Kulmbach

Schwere Geburt

Wie es in der Bierstadt Kulmbach zu den ersten Flaschenabfüllungen kam.
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Je 50 000 Flaschen donnern stündlich durch die vollautomatischen Flaschenabfüllstraßen der Kulmbacher Brauerei in der Mittelau. Wenn die Maschine ohne Störung durchläuft, sind das 250 Hektoliter oder 2500 Kästen.
Inzwischen beträgt der Anteil der Bierflasche in Deutschland rund siebenundsechzig Prozent. Bier gibt es bekanntlich seit Urzeiten. Aber erst seit 111 Jahren wird in Brauereien in Kulmbach Bier auf Flaschen gezogen. Den Beginn machte die "Erste Kulmbacher Aktien Exportbier Brauerei".


Mit Korken und Bügel

Bier in Flaschen gibt es seit 1860, zunächst mit Korken, dann mit Bügelverschluss. Und im Norddeutschen Biersteuergebiet florierte das Geschäft mit Flaschenbier. Das lag an der Struktur. Im Norden hatte der neue Getränkegroßhandel die Verteilung des Gerstensaftes übernommen und bot eine erstaunliche Biervielfalt an.
In Bayern belieferten die Brauereien die Wirte selbst und zwar ausschließlich mit Fassbier. Eigentlich ein gutes Geschäft für beide Seiten. Der Straßenverkauf der Wirte über das Schankfenster war enorm. Es ersetzte damals die heutigen Getränkemärkte und Bierabteilungen in den Verbrauchermärkten. Und die Brauereien aus Kulmbach machten es sich einfach. Sie lieferten das Bier an ihre Kunden, meist Großhändler in Sachsen, Thüringen, Berlin und Schlesien, einfach in großen Transportfässern, meist ein bis fünf Hektoliter fassend. Den Händlern oblag es nun, das wertvolle Gut in Flaschen, Siphons oder Kleinfässer abzufüllen.
Als sich um die Jahrhundertwende Hacker-Pschorr und Spaten in München anschickten, Flaschenbier auf den Markt zu bringen, gab es von den Wirten landauf landab riesige Proteste. Sie fürchteten um ihre Pfründen. Der Protest ging sogar soweit, dass auf einer Versammlung bayerischer Mittelstandsbrauer 1909 die gesetzliche Einführung einer "Flaschenbier-Banderolensteuer" gegen die Konkurrenz des Flaschenbieres gefordert wurde.
Die "Erste Kulmbacher" scherte das Gezeter nicht. Größer und den anderen Biersiedern in Kulmbach immer einen Schritt voraus, eröffnete sie am 22. Januar 1906 die erste Flaschenbier-Abteilung der Stadt. Die hellen und die dunklen Biere wurden zunächst in 0,5- und 1,0-Liter Reliefflaschen gefüllt. Brauereieigene Flaschenbier-Etiketten kamen später.


Hinweis in der Zeitung

Und um ihre Kneiper zu besänftigen, erschien den Tageszeitungen der Hinweis: "Gefl. Bestelllungen bitten wir an unsere Herren Wirte zu richten." Leere Versprechungen! Denn es dauerte nicht lange, dann wurden von der Kulmbacher Großbrauerei und an den Wirten vorbei, die ersten Flaschenbierhandlungen errichtet. Meistens dort, wo die "Erste Kulmbacher" nicht selbst in einem Wirtshaus präsent war. In Mainleus beispielsweise.
Bereits am 31. März des gleichen Jahres gab Lorenz Seyfferth in der Bayerischen Rundschau bekannt, dass er ein "Flaschenbier-Geschäft" mit Bieren aus der "I. Aktienbrauerei Kulmbach" eröffnet habe.
Jetzt ist es nicht so, dass es nicht schon vor 1906 Kulmbacher Bier in Flaschen gegeben hätte. Aber nicht von den Brauereien. Da gab es in der Bierstadt den "Aeltesten Culmbacher Flaschenbierexport". Beheimatet in der Fischergasse, war er von Hans Pensel und Karl Popp im Jahre 1888 gegründet worden. Sie verschickten "Bestes Culmbacher Exportbier - extra stark eingebraut" in alle Welt und hatten eigene Flaschenbieretiketten, die ersten in Kulmbach.
Aber diese waren stark gewöhnungsbedürftig, stand doch beim 1892 eingetragenen Warenzeichen ein Elefant im Mittelpunkt. Bieruntypisch. Der hatte zudem noch eine Sektflasche im Rüssel, ein Zeichen dafür, dass nach Übersee geliefert wurde. Die 48er Kisten mit stabilen Sektflaschen, natürlich mit Bier gefüllt, erreichten sogar Australien. Für die Verschiffung sorgte der Hamburger Export-Agent Friedr. Ernst Haensel.
Auch die Etiketten der Bierflaschen, die mit "Culmbacher" Hamburg oder Bremen verließen, waren nicht minder skurril. Die dortigen "Dispositeure" bezogen Bier aus Kulmbach in großen Transportfässern, füllten selbst ab und hatten keine kleinstädtische Kulmbacher Bierromantik im Sinn, als sie sich dafür Etiketten entwerfen ließen. Deren Labels sollten Weltoffenheit verkörpern, und so waren bieruntypische Wesen wie Pfauen, Ibisse oder andere Fabeltiere zwischen Palmen abgebildet. Eine Abstimmung mit den Kulmbacher Brauereien war nicht erfolgt. Das war schon am Anfang der 1890er Jahre und weit bevor sich die Kulmbacher mit Flaschenbier beschäftigt hatten.
Erst rund sechs Jahre nach der "Ersten Kulmbacher" wurde auch bei der Reichelbräu ein "Flaschenkeller" installiert. Nachfragen aus den Ferngebieten hatten dies nötig gemacht. Bald hatte auch die Reliefflasche ausgedient und für die nun eingesetzte Bügelverschlussflasche gab es nun endlich auch die entsprechenden Etiketten.
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