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LKR Coburg

Sauer wegen "Bauernmilliarde"

Geld, wie die von der Regierung angekündigte Milliarde Euro, löst das Problem der Bauern mit der Agrarpolitik nicht, sagen die Praktiker vor Ort und erklären, warum das so ist.
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Der Güllewagen zur Ausbringung mit Schleppschläuchen, ist eine gewaltige Investition. Für viele Höfe ist er aber schon von den Abmessungen zu groß - dort muss die Gülle mit extra Wagen zum Schlauchwagen aufs Feld gefahren werden. Foto: Rainer Lutz
Der Güllewagen zur Ausbringung mit Schleppschläuchen, ist eine gewaltige Investition. Für viele Höfe ist er aber schon von den Abmessungen zu groß - dort muss die Gülle mit extra Wagen zum Schlauchwagen aufs Feld gefahren werden. Foto: Rainer Lutz

Die Regierung in Berlin beschließt als Reaktion auf die Proteste der Landwirte eine "Bauernmilliarde". Abgekühlt haben sich die Gemüter deswegen nicht. Im Gegenteil, die Folge waren am Donnerstag spontane Flashmobs und ein erneuter Aufschrei der Betroffenen. "Es geht uns nicht um Geld, sondern um eine fachliche Lösung der Probleme", betont Coburgs Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, Martin Flohrschütz.

Wo die Landwirte das fachliche Problem sehen, versucht Flohrschütz zusammen mit Holger Heilingloh auf dessen Hof in Großwalbur verständlich zu machen. Es geht um die viel zitierten "roten Gebiete" und um das, was die Bauern daran stört. Wenn Hans Rebelein, der Geschäftsführer des BBV in Coburg, das Problem erklärt, wird es kompliziert. Erst recht, wenn Wolfgang Schultheiß das tut, der für seine Berufskollegen die Nitratuntersuchungen in der Region durchführt und betreut. In Berlin, so erscheint es den Bauern, glaubt offenbar jeder genau zu wissen, was es mit dem Nitrat, dem Stickstoff, im Boden auf sich hat. Was dann aber von der Großen Koalition beschlossen wird, lässt die Praktiker auf ihren Höfen an der Sachkenntnis zweifeln - und an den Entscheidungen verzweifeln.

Eines der Kernthemen: Die "roten Gebiete". Gemeint sind Regionen, in denen besonders strenge Regelungen zur Ausbringung von Stickstoff greifen sollen. "Die Gebiete beziehen sich immer auf einen Grundwasserkörper", erklärt Hans Rebelein. Für diesen gibt es Messstellen des Wasserwirtschaftsamtes. Liegt der gemessene Wert an einer der Stellen über 50 Milligramm Nitrat je Liter, dann wird das Gebiet rot.

Eine für alle

Für das Coburger Land liegt eine der Messstellen auf Gebiet der Stadt Neustadt. Hier wird der Wert überschritten. Es gibt drei weitere Messstellen für den Landkreis. Dort sind die Werte in Ordnung. Trotzdem wird das gesamte Gebiet rot. Die strengen Regelungen treffen also auch Holger Heilingloh in Großwalbur - in einer ganz anderen Ecke des Landkreises.

"Außerdem gibt es Messstellen, bei denen die Landwirtschaft nicht der alleinige Verursacher ist", sagt Hans Rebelein. Er denkt dabei an Rattelsdorf. Dort wird gerade ein Gebiet von Munition aus dem Zweiten Weltkrieg befreit. In die Aushubstellen werde Kompost verfüllt - was den Nitratwert in einer nahe gelegenen Messstelle nach oben treibt. Trotzdem bekommen die Bauern entsprechende Auflagen. Für Hans Rebelein steht fest: "Wir brauchen mehr Messstellen. Die vorhandenen Messstellen müssen überprüft werden, und die Grundlage für ein rotes Gebiet darf nicht nur eine Messstelle sein."

