Kösten

Quo vadis, Milchpreis?

Landwirtschaft  Die Milchquote hat über 30 Jahre festgelegt, wie viel ein Bauer erzeugen darf. Ab April zählt nur noch der freie Markt, die Quotenregelung wird abgeschafft. Nicht allen gefällt das.
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Im April nächsten Jahres läuft sie aus, die Milchquotenregelung. Was dann passiert, darüber können der Köstener Bauer Norbert Hofmann und Kreisobmann Michael Bienlein (kniend) nur spekulieren. Sicher ist nur: Hofmann hätte die Quote gerne behalten.  Foto: Anja Greiner
Im April nächsten Jahres läuft sie aus, die Milchquotenregelung. Was dann passiert, darüber können der Köstener Bauer Norbert Hofmann und Kreisobmann Michael Bienlein (kniend) nur spekulieren. Sicher ist nur: Hofmann hätte die Quote gerne behalten. Foto: Anja Greiner
von unserem Redaktionsmitglied Anja Greiner

Kösten — Als die Milchquote, also das Recht, ein Kilo Milch zu liefern, eingeführt wurde, hatte Norbert Hofmann 20 Kühe. Heute, 30 Jahre später, hat Hofmann 68 Kühe, und Quoten im Wert von 100 000 Euro gekauft.
Wenn die Regelung im April nächsten Jahr ausläuft, dann, sagt er, ist das Geld das wir ausgegeben haben wertlos.
Die 500 000 Kilogramm Milch (1 Liter Milch entspricht 1,03 Kilogramm), die seine Kühe produzieren, dafür hat Hofmann Quoten, die kann er absetzten. Eigentlich zu wenig, sagt er. 600 000 Kilo könnte er liefern. Insgesamt 6000 Euro Strafe hat der Köstener Landwirt in den letzten 30 Jahren bezahlt, weil er mehr produziert hatte, als die Quote ihm erlaubte. Die fehlende Flexibilität, die sei das größte Problem an der Regelung. "Die Kühe produzieren, egal ob der Markt das will oder nicht", sagt er, dann geht Hofmann den Gang entlang, vorbei an den Kühen, dem Heu auf dem Boden zum Melkroboter. Hinter der Melkanlage legt sich die trächtige Kuh in ihren abgetrennten Bereich. In ein paar Tagen wird es wohl soweit sein, sagt Hofmann.

Als die Quote an die Börse kam

Als die Milchquote 1984 von der damaligen Europäischen Gemeinschaft eingeführt wurde, sollten die Überschüsse verhindert werden, es war viel von den Butterbergen und Milchseen die Rede. Das verminderte Angebot sollte gleichzeitig den Preis stabilisieren.
In den ersten Jahren konnte sie noch verpachtet oder verleast werden. Seit dem Jahr 2000 erfolgte der Handel nur noch über Börsen. An drei Terminen im Jahr, April, Juli und November, konnten Verkäufer und Käufer ihre Angebote abgeben.
Der Preis, zu dem die meisten bereit waren Quote zu verkaufen und auf der anderen Seite zu kaufen, der sogenannte Gleichgewichtspreis, wurde festgelegt und galt bis zum nächsten Handelstermin. Am 1. November wird ein letztes Mal gehandelt. Im Schnitt lag der Preis für das Recht ein Kilo Milch zu erzeugen, nichts anders besagt die Quote, bei 10 Cent. Norbert Hofmann wird keine Quote mehr kaufen, er reduziert bereits jetzt seine Ausbringungsmenge, damit er dann nicht noch überproduziert. Im vergangenen Jahr lag die Strafe pro überschrittenem Kilo bei 12 Cent.
Norbert Hofmann hätte die Quote trotzdem gern behalten, man hatte sich eben damit abgefunden. Und irgendwie hatte man auch immer gehofft, es würde den Preis doch stabiler halten.
Sieht man sich die letzten Jahre an, sagt Michael Bienlein, Kreisobmann des Bauernverbandes in Lichtenfels, war das nicht der Fall. Das läge zum einen an den immer weiter fallenden Außengrenzen und zum anderen daran, wie der Milchpreis überhaupt zustande kommt.
Bienlein erklärt das so: Der gesamte Weltmarkt entspricht 100 Prozent und es reicht, wenn nur ein Prozent zu viel auf den Markt gelangt - für den gesamten Weltmarkt gesprochen würde die Menge, die Bayern produziert ausreichen - um den gesamten Markt zu beeinflussen. Es sei, sagt Bienlein, ein sehr sensibler Markt, kurz: "Das, was über 100 Prozent ist, entscheidet den Preis".
Wie lange der Preis dann stabil bleibt, liege am Lebensmittelhandel, genauer an Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Kaufland: sie teilen sich 85 Prozent des Lebensmittel-Einzelhandels.
In der Regel halte sich der Preis gut sechs Monate. Ausnahmen inbegriffen: Im Frühjahr sank der Butterpreis innerhalb von drei Wochen um 15 Cent. "Wie Aldi einkauft ist entscheidend", sagt Bienlein und zuckt mit den Schultern. Bessere wäre freilich, die Verbraucher entschieden über den Preis: "Ein Anfang wäre gemacht, wenn der Verbraucher jeden Monat fünf Euro für heimische Produkte ausgibt", sagt Bienlein.

