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Dorfhaus

Schwerer Weg zur Leichenlinde

Recht beschwerlich war es zu früheren Zeiten, die Verstorbenen zum Friedhof zu bringen. An der Leichenlinde legten die Weißenoher und Dorfhauser evangelischen Gläubigen deshalb eine Rast ein. Dort ist ein Naturkunstwerk entstanden.
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Vor gut zehn Jahren ist an der Leichenlinde ein Naturdenkmal erreichtet worden.  Foto: Petra Malbrich
Vor gut zehn Jahren ist an der Leichenlinde ein Naturdenkmal erreichtet worden. Foto: Petra Malbrich

Ein Rundum-Paket, wie es die Bestatter heute im Todesfall eines Angehörigen anbieten, gab es früher nicht. Da musste auch der Verstorbene selbst zum Friedhof gebracht werden. Das war oft recht beschwerlich.

Der auf einem Hänger aufgebahrte Sarg wurde dann von Tieren zum Friedhof gezogen. Bergab und bergauf. Wie von Dorfhaus nach Kirchrüsselbach. "Der Tote wurde über einen Feldweg bis zur Linde gezogen. Dort haben die Trauergäste und Dorfbewohner dann eine Rast eingelegt", sagt Hans Elitzer. Er ist Dorfhauser Bürger, im Kirchenvorstand der evangelischen Kirche Kirchrüsselbach, Weißenoher Gemeinderat und Feldgeschworener, und er kennt die Weißenoher Flur wie seine Westentasche.

Leichenlinde wird der Baum genannt, aber nicht von den Weißenohern. Sie verwenden den Namen nicht und wissen auch nicht, wer diesen Namen aufgebracht hat. "Vor 40 Jahren hat jemand Tafeln in Erdlöcher gesteckt und nannte diese Linde Leichenlinde", erklärt Hans Elitzer. Für die Weißenoher und Dorfhauser Bürger ist sie nach wie vor die "kleine Linde".

250 Meter weiter westlich steht die große Linde, die jedoch seit einem Blitzeinschlag kleiner als die kleine Linde ist. Dort an der kleinen Linde Rast einzulegen, war unbedingt notwendig bei einem Leichenzug. "Es sind gut hundert Meter Höhenunterschied. Die Tiere, die das Fuhrwerk zogen, brauchten eine Pause und bei der Beerdigung sind auch viele alte Leute mitgelaufen", erklärt Elitzer diese Notwendigkeit der Rast.

Im Winter musste der Weg vorher gespurt werden. Auch wenn es die Leichenlinde namentlich eigentlich nicht gibt, so doch den Leichenweg. "Das war ein Fußweg von der Hüttenbacher Straße durch den Gemeindewald über Wälder und Wiesen quer durch die Kirschenanlage runter zum Bach bei der Kirche", beschreibt Elitzer. Das Fuhrwerk konnte diesen Weg nicht nehmen, weshalb die Tiere und Menschen den Weg an der kleinen Linde vorbei wählten.

Beschwerliche Steigung

Wer den Weg jetzt läuft, kann die Beschwerlichkeit aufgrund der Steigung nur erahnen. Denn in dem jetzigen Zustand, mit Rasengittersteinen, war der Weg zu früheren Zeiten nicht gepflastert. "Es war ein schlichter Feldweg, etwas aufgeschottert, mit Querrinnen als Wasserablauf", erinnert sich der Gemeinderat.

Erst seit zehn Jahren ist der Weg in diesem Zustand und der Leichenweg inzwischen durch die Flurneuordnung aufgelassen. Erst 1980 wurde der erste Verstorbene - das war Hans Elitzers Vater - mit dem Leichenwagen in die Rüsselbacher Kirche gebracht. Der Platz um die Leichenlinde herum liegt auf Weißenoher Flur und ist eine gemeinschaftliche Fläche und auch ein wenig Treffpunkt. Hans Elitzer erinnert sich noch daran, dass Kinder in früheren Jahren dem Pflug eines Bauers in den Ästen versteckt hatten. "Das waren Streiche der Jugendlichen", sagt Elitzer über den gemeinschaftlichen Platz um die kleine Linde herum.

"Dort wurden ebenfalls die Lesesteine ausgelagert", berichtet Elitzer. Das sind die Steine, die beim Umpflügen eines Ackers zum Vorschein kommen und dann aufgesammelt werden.

Lesesteine aus den Äckern

Diese Lesesteine sah der Rüsselbacher Künstler Rudi Meier, der gerne Landschaften gestaltet, und integrierte sie in sein Projekt mit seinen Malschülern. "Mit den Kindern haben wir geschaut, was man aus den Steinen alles bauen kann", erklärt Meier. Das war 2008, und die Kinder fingen an, mit den Steinen eine kleine Gartenmauer samt Gartentor um die kleine Linde herum zu bauen. Stein auf Stein wurde geschlichtet. Das Projekt verselbstständigte sich, denn auch Erwachsene wirkten dann mit. "Jeder dachte sich etwas aus. Das Schwierigste war es, ein Fenster zu bauen", erinnert sich Meier. Insgesamt 150 Stunden Arbeitszeit stecken hinter den Gebilden aus Naturstein. Auch eine Schildkröte war aus Steinen kreiert worden, doch sie ist nicht mehr vorhanden.

Später dann haben Meier und die Schüler seiner Malschule Lehmfiguren an die Baumrinden angebracht oder Mobile aus Steinen und Naturmaterialien von den Ästen baumeln lassen. "Die Zeit hat das bereits vernichtet", erklärt Meier das Fehlen dieser Figuren und Formen.

An der Zeit zeigt sich das Vergängliche in der Natur, die mit der Leichenlinde oder kleinen Linde, wie sie im Original heißt, den Kreislauf beschließt. Vom Leben bis zum Tod.

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