Herzogenaurach

Schaeffler-Familie wird kleiner

"Wir sind Schaeffler" war das Motto der größten Kundgebung im Jahr 2009, die der Stammsitz je gesehen hat. Zehn Jahre später gibt es Änderungen bei Firmentöchtern, die nicht mehr so in die Familie passen.
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Der Schaeffler Standort in Hamm gehört seit dem ersten Juli nicht mehr zur Schaeffler-Familie. Wenn auch Geschäftsbeziehungen erhalten bleiben. Man sieht sogar Potenzial, den Standort insbesondere im Industriegeschäft wachsen zu lassen. Foto: Presseabteilung Schaeffler
Der Schaeffler Standort in Hamm gehört seit dem ersten Juli nicht mehr zur Schaeffler-Familie. Wenn auch Geschäftsbeziehungen erhalten bleiben. Man sieht sogar Potenzial, den Standort insbesondere im Industriegeschäft wachsen zu lassen. Foto: Presseabteilung Schaeffler

Michael Busch Race heißt ein Programm bei Schaeffler, das an unterschiedlichen Standorten des Unternehmens in der Republik für Aufregung sorgt. "Race", das an das englische Wort für Rennen erinnern mag. Tatsächlich steht es aber für "Regroup Automotive for higher Margin and Capital Efficiency" - es geht um die nachhaltige Steigerung der Effizienz und die Optimierung des Portfolios der Sparte Automotive OEM. Das übergeordnete Ziel von Race ist es daher, in den nächsten drei bis vier Jahren, das Margenniveau nachhaltig zu verbessern und zukünftig eine Ergebnismarge im hohen einstelligen Prozentbereich zu erwirtschaften, so teilte das Unternehmen nach der Jahrespressekonferenz im März 2019 mit.

Arbeitsplätze bleiben erhalten

Beide Seiten streben sozialverträgliche Lösungen ohne betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen an, lautete die Mitteilung des Unternehmens zur Zusammenarbeit mit den zuständigen Betriebsräten.

Klaus Rosenfeld, Vorsitzender des Vorstands der Schaeffler AG, sagte: "Im Fokus stehen Effizienzsteigerung und Portfoliooptimierung. Wir werden das Programm mit aller Konsequenz umsetzen und uns so neue Wachstumschancen erschließen. Dabei setzen wir vor allem auf unsere technologische Kompetenz und unsere Innovationskraft."

Nun gab der global tätige Konzern in einer Pressemitteilung bekannt, dass am vergangenen Freitag ein Vertrag unterzeichnet wurde, nach dem das Führungsteam mit sofortiger Wirkung zum neuen Eigentümer der Gesellschaft wird. Die 110 Arbeitsplätze am Standort bleiben durch das sogenannte Management-Buy-out (MBO) erhalten. Über den Kaufpreis wurde zwischen beiden beteiligten Parteien allerdings Stillschweigen vereinbart. Die neue Gesellschaft wird als Inno Friction GmbH firmieren.

Für die Mitarbeiter in Hamm war der Start am 1. Juli allerdings keine große Überraschung. Bereits am 7. Juni fand in Hamm eine Informationsveranstaltung des Betriebsrates statt. Der Betriebsratsvorsitzende Rüdiger Schnitzler informierte auch über das geplante Buy-out. Die Fragen der Mitarbeiter gingen um die Veränderungen, nachdem die Schaeffler Friction Hamm aus dem Konzern ausscheidet. "Dies wird voraussichtlich zum 1. Juli 2019 geschehen", teilten die Arbeitnehmervertreter mit.

Die Interessenvertretung war sich weiterhin einig, dass die Zukunft des neuen Unternehmens nur gemeinsam durch Vertreter der Arbeitnehmer in Zusammenarbeit mit der IG-Metall und der Arbeitgeberseite gestaltet werden könne. Lukrative Industriearbeitsplätze könnten so in der Region verbleiben beziehungsweise neu geschaffen werden und zukünftigen Generationen eine Perspektive geboten werden.

Ruhe tritt nicht überall ein

Mit diesem Verkauf scheint Ruhe auch bei der Mutter in Herzogenaurach eingetreten zu sein, doch es sind nicht nur positive Entwicklungen, die aus dem Hause Schaeffler vernehmen zu sind. Denn an anderen Standorten schaut die Belegschaft eher skeptisch nach Mittelfranken. Da ist zum Beispiel das Werk in Unna. Dem droht die Schließung seit März. Zu einer Beauftragung des Info-Institutes, das die vorgegebnen Zahlen des Konzerns überprüfen soll, erklärte André Keuthan, Betriebsratsvorsitzender: "Bisher liegt uns noch nicht die abschließende Bewertung des Instituts vor, doch wir erwarten sie für die nächsten Wochen. Dann werden wir auf den Arbeitgeber zugehen und mit ihm über die Zukunft des Standorts sowie der drei weiteren bedrohten Standorte Hamm, Kaltennordheim und Steinhagen verhandeln. Auch dort wurde das INFO-Institut mit einer kritischen Prüfung beauftragt."

An den weiteren genannten Standorten sind die Mitarbeiter ebenfalls gespannt, wie sich Schaeffler verhält. So soll in Steinhagen eine weitere Betriebsversammlung in der kommenden Woche für mehr Klarheit sorgen, "mit dann hoffentlich mehr Informationen seitens des Arbeitgebers", so der Betriebsratsvorsitzende Jörg Schütze.

Die Hammer Lösung ist aus Sicht des Unternehmens eine gute Lösung. Matthias Zink, Vorstandsmitglied Schaeffler, sagt: "Der Verkauf des Werks in Hamm ist ein weiterer wichtiger Schritt zur Umsetzung des Programms Race. Wir haben mehrere Optionen für die Zukunft des Standortes geprüft und freuen uns, dass wir mit der nun gefundenen Lösung den für alle Beteiligten bestmöglichen Weg genommen haben. Das Unternehmen kann außerhalb der Schaeffler Gruppe deutlich agiler und fokussierter vorgehen. Zugleich erlaubt uns der Schritt, uns weiter verstärkt auf die Zukunftsbereiche E-Mobilität und autonomes Fahren zu konzentrieren." Und in Richtung Belegschaft äußert er: "Mit der Lösung für Hamm demonstrieren wir zugleich, dass wir im Rahmen der Umsetzung des Programms Race Standortschließungen so weit wie möglich vermeiden wollen und vorher alle anderen Optionen intensiv prüfen werden."

Alex Lüdeke, Leiter Wirtschafts- und Finanzkommunikation stellt insgesamt sicher: "Es gibt keinerlei direkte Auswirkungen auf den Standort Herzogenaurach." Ein Verbleib des Standorts in Hamm passe nicht mehr zur Strategie von Schaeffler. "Das Industriegeschäft am Standort ist für Schaeffler auf Dauer zu kleinteilig und kann von einer kleineren und unabhängigen Einheit besser betrieben werden. Mit dem Verkauf an das Management ist Schaeffler nicht mehr für das Werk in Hamm zuständig und kann dort folglich auch nicht in Entscheidungen eingreifen."

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