Lichtenfels

Polit-Hasen im Demokratie-Frühling

Die immer noch beste aller Gesellschaftsformen wird in mehr und mehr Ländern zu einem "Grauzonenbereich".
Artikel drucken Artikel einbetten
Wusste instruktiv komplexe Zusammenhängen zu erklären: Simon Moritz, Auftaktreferent zum "Demokratischen Frühling". Foto: Markus Häggberg
Wusste instruktiv komplexe Zusammenhängen zu erklären: Simon Moritz, Auftaktreferent zum "Demokratischen Frühling". Foto: Markus Häggberg

Bei der Orts-SPD laufen die Uhren anders. Frühlingsbeginn war bei ihr am 28. Februar. Genauer gesagt: demokratischer Frühling 2019. Die Rede ist von einer vierteiligen Veranstaltungsreihe, die vorgestern ihren Auftakt hatte und Hoffnung wecken könnte, die Demokratie als schützenswertes Gut erfahrbar zu machen. Offen für alle, bei freiem Eintritt und ausgewählten Referenten. So wie der Kulmbacher Simon Moritz.

Nein, Moritz und Moritz haben nichts miteinander zu tun. Simon Moritz ist Diplom-Politologe aus Kulmbach und das Café Moritz leitet seinen Namen vom Vornamen des Betreibers ab. Und so kam Moritz ins Moritz, stieg kurz vor 19.30 Uhr die Treppen in den ersten Stock hoch, wo im Laufe des Abends rund 50 Menschen zusammensaßen, angelockt von der Frage, was in den letzten Jahren mit der Demokratie weltweit und auch in Deutschland geschehen ist.

Demokratie im Niedergang?

Ist die Demokratie im Niedergang begriffen, wie es der Titel des Vortrags als Frage formulierte? Immerhin: "Vor 15 Jahren hätte man sich gefragt, was soll so ein Abend überhaupt?", so Moritz. Vor 15 Jahren wurde die Welt, wenn auch nicht für in Ordnung, so doch immerhin für überschaubarer und sicherer empfunden, in der Annahme, die Demokratie würde den globalen Siegeszug antreten. Heute aber, das verriet der Untertitel des Vortrags, gebe es Gründe, "warum wir (wieder) für unsere Werte kämpfen müssen".

Es war an Moritz, für eine gute Stunde lang interessanten Spuren nachzugehen. Dass er das tat, hatte auch mit einem Einfall Sven Eiseles zu tun. "Politische Bildung sehe ich auch als Aufgabe einer demokratischen Partei an - nicht nur Politik oder Lokalpolitik." Der Lichtenfelser SPDler kennt Moritz persönlich und beobachtet die Vorgänge weltweit und erst recht in Deutschland und im Lokalen. "Da ist es das einfachste, ich treff' mich mal mit ihm persönlich." Bei diesem Treffen kam man zu dem bildungspolitischen Vortrag überein und vor zwei Wochen begann die Bewerbung über Zeitung und Facebook.

Facebook-Generation?

"Um keine Hemmschwelle zu haben", erklärte Eisele gegenüber unserer Zeitung, habe man sich für freien Eintritt entschieden. Doch wo im Raum war die Facebook-Generation? Den allermeisten Besuchern im ersten Stock traute man zu, ohnehin schon politisch, sensibilisiert oder politisch tätig gewesen zu sein. Bei rund der Hälfte wusste man es. Lokalpolitische alte Hasen, angeführt von der jedoch jungen Riege um SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Ralf Schneider, Markus Püls oder Bürgermeister Andreas Hügerich.

Doch wo waren die Twens? Die also, in deren Händen die Zukunft der Demokratie liegt. Ihr Fernbleiben mag ein vorübergehendes gewesen sein, mag sich schon an den nächsten Vorträgen zum Besseren ändern oder daran gelegen haben, dass sie heutzutage über übliche Kanäle schwerer zu erreichen sind. Doch ihr Ausbleiben mochte auch wie der Beweis für die Berechtigung dieses Vortrags wirken. Was den Vortrag Moritz' erfahrenswert machte, waren die vielen Spuren, die er zur Gesamtlage auslegte. Die Putins und Erdogans und Orbans und Trumps würden für sich alle in Anspruch nehmen, demokratisch zu sein. Aber der Begriff sei in die Hände von Leuten gefallen, die damit Auslegungssache betrieben. "Der Begriff ist im Wandel (...), die Vorstellung von dem, was Demokratie ist, hat sich gewandelt auf der Welt."

Immerhin genügten derzeit nur ein Drittel aller Länder weltweit "unserem" Verständnis von Demokratie. Eine weitere Spur erblickte der Politologe, der derzeit an seiner Dissertation zu Russland schreibt, auch in dem Missverständnis, wonach die Begriffe Demokratie und Wirtschaftserfolg in Nachbarschaft gestellt wurden. Diese zwangsläufige Nachbarschaft gibt es nicht. "Ebenso wenig das Bild des Diktators, der noch wie einer aus den 70ern und 80ern auftritt: in Paradeuniform à la Gaddafi."

Zudem habe der Börsencrash von 2008/09 für Verunsicherung gesorgt, das Gefühl, einer unregulierbaren Globalisierung ausgeliefert zu sein. All das habe auch dazu geführt, dass Demokratien in mehr und mehr Ländern zu "Grauzonenbereichen" geworden seien. Erst recht auch durch die Flüchtlingskrise, zu der Simon etablierten deutschen Parteien das Zeugnis ausstellte, über ein Jahr hinweg Versäumnisse zugunsten der AFD begangen zu haben.

Kein Selbstläufer

Als verdächtiges Indiz dafür, dass ein Wandel innerhalb einer demokratischen Gesellschaft stattfindet, führte Moritz zunehmende Kritik an unabhängigen Institutionen, beispielsweise der Justiz oder Wissenschaft, an. Moritz legte noch mehr Spuren aus, tat dies instruktiv und überzeugend. Am Ende bot er auch Fazit und Rat: "Demokratie ist kein Selbstläufer, muss von allen mit Leben gefüllt werden, muss wettbewerbsfähig im Vergleich zu autokratischen Staaten sein."

Was der Veranstaltung nebst der reinen Absicht zur Ehre gereichte, war auch, dass der Referent, selbst SPD-Lokalpolitiker und sogar einstiger Kandidat zur Bundestagswahl, nicht aus parteipolitischem Blickwinkel dozierte. Aber dem baute er eingangs der Veranstaltung ja eigens vor: "Als Akademiker mit dem Anspruch, Phänomene distanziert zu behandeln." Im Anschluss erfolgte eine Fragestunde an den Referenten. So soll es auch bei den folgenden drei Veranstaltungen bis zum Mai am selben Ort zugehen. Fazit: Auftakt gelungen.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren