Bayreuth
Musikinstrument

Richard Wagner und die überirdisch fremdartigen Klänge der Gralsglocke

Stephan Herbert Fuchs Es ist das wahrscheinlich kurioseste Musikinstrument der Welt: ein Klavier, das nur vier Töne (C, G, A und E) spielt und das Richard Wagner persönlich erfunden hat. Gebaut hat es...
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Udo und Cordelia Schmidt-Steingraeber zeigen einen spielbereiten Nachbau der Gralsglocken, der im Pianohaus in Bayreuth ausgestellt wird.  Foto: Stephan Herbert Fuchs
Udo und Cordelia Schmidt-Steingraeber zeigen einen spielbereiten Nachbau der Gralsglocken, der im Pianohaus in Bayreuth ausgestellt wird. Foto: Stephan Herbert Fuchs

Stephan Herbert Fuchs Es ist das wahrscheinlich kurioseste Musikinstrument der Welt: ein Klavier, das nur vier Töne (C, G, A und E) spielt und das Richard Wagner persönlich erfunden hat.

Gebaut hat es 1882 die Klaviermanufaktur Steingraeber in Bayreuth. Bei einer Veranstaltung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth berichtete jetzt Firmenchef Udo Schmidt-Steingraeber über die überirdisch fremdartigen Klänge.

Im Gegensatz zu anderen Komponisten hatte sich Richard Wagner spezielle Klänge ausgedacht und dann erst jemanden gesucht, der diese realisieren konnt. So gibt es Wagner-Tuben, Lohengrin-Trompeten, das Nibelungen-Schlagwerk und eben die Gralsglocken, die das Leitmotiv für den Gralstempel im Parsifal bilden.

Es spielt im tiefsten Bass und soll dem Zuhörer mit einem heiligen Schauer anrühren - gewaltig, glockengleich und eben nahezu unerreichbar tief.

Eine echte Glocke müsste 260 Tonnen schwer sein und benötigte einen Durchmesser von sieben Metern, um den gleichen Effekt wie das Gralsglockenklavier zu erreichen, so Udo Schmidt-Steingraeber. Sein Vorfahre Eduard Steingraeber sei es gewesen, der zur Uraufführung 1882 in Bayreuth das allererste Gralsglockenklavier realisierte.

Von der dritten Etage herab

Eine 260 Tonnen schwere Glocke gibt es natürlich nicht. Als tiefste klingende Glocke der Welt gilt die "Pummerin" im Wiener Stephansdom, immerhin 23 Tonnen schwer und mit einem Durchmesser von 3,20 Metern. Die Zarenglocke, die im Kreml in Moskau ausgestellt ist, ist mit einer Höhe von 6,14 Metern und einem Gewicht von über 200 Tonnen zwar ungleich größer und schwerer, doch ist sie beim Herausholen aus der Form zerbrochen und kann deshalb nicht erklingen.

Das Steingraeber-Gralsglockenklavier ist bis 1981 im Festspielhaus gespielt worden, zuletzt in Wolfgang Wagners erster Parsifal-Inszenierung unter dem Dirigat von Horst Stein - und zwar vom Aufnahmeraum aus der dritten Etage der Ostseite aus. "Das Gralsmotiv im ersten und im dritten Akt des Parsifals soll dem Zuhörer etwas gewaltiges und auch gewaltbereites vermitteln, etwas noch nie gehörtes", erklärte Udo Schmidt-Steingraeber und verwies darauf, dass die Gralsglocken etwa 20 Töne tiefer liegen als die "Pummerin" in Wien.

Das ursprüngliche Gralsglockenklavier aus dem Hause Steingaeber setzte sich aus stark überspannten, 220 Zentimeter langen Saiten zusammen, die von vier jeweils acht Zentimeter breiten Hämmern angeschlagen wurden. Die Tasten hatten eine Breite von sieben Zentimetern.

Heute steht das original Gralsglockenklavier im Festspielhaus. Einen Nachbau bewahrt die Familie eines ehemaligen Festspielmusikers in Stuttgart auf und bringt ihn auch hin und wieder in öffentlichen Konzerten zum Klingen. Die Gralsglocken der heutigen Parsifal-Aufführungen werden größtenteils elektronisch erzeugt.

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