haben sich ihre drei Freundinnen verewigt. "Zum Thema Tag der Freundschaft kann ich vielleicht ein bisschen was beitragen", sagt sie. "Wir vier sind alle innerhalb des Zeitraums 30. September bis 13. Oktober 1940 in Langewiesen (Thüringen) geboren. Wir wurden jeweils zu zweit getauft und zu viert konfirmiert. Über viele Jahre hatten wir nur losen Kontakt. Ich war die Einzige, die damals in den Westen gegangen ist. Seit 1990 aber, als das durch die Wende wieder möglich wurde, treffen wir uns jedes Jahr zwei Tage entweder in Ilmenau, Jena, Magdeburg oder Elsendorf. Und unsere Ehemänner sind auch dabei."
Kommunionbilder ihrer Klassenkameradinnen finden sich im Album von Gaby Trinkl aus Bamberg. "Ich bin vom Grundschulalter bis zum Abitur in die Schule der Englischen Fräulein in Nürnberg gegangen. Das war dort tatsächlich so üblich. Mindestens 15 Fotos habe ich selbst in andere Alben geklebt. Alles Abzüge vom Fotografen! Das war bestimmt nicht billig. Eine gute Sache ist es dennoch. Es gibt Freundinnen von damals, die nicht mehr leben. Ihre Kinderbilder sind für mich eine schöne Erinnerung."
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