Bad Kissingen
Lesetipp

Poetischer Blick zum Himmel

Sigismund von Dobschütz War Jesus ein ganz normaler Mann mittleren Alters oder war er Gottes Sohn? In seiner ungewöhnlichen, überaus tiefsinnigen und in der Sprache poetischen Erzählung "Den Himmel fi...
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Sigismund von Dobschütz War Jesus ein ganz normaler Mann mittleren Alters oder war er Gottes Sohn? In seiner ungewöhnlichen, überaus tiefsinnigen und in der Sprache poetischen Erzählung "Den Himmel finden", erschienen im Mai beim List-Verlag, versucht der italienische Schriftsteller Erri de Luca (68) die Antwort zu finden. Auf knapp 200 Seiten lässt uns der Autor seinen Protagonisten, einen namenlosen Bildhauer und Restaurator, seine erstaunliche Geschichte erzählen.

Nach einem Streit mit seinen Freunden, mit denen er hilflosen Flüchtlingen auf Bergpfaden über die Grenze geholfen hatte, verlässt der Erzähler sein Heimatdorf und sucht sich anderenorts Aufträge als Restaurator. Eines Tages erhält er von einem Priester die ungewöhnliche Aufgabe, eine lebensgroße Marmorstatue des gekreuzigten Jesus zu "entkleiden". Der einstige Bildhauer hatte seine Skulptur nach eigenem Körper lebensecht geformt. Später war aber das Geschlechtsteil, die männliche "Natur", wie es in der Erzählung heißt, schamvoll mit Marmor überdeckt worden. Jetzt, nach Jahrzehnten der Verhüllung, soll der Penis des Gekreuzigten wieder freigelegt werden.

Der Restaurator geht der Geschichte dieser Skulptur nach, sichtet alte Dokumente und findet Bilder der nackten Statue. Darauf entdeckt er, dass der Penis des Gekreuzigten leicht erigiert war, wie es in den Minuten vor dem Tod durch Blutstauung natürlich ist. So beschließt der Restaurator, Jesus nicht als theologische "Kultfigur", sondern als leibhaftigen, lebensechten Mann darzustellen. Um seinen Auftrag perfekt ausführen zu können, beschäftigt sich der eher ungläubige Restaurator jetzt intensiv mit dem Gekreuzigten. Er befragt nicht nur den Priester nach Jesus, sondern auch einen Rabbiner und einen Moslem, die Jesus nicht als Gottes Sohn, wohl aber als Propheten kennen und findet dabei zum Urchristentum.

Manche Kritiker von Erri de Luca halten seine Bücher wegen ihrer Bibelnähe für "theologischen Kitsch". Doch er zählt zu den auflagenstärksten Autoren Italiens. Auch sein Kurzroman "Den Himmel finden" beschäftigt sich mit der Bibel und ist wahrlich keine Unterhaltungslektüre. Das Buch wird nicht jedem Leser gefallen. Es kommt auf die eigene Offenheit für theologische Fragen an: Wer sich dafür interessiert, der wird an diesem Roman seine Freude haben - schon allein wegen der poetischen, einfühlsamen Erzählung, wie der namenlose Restaurator während seiner Arbeit die Gefühle und Schmerzen jenes Mannes bei seiner Kreuzigung und dessen Wandel vom Mann zum anbetungswürdigen Heiligen nachzuempfinden versucht.

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