Burgkunstadt

Perspektive? Nein danke!

Bei Ute Haas geht es auch darum, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, zu erleben und zu empfinden.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ute Haas (rechts) verzichtet ganz bewusst, fast schon provozierend, auf perspektivische Stimmigkeiten.  Foto: Mathias H. Walther
Ute Haas (rechts) verzichtet ganz bewusst, fast schon provozierend, auf perspektivische Stimmigkeiten. Foto: Mathias H. Walther

Gerad- oder Zickzackstich? Am Ende vielleicht doch ein elastischer Blindstich, ein Dessousstich bzw. eine Stretch-, Gerad- oder Zickzacknaht? Fachsimpelei über Nähprogramme und die Vorzüge einer Industrie- oder einer Haushaltsnähmaschine.

Während der Vernissage zur Ausstellung "Die Zehnte" in der Produzentengalerie für Gegenwartskunst in Burgkunstadt sahen sich Kunstinteressierte, handarbeitsaffine Frauen mit Faible für Selbstgenähtes klar im Vorteil. Vielen der männlichen Besucher blieb nur staunende Bewunderung für das, was ihnen Michaela Schwarzmann, freischaffende bildende Künstlerin aus Eggolsheim, vorsetzte: Bilder in Papier genäht.

Nicht etwa einfaches, handelsübliches Kopierpapier kommt bei der 1966 geborenen Künstlerin zum Einsatz. Michaela Schwarzmann verwendet industriell gefertigte Transparentpapiere ebenso wie eigenhändig bearbeitete Bögen, denen sie durch den Auftrag von Öl Durchsichtigkeit mit einem ganz besonderen Oberflächenschimmer verleiht. Matthias Liebel, Kunsthistoriker aus Bamberg in seiner Einführungsrede: "Diese Papiere werden mit linearen Zeichnungen versehen, manchmal in Tusche, zuweilen mit Buntstiften oder farbigen Kreiden ausgeführt, oft aber auch - und das ist das Überraschende daran: mit der Nähmaschine."

Michaela Schwarzmann umgarnt den Betrachter mit ihren Werken im wahrsten Sinne des Wortes nach bzw. mit Strich und Faden. Ihre Motive sind im Bereich des Gegenständlichen: Pflanzen, Blüten oder auch "Menschliches", hinzu kommen zu Ornamenten verdichtete Linienbündel sowie kreis- oder spiralförmige Strukturen bis hin zu abstrakten Darstellungen. Immer aber, so Kunsthistoriker Liebel, wirken ihre Arbeiten "unaufdringlich, fragil und zart mit einer ganz eigene Bildästhetik". Die kommt nicht zuletzt durch das einbezogenen Gestaltungselement "Licht" - natürlich durch ein Fenster oder künstlich durch hinter dem Bild angebrachte Strahler - zur Geltung. "Von einer sehr eigenen Ästhetik", so Matthias Liebel, "sind auch die Gemälde von Ute Haas, die auf einen harmonischen Ausgleich des szenischen Ganzen und seiner formfarblichen Dispositionen ausgerichtet sind."

Aus der Fantasie heraus gemalt

Die 1967 in Landshut geborene Künstlerin ist seit 2017 als bildende Künstlerin "freischaffend" tätig. Dabei befasst sie sich gelegentlich mit kleinformatigen Zeichnungen und Collagen auf Papier, überwiegend jedoch mit Acrylmalerei in Mischtechnik auf Holzplatten oder auf Leinwand. Ihr geht es nicht um das naturgetreue Erfassen irgendwelcher Sujets. In erster Linie gehe es der Künstlerin um den "expressiven Ausdruck des aus der Fantasie heraus Gemalten und Gezeichneten" (Zitat Liebel). Landschaftliche oder stadtlandschaftliche Motive thematisiert Ute Haas ebenso wie das Innere eines Raumes. Dabei verzichtet sie ganz bewusst, fast schon provozierend, auf perspektivische Stimmigkeiten. Ebenso umgeht die Landshuterin gerne die von der Natur vorgegebenen Farben, wenn sie mit Buntstiften oder farbigen Kreiden Umrisse bewusst krakelig, wie bei Kinderzeichnungen wiedergibt. Mitunter sind es collageartig aufgeklebte Papierfetzen oder Wellpappe, die Ute Haas flächig übermalt. "Das verleiht diesen Bildern eine Tiefenschichtung und eine gewisse Plastizität", konstatiert der Kunsthistoriker, der sich "stilsprachlich ein wenig an die Arbeiten des späten Paul Klee oder an die reifen Zeichnungen von Pablo Picasso" erinnert sieht. Und so attestiert er, dass es bei den Bildern von Ute Haas auch darum gehe, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, zu erleben und zu empfinden. Die Kunst bestehe darin, Wahrnehmungsmuster, Seherfahrungen, handwerkliches Darstellungsvermögen usw. zu überwinden und sich "unverbraucht dem vermeintlich Unspektakulären zu widmen". Etwa einem Tag im Nebel, der wärmenden Kraft der Wintersonne oder der milden Atmosphäre einer Stadt im Juniregen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren