Ebern
Unser Thema der Woche // Genuss

Rauchen ist eine (Genuss-)Kunst

Auf dem Land blüht so manche seltene Blüte: Der Pfeifenclub Jesserndorf ist solch eine Seltenheit. Eine andere Genusskunst hat vergangenes Jahr aufgehört zu existieren: die der Schnupferfreunde Reutersbrunn.
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Kilian Lurz (links) und Uwe Grader demonstrieren Pfeifenrauchen. Während es bei Lurz schon qualmt, stopft Grader noch seine Pfeife.  Fotos: hw
Kilian Lurz (links) und Uwe Grader demonstrieren Pfeifenrauchen. Während es bei Lurz schon qualmt, stopft Grader noch seine Pfeife. Fotos: hw
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Genuss durch Nase und Mund, das ist beides der Fall beim Schnupftabakschnupfen und beim kunstvollen Pfeifenrauchen. Für beides gab und gibt es Vereine im Landkreis Haßberge: Die Schnupferfreunde Reutersbrunn wurden gerade einmal 50 Jahre jung und lösten sich im letzten Jahr auf. Den Pfeifenclub Jesserndorf gibt es sehr wohl noch. Hier pflegt man die Kunst, eine Pfeife mit einer bestimmten Menge Tabak so lange wie möglich am Glimmen zu halten.

Einige Vereine gibt es in Jesserndorf, die das gute gesellschaftliche Leben im Dorf gedeihen lassen. Einer ist der Pfeifenclub, 1971 gegründet mit damals bald 160 Mitgliedern. Bis heute ist dieser Genuss-Verein mit 147 Mitgliedern der größte Verein in dem Eberner Stadtteil. Gründungsvorsitzender war für einige wenige Monate Konrad Steinmetz. Im Hof von Kilian Lurz sind er und Uwe Grader dabei, sich eine Pfeife zu stopfen, um sie dann anzuzünden. Schnell steigt der graue Dunst in den Abendhimmel. Grader ist der Erste und Lurz der Zweite Vorsitzende des Pfeifenclubs. "Hintergrund der Vereinsgründung war vor allem, die Geselligkeit zu pflegen", erinnert sich Kilian Lurz, der sechs Jahre Vorsitzender war.Er ist schon länger beim Verein als der derzeitige Vorsitzende Uwe Grader, der seit drei Jahren "am Ruder" ist. "Unsere Veranstaltungen wie Preisschafkopf, Vatertagswanderung, Johannisfeuer, Tag der Frau und das Familienfest kommen immer sehr gut an", ergänzt Grader. Im Verein treffen sich alle Altersklassen zwischen 16 und 80 Jahren. Teilgenommen haben die Jesserndorfer Pfeifenraucher schon an mehreren überregionalen Meisterschaften wie der Süddeutschen, Deutschen und der Europameisterschaft. "Das sind immer wieder willkommene Herausforderungen", sagt Uwe Grader.

Es gibt Wettkampfregeln

Geraucht wird nach Regeln. Kilian erklärt: "Das Mindestalter beträgt 18 Jahre. Mit exakt drei Gramm Tabak werden die Teilnehmer vom Veranstalter ausgestattet, jeder erhält die gleiche Sorte. Auch gibt es zu Beginn für jeden Teilnehmer eine identische Pfeife vom Veranstalter, die so genannte Wettkampfpfeife, und einen Tabakstopfer aus Holz, damit die Pfeife mit dem Tabak gestopft werden kann. Dazu gibt es zwei Streichhölzer und eine Zündholzschachtel. Pfeifen werden nur mit Streichhölzern angezündet", sagt Kilian Lurz. Nach Kommando des Oberschiedsrichters haben alle Teilnehmer fünf Minuten, um ihre Pfeifen zu stopfen. Mit einem "Feuer frei" zünden die Teilnehmer ihre Pfeifen an, die innerhalb einer Minute qualmen müssen. Nach den Worten von Vorsitzendem Uwe Grader gibt es noch weitere Vorschriften, die bei einem Wettbewerb zu beachten sind. Er sagt: "Sieger ist, dessen Pfeife am Längsten raucht." Unter den Besten sind Gertrud Barthelmann, Irene Mock und Michaela Huppmann bei den Damen und Walter Barthelmann, Karlheinz Mock und Kilian Lurz. Und auch heuer fahren die Jesserndorfer wieder zur Deutschen Meisterschaft nach Köln und auch zur Süddeutschen.

Meisterschaften in Jesserndorf

Die beiden Vorsitzenden freuen sich schon darauf, dass 2020 die Süddeutsche Meisterschaft und im Jahr 2022 die Deutsche Meisterschaft in Jesserndorf laufen. "Wir haben auch auswärtige Mitglieder aus Hamburg und dem Ruhrgebiet", sagt Kilian Lurz. Hat der Pfeifenclub in Jesserndorf Zukunft? "Was die Geselligkeit betrifft, ganz bestimmt, aber das Rauchen lässt nach", sagen Grader und Lurz unisono. Die Clubmeisterschaft soll aber auch künftig durchgeführt werden. Derzeit sind Mario Limpert und Gertrud Barthelmann die Clubmeister.

Im nicht weit entfernten Eberner Stadtteil Reutersbrunn feierte erst vor einem Jahr am 5. August der Schnupferverein 50-jähriges Bestehen. Frank Buschbeck war Vorsitzender des Vereins, der sich im 51. Jahr seines Bestehens auflöste. Der Rückblick wurde beim Jubiläum quasi als "Talkshow" gestaltet, wo vor allem Alfred Walz, der 42 Jahre an der Spitze stand, als "Quizkandidat" und "lebende Chronik" Rede und Antwort stand. 18 Personen gründeten den Verein 1968, der beim Jubiläum 2018 genau 145 Mitglieder zählte und der einzige Schnupferverein im Landkreis Haßberge war, dessen Mitglieder sich den Schnupftabak mit Genuss in die Nase zogen. "Zur Gründung kam es aus einer Bierlaune heraus, als die damals älteren Mitbürger uns Jüngere aufforderten, einen Schnupferverein zu gründen", sagte Walz. Für ihn ist Schnupfen definitiv ein Genuss und er zelebrierte es mit den Vereinskollegen bei vielen Gelegenheiten. Ein ganz besonderes Glanzlicht erlebten die Schnupfer außerdem. Wie im Paradies wähnten sie sich bei einem Besuch in der Tabakwarenfirma Pöschl. "Da habe ich rein zufällig den Seniorchef Walter Pöschl getroffen, der sich mit mir unterhalten hat. Wir konnten dort so viel schnupfen, wie wir wollten, alle Sorten ausprobieren", erinnerte sich Walz.

So manche Prise hatten sich die Schnupfer in den 50 Jahre wohl in die Nase gezogen, doch das Hobby überdauerte die Zeitläufe nicht: Bei der Jahresversammlung 2019 ließ sich kein Vorstand bilden, neue Mitglieder gab es kaum. So brachten sich die Schnupfer in die Dorfgemeinschaft ein. Es zeigt sich: Die "Genussgifte", zu denen der Tabak gehört, sind heute nicht mehr so "in" wie einst.

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