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Kulmbach

Reise ins Orgel-Paradies

Mit einem wunderbar farbigen Abschiedskonzert als Solist machte Ingo Hahn die Facetten der musikalischen Landschaft im deutschsprachigen Raum hörbar.
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Ingo Hahn bei seinem letzten Solokonzert an der großen Rieger-Orgel in der Petrikirche  Foto: Margret Schoberth
Ingo Hahn bei seinem letzten Solokonzert an der großen Rieger-Orgel in der Petrikirche Foto: Margret Schoberth

Margret Schoberth Heiter und ungezwungen begrüßt Ingo Hahn die Zuhörer am Sonntagabend zu seinem letzten offiziellen Solo-Orgelkonzert in der Petrikirche. Mit dem Abschied vom Kulmbacher Publikum sagt er auch "seiner" Orgel Adieu.

Ingo Hahn blickt zurück: Vor 19 Jahren habe die Petri-Gemeinde die große Rieger-Orgel bekommen, dank vieler Bemühungen und nach langen Diskussionen, erinnert er sich. Sein besonderer Dank gilt Hans Albert Ruckdeschel und seiner Gattin. Ihre Hilfe sei zu dem Zeitpunkt gekommen, als der Petri-Kantor den Kampf schon aufgeben wollte.

Spielerische Leichtigkeit

Ingo Hahns Abschiedskonzert ist von spielerischer Leichtigkeit. In den 75 Minuten scheinen Organist und Orgel eine Symbiose einzugehen. "Stücke, die Ihnen und mir Spaß machen", hat Ingo Hahn angekündigt. Auch was Spaß macht, setzt disziplinierte Arbeit voraus.

Zur Freude des Publikums blitzt im virtuosen Spiel glücklicher Stolz auf das Instrument auf, das wie lebendig atmet und alles mitmacht, was der Organist ihm abverlangt. Umgekehrt lädt die Orgel mit ihren wunderbaren Möglichkeiten den Mann davor zum lustvollen Experimentieren ein. Eine Hommage an Johann Sebastian Bach, den "Urkantor", wird am Ende der Höhepunkt des Konzerts sein. Bachs Werk ist der höchste Maßstab für Komponisten und Spieler der Orgel. Deswegen kann das Ziel der musikalischen Reise nur Leipzig sein, die Thomaskirche, an der Bach gewirkt hat.

Mit dem Präludium und der Fuge h-moll, BWV 554, pocht Ingo Hahn an die Tore des Orgel-Himmels. Bachs Spätwerk gilt als vollkommen. An den Organisten stellt es höchste Ansprüche.

Zunächst reisen die Höre musikalisch an die Waterkant. Mit einer schwungvollen Toccata in C stellt Ingo Hahn den etwa gleichaltrigen Komponisten Andreas Willscher (geboren 1955) vor, einen Hamburger mit böhmischen Wurzeln. Das Orgelstück atmet wie ein Schifferklavier. Unüberhörbar hat Willscher eine berühmte Toccata des Pariser Organisten Charles-Marie Widor an den Elbhafen übertragen.

Später werden ein Foxtrott nach Tschaikowskys Schwanensee und ein Blues auf der Orgel das Publikum mitreißen. Fast wäre applaudiert worden wie im Jazz-Konzert, doch die Wohlerzogenheit in der kirchlichen Umgebung bremst die spontane Reaktion. Geklatscht wird ganz am Ende, lang und stehend.

Auf den nicht mal 150 Kilometern von Sankt Pauli nach Husum in Ostfriesland versetzen die Stücke das Petri-Publikum zurück ins Barock. Von Nicolaus Bruhns (1665 - 1697) aus Kopenhagen ist das Praeludium in g. Die Ausdrucksstärke des Orgelwerks ist bezwingend: fantastische Figuren, schnelle Elemente italienischen Stils, werden von der streng gemessenen Fuge immer wieder gebändigt und schnellen erneut befreit hervor. Ingo Hahn hat in einem Urlaub die kleinen Orgeln um Husum erkundet, so erzählt er, und die Aufführungspraxis in der Region erschlossen.

Musikalisches Wunderkind

Die sprichwörtliche Klarheit der Hanseaten prägt die Norddeutsche Orgelschule. Dietrich Buxtehude (1637 - 1707) ist ihr bedeutendster Vertreter. Die Toccata in d, BuxWV 155, hat Drive; ziemlich vertrackt ist der Rhythmus in der Melodie, die aber von kontrastierenden Tiefen aufgenommen, gefasst und weitergeführt wird.

In einem niedersächsischen Orgelmuseum hat Ingo Hahn das Allegro in F-Dur des Österreichers Joseph Alois Holzmann (1762 - 1815) gehört, der als musikalisches Wunderkind galt. Mit dem Abstecher in seine Heimat Hall in Tirol erreicht die Orgelreise ihren südlichsten Punkt. Herzerfrischend volkstümlich und doch kunstvoll, man stellt sich einen jungen Mozart vor, geht das Allegro F-Dur ins Herz und ins Tanzbein.

Das Konzert wird von einer Rede unterbrochen. Hans Albert Ruckdeschel erhebt sich zu einer Würdigung des Petri-Kantors. Er nennt Hahn einen "Organisten mit Herz und Verstand" sowie einer "angeborenen oder entwickelten Virtuosität". Er hoffe, "dass er uns als Gastspieler immer wieder erfreuen wird", schließt der Ehrenbürger.

Immer wieder stellt Ingo Hahn Musiker vor, die sich zu ihrem künstlerischen Vorwärtskommen aus der Enge der Brotgeber lösen mussten. So auch Valentin Rathgeber (1662 - 1750). Der Benediktinerregel und dem Willen seines Abtes zum Trotz verschwand der Mönch und Priester für etliche Jahre aus Kloster Banz, um die musikalische Welt zu erkunden.

Spenden für Flutopfer

Sein Concerto F-Dur lässt vor dem inneren Auge den Obermain im heiteren Gottesgarten zwischen Vierzehnheiligen und Banz erstehen. Bevor das Konzert mit Bachs Präludium und Fuge h-moll sein vollkommenes Ziel erreicht, macht Ingo Hahn noch an der heutigen A 9 in Lobenstein halt. Georg Andreas Sorge hat dort im 18. Jahrhundert als Hof- und Stadtorganist gewirkt. Die Orgel lässt die Melodie ausströmen, während die Bässe sanft rauschen.

Die Spenden kommen den Opfern der Flutkatastrophe in Mosambik zugute.