Der Milchpreis wird weiter fallen

Die vergangenen beiden Jahre seien dennoch gut gewesen, sagt Bienlein, im Frühjahr war der Milchpreis noch bei 41 Cent. Jetzt ist er auf 36 gesunken.
Geht es nach den Schätzungen Bienleins, wird er noch weiter fallen, um fünf bis sechs Cent. Dann wäre er nur noch knapp über 30. Hofmann schüttelt den Kopf, er hofft jetzt einfach, dass Bienlein nicht recht behält. Der Preis bräuchte gar nicht bis 30 runter, bei 33 wäre schon die Schmerzgrenze erreicht. Um wirklich leben und auch investieren zu können, müsste der Preis mindestens bei 40 Cent liegen, sagt Hofmann.
Dass es, wenn die Quotenregelung im April ausläuft wieder zu Milchseen oder Butterbergen kommt, hält Bienlein nicht für wahrscheinlich. Vielleicht, sagt er, werde die Menge kurzfristig ansteigen.
Aber, da in der Landwirtschaft auch kurzfristige Sprünge einer längeren Vorlaufzeit bedürfen, müsste bereits jetzt erkennbar mehr Milch produziert werden. Das sei aber nicht der Fall, sagt Bienlein. Überhaupt werde in Europa nur von Frankreich, Holland und Deutschland überproduziert.
Es gibt für Bienlein aber noch einen weiteren, entscheidenden Punkt, warum die Produktion nicht überhand nehmen wird: es fehlt schlicht der Platz. Zu Beginn des landwirtschaftlichen Kreislaufes, wo gut 70 Prozent der gesamten Fläche für Futter verbraucht werden und der Rest den Tieren selbst gehört: Der Durchschnitt im Landkreis liegt bei 1,2 Kühe pro Hektar. Und am Ende der Produktion, wo die Höchstmenge von 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar die Menge an Gülle begrenzt, die ein Landwirt ausbringen darf. Was darüber liegt, muss auf dem Markt abgesetzt werden. Das kostet Zeit und Geld.

Keine großen Sprünge

Die Fläche also, sagt Bienlein, wird der begrenzende Faktor sein. Hofmann hält 1,8 Kühe pro Hektar. Vergrößern könne er sich momentan nicht, dann fehlten die Futterflächen.
Was den Preis für die Milch angeht, der wird sich, sagt Bienlein, dem Weltmarkt unterwerfen. Auf lange Sicht wird es ein ständiges auf und ab geben, kurzfristig, mit dem Ende der Milchquotenregelung, glaubt Bienlein nicht, dass der Preis große Sprünge macht. "Eher wird er vorher schon sinken", sagt Bienlein und Hofmann schüttelt den Kopf, er will es immer noch nicht glauben.
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