Zahl der Tiere nur ein Faktor

Ein Zusammenhang zwischen Tierhaltung und Nitratbelastung liegt nahe - schließlich wird die Gülle als Hauptursache ausgemacht. Demnach sollte also die Nitratbelastung in Südbayern hoch sein. Im Berchtesgadener Land werden 1,54 Großvieheinheiten je Hektar gehalten. Im Landkreis Rosenheim sind es sogar 1,73, im Unterallgäu 1,63. Im Coburger Land liegt der Wert bei 0,74 Großvieheinheiten je Hektar in allen Nachbarlandkreisen noch darunter. Trotzdem zeigt die Karte für Südbayern praktisch nur grüne Gebiete. "Die haben dort ein Vielfaches unserer Niederschläge. Dadurch wird der Nitratgehalt einfach verdünnt", erklärt Hans Rebelein.

Region doppeltt belastet

Das Coburger Land werde also erst durch Dürre strapaziert, die die Erträge mindert, und dann durch die verschärfte Düngeverordnung getroffen, die zu weiteren Ertragseinbußen führt. Rechnet man alles zusammen, reden Bauern bei einem Betrieb mit 100 Hektar über Ertragsminderung von 30 000 Euro.

Was die neuen Bestimmungen für einen Landwirt konkret bedeuten können, erklärt Holger Heilingloh anhand seines Betriebes, auf dem er etwa 100 Hektar bewirtschaftet. "2010 habe ich eine neue Güllegrube gebaut, um für eine längere Zeit Stauraum zu haben. Und jetzt? Soll ich für 100 000 Euro noch eine bauen? Ich bin 55. Einen Hofnachfolger habe ich nicht. So eine Investition, wenn ich in zehn Jahren sowieso aufhöre?" Er schüttelt den Kopf.

Dabei musste er schon jetzt investieren. Ab dem kommenden Jahr darf Gülle auf Feldern nur noch mit Schleppschläuchen ausgebracht werden. 2025 soll das auch für Grünland gelten. So ein Güllewagen mit Schläuchen zur bodennahen Ausbringung kostet 150 000 Euro. Ein Schlepper, der stark genug ist, das Monster mit 15 Kubikmetern Fassungsvermögen zu ziehen, kommt mit 200 000 Euro dazu - auch wenn der natürlich nicht nur den Güllewagen zieht. Die Anschaffung hat er mit einem anderen Betrieb zusammen geschultert.

Ärgerliche "Bauernmilliarde"

Was ihn ärgert, ist die offensichtliche Missachtung von etwas, das in der landwirtschaftlichen Ausbildung als die "gute fachliche Praxis" bezeichnet wird. "Wir wollen doch aktive Böden, mit gesundem Bodenleben und Humusanteil", sagt er. Durch die immer enger gewordenen Zeiträume, in denen Gülle noch ausgebracht werden darf, bündelt sich aber die Menge, die in kurzer Zeit auf die Flächen muss. Die Verschärfung mache das Zeitfenster noch kleiner. "Dann kannst du nicht einmal mehr aufs Wetter Rücksicht nehmen", sagt Hans Rebelein.

Gemeinsam machen Verbandsvertreter und Praktiker deutlich: Mit der Ankündigung einer auf vier Jahre verteilten "Bauernmilliarde" werden sie ganz sicher nicht zufrieden sein. Im Gegenteil, ihre Bereitschaft, auf die Straße zu gehen, ist noch gewachsen. Sie bangen ernsthaft um die Zukunft ihrer Höfe.

"Schon lange gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft und der Wasserwirtschaft, wenn es um Wasserschutzgebiete geht", erklärt Wolfgang Schultheiß. Auf der Basis der Messwerte in den Böden wird mit den Bauern abgeklärt, was sie ausbringen dürfen und wie viel davon. Dafür, dass sie dann nicht den optimalen Ertrag erwirtschaften können, erhalten sie Ausgleichszahlungen. Ein System, das nach seiner Einschätzung besser funktioniert, als das jetzt neu aufgelegte Konzept für die roten Gebiete.